Das A-Festival ruft...

Eine ganze Batterie an Scheinwerfern enthebt den roten Teppich am Potsdamer Platz der Banalität. Was strahlt, wird wichtig - wenn auch nur für 10 Tage...
 

Diesmal liegt der Vorteil klar auf Seiten Berlins. Während man in den Vorjahren selbstverständlich aus milderen Gefilden in die Hauptstadt des Eiswindes und der hässlichen Wetterkapriolen reiste, war es dieses Jahr so, dass man auch in den übrigen Metropolen des Landes sibirische Bedingungen lebte und Berlins Kälte einen ausnahmsweise gar nicht überraschte.

 

Gleich der Flug nach Berlin war filmreif: Kaum saß man im Flieger, deutete der Pilot vorsichtig an, dass der LKW mit den Containern dummerweise das Flugzeug gerammt und beschädigt habe. Doch die Techniker seien dabei, den Schaden provisorisch zu flicken...

 

Nach nur einer Stunde Verspätung hob die Maschine dann tatsächlich ab und sämtliche Flugzeug-Katastrophenfilme der 80er Jahre liefen auch ohne "Flight-Entertainment"-Programm in den Passagieren ab. Und - oh Wunder! - kein schüchterner Fluggast mit Flugmodell-Erfahrung musste einspringen und die Maschine selbsttätig landen; man landete sicher in Tegel und konnte sich langsam dem eigentlichen Ziel, der Berlinale, nähern.

 

Kinokarten, welche Kinokarten?

War es schon in den Vorjahren immer schwieriger, mit der "Filmindustrie"-Akkreditierung Kinotickets zu bekommen, so scheinen die Counter in diesem Jahr hoffnungslos der Mangelverwaltung zu unterliegen. Glück gehabt! Für Montag noch zwei Tickets fürs Kino bekommen. Nein, natürlich keine Wunschfilme, sondern die einzigen Titel, die noch erhältlich waren. Die freundliche Dame hinter dem Counter nimmt es mit Humor, warnt hier und da noch vor ein paar zwar erhältlichen, aber wohl einfach indiskutablen Filmen einer der Berlinale-Spezialreihen.

 

Sonntag, 12. Februar,- Überschattet

Ticketcounter...

Zuerst nur am Rande, dann aber immer unübersehbarer, bohrt sich die Nachricht ins kollektive Bewusstsein ein: Whitney Houston, eine der genialsten Stimmen der Pop-Musik, stirbt 48jährig in ihrem Hotelzimmer. Denkt man an "Bodyguard", jenen Filmerfolg, der 1992 den Höhepunkt ihrer Karriere markierte, wird klar, dass sie dort nicht nur eine Rolle verkörperte. Allein der Soundtrack "I will always love you" verkaufte sich 20 Millionen Mal. 

 

Mit ihrer genialen Stimme und Präsenz schaffte sie es, selbst hoffnungslos kitschige Songs so überzeugend zu interpretieren, dass sie damit die Welt eroberte - zu Recht und verdient. Und in "Bodyguard", einem mustergültig nach allen Drehbuchregeln gebauten Film, der dank ihrer und Costners Präsenz rührt, nahm sie vieles vorweg, was später auch ihr eigenes Leben aus den Fugen geraten ließ.

 

Berlinale Remake

Das Format "Filmfestspiele" kopiert sich selbst. Rund um den Potsdamer Platz leuchtet wieder die obligate Weihnachtsbeleuchtung. Wäre da nicht das neue Plakat, gäbe es kaum visuelle Unterschiede zu den Vorjahren.

 

Auch in diesem Jahr finanzieren die Fachbesucher die Festspiele kräftig mit, die Presse zahlt 60, Fachbesucher zahlen sogar 100 Euro für die Akkreditierungen und die obligate Berlinale-Tasche ist in diesem Jahr noch schlichter und aus Stoff - mal sehen, wann es schlichte Jute-Beutel mit Berlinale-Aufdruck werden. Den Katalog kriegen die Akkreditierten auch nicht mehr, den darf man dazukaufen, wenn man mag - das Filmbusiness kostet eben.

 

Montag: Familientreffen mit Verlusten

HFF-Empfang in der Home-Base

Am Nachmittag fand einmal mehr in guter Tradition die Einladung der HFF München in die Home-Base statt, ein Treffpunkt für aktuelle und ehemalige HFFler, bei dem man ungezwungen bei Kaffee und Kuchen zusammen kommt. 

 

Ganz still, ohne, dass die meisten davon erfuhren, machte unter den Ehemaligen und den HFF-Mitarbeitern die Nachricht die Runde, dass Wolfgang Längsfeld, der jahrelange Spielfilm-Professor, am Sonntag, dem 12. Februar, verstorben ist. Die Meisten nannten ihn einfach nur Lä, meist hatte er sein Jackett nur lose über die Schulter gehängt und trug eine getönte Brille auf der Nase. So wird man ihn in Erinnerung behalten.

 

Wie seltsam, ja unverständlich, dass man den HFF-Empfang nicht genutzt hat, um die traurige Nachricht bekannt zu geben und in einer Schweigeminute seiner zu gedenken.

 

Gewiss, es waren unter den jungen Studenten vermutlich keine, die ihn noch in seinem Amt erlebt haben, doch es waren genügend Ehemalige dort, die ihn kannten, und wenn es einen Zeitpunkt und Ort gegeben hat, an ihn zu erinnern, wäre es heute und hier gewesen.

 

Arte Empfang in der Akademie der Künste

Arte-Empfang in der Akademie der Künste

Der Arte-Empfang ist eines dieser Events, auf denen man viele eher spannende Vertreter des deutschen Films antreffen kann, nachdenkliche, kreative, kritische Filmschaffende, eben jene, die den Kulturkanal mit Programminhalten füllen. 

 

Natürlich sind auch diverse Film-Funktionäre darunter, der sichtbare Beleg dafür, dass Film eben immer auch mit Einfluss, Gremien und Macht zu tun hat, aber eben auch ganz viele Kreative, denen ein spannendes, hochwertiges Kulturprogramm ein Anliegen ist und bleibt.

 

Das Büffet ist einfach und klar und nicht so gequält kompliziert wie im Vorjahr und sogar vegetariertauglich, ein großer Pluspunkt. An manchen Tischen hört man, dass sich die Fälle häufen, in denen bei TV-Produktionen anderer Sender als Arte (vornehmlich Privatsender) die Regisseure nach einer Rohschnittabnahme einfach aus dem Schneideraum verbannt wurden und nach Wünschen der Redakteure geschnitten wurde. TV-Produzenten werden damit von qualitätsverantwortlichen kreativen Herstellern zu Handlangern der Redakteure, eine ungute Entwicklung, welche die Übermacht der Sender im deutschen Film auf schmerzliche Weise untermauert.

 

Dienstag, 14. Februar

Internationaler Filmmarkt im Martin-Gropius-Bau

Man mag es kaum glauben, aber es wird wärmer und die Sonne ist durch die Dunstwolken deutlich zu spüren. Was man noch weniger glauben kann, ist, dass auf dem internationalen Filmmarkt bereits einzelne Anbieter ihre Stände räumen. 

 

Die Zyklen, in denen Filme hier verkauft werden, sind immer kürzer, aber vielleicht haben die betreffenden Vertriebsfirmen ja in den ersten Tagen des Festivals schon die wichtigsten Verkäufe getätigt und wollen einfach nicht länger in der stickigen Luft der Gänge des Gropius-Baus verweilen.

 

Schon ein einziger Rundgang über den Filmmarkt offenbart, welch großes Frischluftdefizit die Marktteilnehmer in den Gängen erleiden. So manchen sieht man abends völlig erschöpft in einem der umliegenden Restaurants am Potsdamer Platz. Die große Mittelhalle hingegen ist entweder ausreichend belüftet oder groß genug, genügend frische Luft zu speichern.

 

Erkennbar ist das frühe Abreiseverhalten auch an den Ticket-Countern, wo es nun vereinzelt sogar möglich wird, einzelne Filme im Wettbewerb anzuschauen.

 

Film at its best

Treffpunkt der Kameraleute und Postproduktion bei Kodak

Am Nachmittag lud Kodak an die "Berliner Freiheit" ein, wo man an den Stehtischen im kleinen Kreise natürlich auch über die Zukunft des analogen Films diskutierte. Dass Kodak zugleich mit den wirtschaftlichen Problemen der amerikanischen Mutterfirma das neue Vision 3 mit 50 Iso vorgestellt hat, ist ein mutiges Signal - ein Material, das eine traumhafte Farb- und Kontrastwiedergabe bietet. Dass mehr und mehr Produktionen digital gedreht werden, zeichnet sich deutlich ab, dennoch hat Film in verschiedenen Zusammenhängen auch in Zukunft eine große Bedeutung.

 

Worüber sich offensichtlich all die Produzenten digitaler Filme beispielsweise wenig Gedanken machen, bleibt nach wie vor die Archivierung der Filme. Hier stehen eben über 100 Jahre Zuverlässigkeit des klassischen Filmmaterials einer extrem kurzzeitigen Lebensdauer von Festplatten gegenüber. Man kann nur hoffen, dass die Produzenten und Fernsehanstalten bald dahinter kommen, dass es noch kein funktionierendes Langzeit-Archivierungsverfahren für Filme gibt. Außer Film.

 

Eisglätte und Teppichtemperaturen

Staraufgebot am roten Teppich

Man kann nicht wirklich behaupten, dass die auf den Nullpunkt gestiegenen Temperaturen wirklich helfen, wenn die Stars in dünner Sommerkleidung über den Teppich schreiten. Vielfach schreiten sie nicht einmal, sie bleiben stehen, verharren mehrere Ewigkeiten (bis zu 10, 15 Minuten lang!) für die Fans und Fotografen. 

 

Das kann man nur mit großem Respekt betrachten, manch anderer müsste nach solchen Tiefkühlauftritten, wie sie in den letzten Tagen hier stattfanden, in die Notaufnahme eingeliefert werden.

 

Heute hat es Darsteller und Teammitglieder von "Tabu", dem portugiesischen Wettbewerbsbeitrag von Miguel Gomes, erwischt, die vor der Aufführung ihres Filmes tapfer zitternd in die Kameras lächelten. 

 

Nicht so sehr gezittert hat vermutlich der Herr mit dem roten Schal ganz links auf unserem Foto: Festivaldirektor Dieter Kosslick, der stets mit Mantel, Schal und Hut bekleidet optimal für Berliner Festivalwinter vorbereitet ist.

 

Mittwoch, 15. Februar

Das Filmbüro NW ist vor allem ein Verband in dem sich die Filmemacher zusammengeschlossen haben, um Filmpolitik mitgestalten zu können.
 

Kaum ist die sibirische Luft weg und die 0 Grad sind erreicht, ist er wieder da, der hässliche Berliner Wind, der auch etwas weniger niedrige Temperaturen äußerst unangenehm werden lässt.

 

Früh am Morgen luden einmal mehr die Filmanwälte von SKW Schwarz zum Early Morning Brunch an den Gendarmenmarkt ein. Gastgeber Mathias Schwarz nannte in seiner Begrüßung die aktuell wichtigsten Themen der Filmbranche aus juristischer Sicht.

 

Und in der Tat waren unter den Gästen zahlreiche Medienmanager, die an der Ausgestaltung so mancher medienrechtlicher Gesetze und Regeln mitwirken.

 

Filmfrühstück beim Filmbüro

Das Filmbüro NW lud in das Haus der Kulturen zum gemütlichen, ungezwungenen Frühstück ein. Das gut besuchte Event führte deutlich vor Augen, welche Vielschichtigkeit die Filmszene in NW zu bieten hat. Film findet eben nicht nur in millionenschweren Aushänge-Produktionen der Filmstiftung statt, sondern vor allem in den kleineren Independent- und Low-Budget Produktionen.

 

Am Spätnachmittag und Abend dann endlich zwei Wettbewerbsfilme gesichtet, zugegeben, veritable Produktionen, ob diese allerdings wirklich in den Wettbewerb gehörten, sei vorsichtig angezweifelt. 

 

Donnerstag, 16. Februar

Medienminister Thomas Kreuzer beim FFF-Empfang 2012

Traditionell trifft sich hier vornehmlich die bayerische Filmszene in der Vertretung des Landes Bayern beim FFF-Empfang, wobei das nicht zu eng gesehen wird, denn auch viele "Nordlichter" des deutschen Films, wie Detlef Buck, wurden gesichtet. Einmal mehr verkündeten FFF-Geschäftsführer Klaus Schaefer und Medienminister Thomas Kreuzer Erfreuliches aus der Welt des Films. 

 

22 % Marktanteil des deutschen Films in den Kinos 2011 sind tatsächlich ein stolzer Wert und eine Steigerung gegenüber dem eher schwachen Jahr 2010. Der eher anspruchsvolle Filmliebhaber sollte bei der Nennung der Titel, die solche Anteile errungen haben, lieber weghören, denn die Massen ziehen eher anspruchlosere Filme in die Säle.

 

Letztlich tragen auch diese Filme dazu bei, dass Fördereinrichtungen wie der FFF auch hochstehende, gehaltvolle Projekte unterstützen können. Denn auch hier wird Film eben nicht nur als Geschäftsmodell, sondern auch als Kulturgut betrachtet, welches es zu pflegen gilt, gerade in Zeiten, in denen das Kino längst nicht mehr der einzige Ort ist, an dem man die Filme anschauen kann.

 

Heimreisen

Team und Darsteller von "Postcard from the zoo"

An den Koffern, die bei der FFF-Garderobe abgegeben werden und den vielen Menschen, die mit nervösem Blick auf die Uhr mit denselben die Veranstaltung später verlassen, erkennt man, dass für viele der Donnerstag der Abreisetag von der Berlinale ist. Auch in diesem Jahr waren starke und spannende Filme in Berlin zu sehen und auch in diesem Jahr liefen diese nicht unbedingt im Wettbewerb. 

 

Hier waren einmal mehr auch diverse Quoten- oder Staraufgebotsfilme zu sehen, das ist etwas schade, verlässt man sich doch gerne auf die angeblich höchste Qualität der Filme im Wettbewerb. Andererseits handelt ein solch großes Festival stets auch filmpolitisch, es braucht zudem klingende Namen, die nicht in Nebenreihen laufen wollen - das darf man nicht vergessen und sollte umso neugieriger die übrigen Reihen besuchen.

 

Zwei Tage noch, dann wird er wieder zusammengerollt, der rote Teppich, werden die vielen Heizstrahler, die das Überleben der Stars bei sibirischen Temperaturen sicherten, werden die Scheinwerfer und die Kamerakräne wieder abgebaut, werden die Ü-Wägen weggefahren. Dann wird der Potsdamer Platz wieder von normal sterblichen Menschen ohne Akkreditierungsausweise um den Hals baumelnd, besucht.