Auch 2003 hat das Münchner Filmfest viele parallele Filmreihen zu bieten, die in sich soweit zwar zusammenhängen, dem Festival im Ganzen jedoch etwas die Übersichtlichkeit nehmen.

 

Um einen möglichst repräsentativen Querschnitt an Filmen zu besprechen haben wir Filme aus verschiedenen Reihen gesichtet und hoffen, dass wir ein breites Spektrum des internationalen Filmschaffens damit erfassen können.

 

Stärker als auf anderen Filmfesten wird in München dem TV- Movie oder wie man bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern sagt, dem Fernsehspiel großer Spielraum eingeräumt, solange es sich um Filme mit Kino-Atem handelt, sicher keine beklagenswerte Haltung.

 

Dafür danken die TV-Sender dem Festival dieses Abspielforum durch ihre Unterstützung in vielfacher Hinsicht. Diverse Preise und Veranstaltungen werden von den Fernsehsendern mitfinanziert und tragen damit zur Attraktivität des Münchner Filmfests bei.

 

"Das Leben ist ein einziges Spiel"

Roberto Faenzas neuester Film "The Soul Keeper"

Nichts kann diesem Film mehr schaden, als eine knapp formulierte inhaltliche Vorankündigung. So wird diese als Spielort eine Nervenheilanstalt nennen und dabei die Methoden Siegmund Freuds erwähnen, wodurch das Vorurteil evoziert wird, es handele sich hierbei um einen schwerlastiges, zur Depressivität neigendes Psychodrama. Folgt dann im weiteren Handlungsverlauf eine Liebesaffäre zwischen einem Arzt und einer Patientin drängt sich der Verdacht auf, der Film drohe in eine eindimensionale Romanze abzugleiten. Tatsächlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen und schafft auf diese Weise das Spannungsfeld für ein brillantes und zugleich spannendes Kino.

 

Als Teil der diesjährigen Italien-Tetralogie des Münchner Filmfestes greift Regisseur Roberto Faenza auf einen zufällig entdeckten Briefwechsel zwischen Siegmund Freud und Carl Gustav Jung, einem Nervenarzt aus Zürich, zurück. Im Zentrum dieser Briefe steht Sabina Spielrein, Tochter russischer Emigranten, die im Alter von 19 Jahren von ihren Eltern in der Züricher Psychartrie zurückgelassen wird. Allein der Sigmund Freud Schüler Carl Gustav Jung findet zu der Patientin Zugang und kann auf diese Weise ihren Heilungsprozess vorantreiben. Dabei entwickelt sich zwischen Arzt und Patientin eine sinnliche Liebesaffäre, die insbesondere den verheirateten Familienvater in einen Gewissenskonflikt bringt. Letzen Endes ist überliefert, dass Sabina Spielrein in Russland selbst als Psychoanalytikerin praktizierte und 1942 von den Nazis erschossen wurde.

 

Hierbei wird deutlich, dass die Fiktion partiell von der Realität überlagert wird, wenn auch nicht jedes Detail im einzelnen widergegeben werden kann. Dass Roberto Faenza diesen Anspruch für sich nicht erhebt, verdeutlichen die dramaturgischen Eingriffe in dessen Bearbeitung. So integriert er z.B. ein fiktives Tagebuch von Sabina Spielrein, das von einer Moskauer Studentin Jahrzehnte später durch Zufall entdeckt wird. Ihre Rezeption des Buches bildet die Erzählperspektive und lenkt zugleich die Sichtweise des Filmes. Unter diesem Blickwinkel scheut Roberto Faenza nicht den Mut zur Drastik und Hässlichkeit. Insbesondere die ersten Minuten illustrieren das Leben hinter den Mauern einer Psychartrie um die Jahrhundertwende bestehend aus Blut, Suizid, unverarbeiteten Traumata, Eintönigkeit, Isolation und physischer Knechtung. Erst die Psychoanalyse von Carl Gustav Jung, die verdrängte traumatische Erfahrungen zum Vorschein bringt, projiziert in den Film die Sensibilität für das Irrationale und Unterbewusste der menschlichen Psychologie.

 

Das Leben, so erklärt Sabina Spielrein, habe allein Traumata und Ängste hervorrufen. Sie ist von der Wirklichkeit vergessen worden, ein "fair play", wie es ihr Name fordert, ist dabei nicht zu erwarten. Es gehört dabei zu den Stärken von Roberto Faenzas Film, diese leitmotivischen Depressionen nicht als eine singuläre Charakterstudie zu zeichnen, sondern auch auf den Arzt zu übertragen. Auf diese Weise räumt Faenza mit dem Vorurteil auf, psychologische Probleme seien allein Geisteskranken zuzuschreiben. In diesem Sinne basiert die einsetzende Liebesaffäre auf dem gegenseitigen Eingeständnis persönlicher Schwächen und verwischt so die ursprünglichen Grenzen zwischen Arzt und Patient. Diese seelische Einheit in all ihren Facetten schafft eine intime Nähe fernab jeglicher Konvention und durchläuft so einen schmalen Grad zwischen eindimensionaler Romanze und tiefenpsychologischer Wirksamkeit.

 

Dass letzten Endes der Nervenarzt Carl Gustav Jung dieser Unmittelbarkeit nicht mehr standhält und in sein konventionelles Familienleben ohne Sabina Spielrein zurückkehrt, macht die Schwäche der menschlichen Natur am Ende umso deutlicher. Während Sabina Spielrein inzwischen in Moskau lebt, verbleibt Carl Gustav Jung in Zürich der Gefangene seiner selbst. Allein die transzendentale geistige Übereinkunft mit seiner ehemaligen Patientin bildet den letzten Fluchtpunkt des alternden Mannes, der begreifen muss, daß "ein Leben ohne Seele kein Leben ist."

 

Welche Gründe nun auch immer eine Rolle gespielten haben mögen, weshalb am Eröffnungstag der Münchner Filmfestspiele der Kinosaal nur zu einem Drittel gefüllt war, soll hier nicht diskutiert werden. Fakt ist, dass die internationale Produktion aus Italien, Frankreich und Großbritannien in Deutschland noch immer keinen Verleih gefunden hat und mit großer Wahrscheinlichkeit der hiesigen Öffentlichkeit entgehen wird. Vielleicht war es im Hinblick dieser mäßigen Rahmenbedingungen auch besser so, dass Roberto Faenza auf dem Weg zum Arri-Kino einen Schwächeanfall erlitt und dem Geschehen fern blieb.

Gesehen von Bogdan Büchner

 

The Weather Underground

Dokumentation von Sam Green & Bill Siegel

Die späten 60er und frühen 70er: Zeit des Aufruhrs, Zeit von Studentenprotesten, Zeiten der Revolution. Auch in den USA ist die Situation angespannt. Hier stellte wohl der Vietnamkrieg die stärkste Motivation für Proteste und Wut gegen die Regierung dar. Doch bereits vor Kriegsbeginn zählte die "SDS" (Students for a Democratic System) Hunderttausende Mitglieder. Ziel war es durch friedvolle Demonstrationen, nach Martin Luther Kings Vorbild, die Gesellschaft aufzurütteln und das System zu verändern. Mit Beginn des Krieges in Vietnam schieden sich jedoch bei SDS die Geister. Eine Gruppe von gewaltbereiteren jungen Männern und Frauen löste sich von der Studentenbewegung und schloss sich zu den "Weather Men" und "Women" zusammen. Unter dem Slogan "Bring the war home" war es ihr Anliegen alle Amerikaner wachzurütteln und den Krieg gegen Vietnam zu stoppen. Hierbei zögerten sie nicht Anschläge auf Militäreinrichtungen, Polizeidepartments und Regierungseinrichtungen zu verüben. So entwickelte sich aus der Studentenbewegung eine militante Gruppe, deren Mitglieder schließlich vom FBI verfolgt in den Untergrund fliehen mussten.

 

Sam Green und Bill Siegel zeichnen ein authentisches Bild der angesprochenen Zeit. Durch Archivmaterial aus Nachrichten, Zeitungen, des FBI und privater Videoaufnahmen wird die aufgeheizte Atmosphäre der späten 60er wieder lebendig. Zusätzlich versetzen Bilder des Vietnamkrieges den Zuschauer inmitten der Ereignisse. Schonungslos werden Bilder des Krieges gezeigt. Gnadenlos ehrlich, schockierend, ohne Zensur und frei von jeglicher Wertung. Vielleicht gerade deshalb so schwer zu verdauen.

 

Der Zuschauer wird in der Zeit zurück gesetzt und kann bzw. muss die Lage selbst beurteilen. Zwischen die Berichterstattung der Geschehnisse mischen Sam Green und Bill Siegel Statements ehemaliger Mitglieder der "Weather Men" und anderer Zeitzeugen. Von damals und von heute. So werden eine Handvoll "Weather men" und "women" wieder lebendig. Greifbar und menschlich. Jeder zieht für sich Bilanz, schildert Erinnerungen und Gedanken. So wird dem Zuschauer dasselbe Thema aus zum Teil völlig verschiedenen Blickwinkeln dargelegt. Manch einer rechtfertigt sich, andere rühmen sich dabei gewesen zu sein. Aus diesen Meinungen und Lebensgeschichten steht es dem Zuschauer frei sein eigenes Bild zu konstruieren und ein Urteil bilden.

 

Ein Muss für alle, die das Denken noch nicht verlernt haben!

gesehen am 30.6. von Almut Jürgens

 

House of Fools

Drama von Andrej Kontschalovskij

Ein Heim geistig behinderter Menschen - irgendwo zwischen den russischen und tschetschenischen Fronten - hierhin entführt Andrej Konschalovskij das Publikum seines auf wahren Begebenheiten beruhenden Dramas.

 

In dem dort herrschenden Tohuwabohu vermag man anfangs kaum zwischen Patient und Pflegepersonal zu unterscheiden. Befremdlich erscheint diese grotesk überzeichnete Welt für den Zuschauer. Doch schnell entdeckt man in dem chaotischen Trubel liebenswerte Persönlichkeiten. Wirklich befremdlich ist lediglich Popsänger Brian Adams. Die Anstaltsinsassin Janna flüchtet sich immer wieder in ihre Traumwelt, in der Brian Adams und sie ein Paar sind. Dieser ist in dem Film allerdings nicht nur durch seine Musik ständig präsent, sondern tritt auch physisch in Jannas Träumen in Erscheinung.

 

Nach 104 Minuten werden seine kitschigen Auftritte allerdings etwas anstrengend. Wenn sich Konflikte abzeichnen greift Janna zu ihren Akkordeon und aus den bläulich unterkühlten Bildern des Filmes wird eine hell-leuchtende heile Welt, in der die Menschen tanzen und fröhlich sind. Als der tschetschenische Krieg ausbricht und Arzt und Pflegepersonal verschwinden, sind die Heimbewohner auf sich gestellt. Doch angesichts von Bombenangriffen und Soldaten, die das Heim als Unterschlupf nutzen, ist es mit der scheinbar errungenen Freiheit schnell vorbei. Als der Soldat Ahmed Interesse an Janna zeigt und sie schließlich fragt, ob die ihn heiraten würde, stürzt Ahmeds Werben Janna in große Gewissenkonflikte gegenüber ihre Liebe zu Brian Adams. Nach reichlicher Überlegung entscheidet sie sich für Ahmed. Am Tag ihrer Abreise, der aus einer liebevollen Abschiedszeremonie zwischen den Bewohnern und ihr besteht, wird deutlich, wie sehr die Heimbewohner ihre Familie geworden sind. Doch dieses Zuhause erkennt Janna nicht, ihr Wunsch nach einem anderem Leben ist größer. Also macht sie sich auf den Weg zu Ahmed, dessen Freude über das Auftauchen seiner Zukünftigen eher gemäßigt ist. Der schüchterne Heimbewohner und Poet Ali, der seit längerem in Janna verliebt ist, macht sich schließlich auf dem Weg sie zurückzuholen.

 

Jannas Traurigkeit über Ahmeds gebrochenes Versprechen wird vom Einmarsch der russischen Soldaten überschattet. Für die Bewohner stehen Zusammenhalt und Fürsorge füreinander jetzt im Vordergrund. Als Janna eines Tages Ahmed im Heim entdeckt, kann sie ihren Augen kaum trauen. Er gibt sich als einer von ihnen aus, um nicht von den Russen in Gefangenschaft genommen zu werden. Konschalovskij verflechtet in seinem Film geschickt das Leben der für die Außenwelt verrückt erscheinenden Heimbewohner mit der Absurdität des Krieges. Doch das Behindertenheim, von den Soldaten (!) als "Nuthouse" betitelt, ist nicht der eigentliche Ort des Wahnsinns, dieser findet vielmehr auf den kriegerischen Schlachtfeldern statt.

 

Der Regisseur bewegt sich fortwährend auf der Grenze zwischen Tragik und Komik, so wie auch beim Krieg die Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn fließend sind. Dieser Spagat gelingt ihm auch zu großen Teilen, zeitweise driftet er allerdings vom Absurden zu sehr ins Lächerliche ab, was zur Folge hat, dass auch die Ernsthaftigkeit seines Anliegens kurzerhand verschwindet. Trotz alledem ist "House of Fools" ein liebevoll inszenierter Film, der durch seine skurrilen Persönlichkeiten und deren Träume, Hoffnungen und Probleme besticht. Besonders hinreißend fand ich die überzeugende Darstellung der Akkordeonspielerin Janna und dem Poeten Ali. Sehenswert.


gesehen am 28.06.03 von Birgit Bagdahn

 

 

Die wundersame Seichtigkeit einer 80er Jahre Show

 

Benjamin Quabeck scheitert als Reiter auf der Neuen Deutschen Welle!

Bereits der Vorspann von Benjamin Quabecks Film "Verschwende deine Jungend" verrät einen programmatischen Charakter, indem in leuchtgrüner Schrift mit geringer Auflösung die Anfänge des Computerzeitalters zitiert werden und auf diese Weise ein latentes Gefühl der Nostalgie entsteht. Insgesamt ist das Drehbuch von Ralf Hertwig und Kathrin Richter eine Zitatensammlung rund um die Neue Deutsche Welle, die uns in den 80er Jahren allesamt erfasste. Die Story dreht sich um den Sparkassen-angestellten Harry (Tom Schilling), der, erwacht aus der Trance der Schlager und Volksmusik, als Musikmanager der Band "Apollo Schwabing" in seinem "Dorf" München nun zu neuen musikalischen Zeiten aufrufen möchte.

 

Der Haken bei diesem Vorhaben ist die mangelnde Organisation und der Größenwahn des vermeidlichen Managertalents und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Harry plant nicht nur mit dessen Provinzband groß herauszukommen, für diesen Anlass soll vielmehr auch ein entsprechender Rahmen gegeben sein. Warum nicht also gleich den Zirkus Krone als Konzertsaal mieten und die eigene Band zur Vorgruppe von "DAF" machen? Ohne eine gesicherte Zusage von "DAF", dazu mit einer wackeligen Finanzierung, bringt der Bank-Azubi den Stein ins Rollen und sich gleichzeitig um Kopf und Kragen. Harry verliert nicht nur seinen gesamten Besitz, er raubt dazu die Bank seines Arbeitgebers aus, um das Konzert in letzter Minute doch noch zu retten. Ein Märtyrer der Musik, der nichts anderes wollte, als dass sich "die Menschen noch Jahre später an dieses Event erinnern."

 

Darüber hinaus verquicken die Autoren die Hauptstory mit einer Liebes- bzw. Eifersuchtshandlung, um den Bandleader Vince (Robert Stadlober) und dessen Bassistin Melitta (Jessica Schwarz) nicht nur musikalisch, sondern auch emotional in Szene zu setzen. Dieses Strickmuster führt zur Vorhersehbarkeit der Ereignisse, so dass jegliche dramaturgische Spannung wie eine Seifenblase zerplatzt. Dem Stoff fehlt es an kreativen Ideen, intelligenten Konstruktionen und einprägsamen Bildern. Motive und Zitate werden nur angedeutet und wieder fallen gelassen, was eher an eine Nummernoper ohne festen Zusammenhang erinnert. Letzten Endes liegt beinahe eine Episodenstruktur vor, die auch als Endlosschleife denkbar wäre.

 

Natürlich erkennt man in dem Konzept von Benjamin Quabeck auch ansatzweise den Versuch, eine parodistische Sicht auf die 80er Jahre zu werfen. Doch selbst dieses Vorhaben misslingt, da der Regisseur es nicht schafft, die realistische Darstellung in eine drastische Überhöhung der Ereignisse zu verwandeln. Auf diese Weise verlieren die Zitate ihren Boden und verpuffen in einem endlosen Nichts. Diese Seichtigkeit des Spiels ist natürlich auch den Schauspielern zuzuschreiben. Allen voran Tom Schilling, der bereits bei "Herz im Kopf" nicht überzeugen konnte, kann dem Anspruch seiner Rolle (und dem möglichen Anspruch des Regisseurs) nie gerecht werden. Natürlich ist unter diesen Voraussetzung die Erwartung gering, dass trotz mäßiger Dialoge, kraftvolle Bilder entstehen, bestenfalls erinnern sie an einen naiven Teenagertraum.

 

Man bleibt zurück mit der Frage, was Benjamin Quabeck überhaupt dazu bewogen hat, einen derartigen Stoff umzusetzen.

Gesehen am 01.07. 2003 von Bogdan Büchner

 

 

Virgin of Lust

 

Drama von Aturo Ripstein

Was ich haben will, das krieg ich nicht und was ich kriegen kann das gefällt mir nicht (Fehlfarben).
Im nachhinein bereue ich, dass ich nicht früher den Kinosaal verlassen habe. Doch die Angst vielleicht das beste vom Film zu verpassen, ließ mich ausharren. Und so fiel ich die nächsten 2 1/2 Stunden in einer Phase zwischen Halb- und Tiefschlaf, aus der ich des öfteren unsanft von türmenden, über Sitzreihen springenden Zuschauern gerissen wurde. Der Wunsch etwas haben zu wollen, was ich nicht bekam und bis zum bitteren Ende dafür zu warten, konnte ich zumindest mit dem Protagonisten Ignacio, einem Kellner im Cafe Orfelia im Mexiko Stadt der 40er Jahre teilen. Ignacio begehrt die Prostituierte Lola, ihre Liebe wiederum gehört einzig und allein dem

 

Wrestling-Kämpfer Gardenia, der allerdings partout kein Interesse mehr an Lola zeigen will. Die alkoholkranke und opiumsüchtige Lola zergeht abwechselnd in Traurigkeit und Selbstmitleid und in einem besonders großzügigen Moment gestattet sie dem liebeskranken Ignacio ihre Füße zu küssen und ihr bei Erzählungen aus ihrem Leben zu lauschen.

 

In das sadomasochistische Spiel der beiden wird zeitweise der bereits erwähnte Wrestler einbezogen. Doch um hier irgendwelchen Missverständnissen vorzubeugen, Sex haben die beiden nie. Hier bleibt die Zuschauererwartung genauso unerfüllt wie Ignacios Wunschträume. Lola kompensiert lediglich ihren Schmerz indem sie Ignacio leiden läßt. Mehr geschieht nicht zwischen den beiden. So dreht sich die Geschichte pausenlos im Kreis wie eine Spirale bis der Zuschauer vom anschauen müde geworden ist und wieder in einen gelangweilten Dämmerzustand verfällt.

 

Nett ist der Versuch in die Geschichte den spanischen Bürgerkrieg und die Herrschaft Francisco Francos einzuflechten. Doch so richtig mag es Regisseur Arturo Ripstein nicht gelingen. Und als wären Ignacios Qualen nicht schon schlimm genug, so wird dieses Motiv auch noch ein wenig in Richtung Zuschauerraum ausgeweitet, indem Ripstein seine Protagonisten und einige Gäste des Cafes singen lässt. Natürlich über Franco, man muß ja einen Bezug zur Zeit schaffen. Positiv fallen lediglich die warmen Farben der Bilder ins Auge, die zugleich eine geheimnisvolle Atmosphäre schaffen. Schade nur, dass sie mehr versprechen als der Film halten kann.

 

Gesehen am 01.07.03 von Birgit Bagdahn

 

 

„Pulp Fiction“ Reloaded

Jonas Åkerlund versetzt das Publikum in eine beispiellose Achterbahnfahrt!

So eine Europapremiere für den eigenen Debütfilm wünscht sich jeder Regisseur. Kaum sind die ersten fünf Minuten vergangen, demonstriert Åkerlund sein gesamtes stilistisches Repertoire aus harten Schnitten, surrealen Effekten und einer vulgären Sprache, die ohne "Fuck" nicht mehr auszukommen scheint, und der fast vollbesetzte Kinosaal im MAXX 2 tobt. Der Film besitzt keine aufbauende Dramaturgie, er platzt wie eine Bombe in den Kinosaal und schleift das verblüffte Publikum 96 Minuten in einem atemberaubenden Tempo mit. Es ist ein postmoderner Film für ein postmodernes Publikum im Zeitalter der Medien, der Videoclips, des Moralpluralismus, der Oberflächlichkeit, der Ziellosigkeit und des maßlosen Drogenkonsums. Dass dabei eine kohärente Geschichte mit Spannungsaufbau etc. in den Hintergrund tritt, ist die programmatische Absicht des Regisseurs. Er bedient die Oberflächlichkeit der Betrachtung und forciert die Zusammenhangslosigkeit durch ein Konglomerat aus Zitaten von Musik und TV der 90er Jahre.

 

Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein Kreis von lebensunfähigen Versagern, die ihr Leben dem Drogenkonsum verschrieben haben. Ihre Sicht der Dinge basiert nur noch auf einem synthetischen Schein der Wirklichkeit und dennoch träumen alle Protagonisten von dem Höchstmaß der sinnlichen Wahrnehmung ohne Schlaf und Unterbrechung. Auf diese Weise leben sie allesamt in einem unnatürlichen Zeitraffer, unfähig dem Rhythmus des Alltags zu folgen und die eigenen Probleme zu bewältigen. Da gibt es beispielsweise Ross (Jason Schwartzman), einer der vergleichsweise zu den anderen, mit ihrer Derbheit und ihrem Chaos, noch "normal" erscheint. Auf der Suche nach Drogen trifft er auf eine Stripperin, mit der er wenig später in einem billigen Motel ladet. Als sich dann schließlich die Gelegenheit bietet, zu den gewünschten Drogen zu kommen, unterbricht er die Liaison und lässt die Prostituierte ganze vier Tage nackt auf seinem Bett gefesselt liegen. Zugleich trauert er jedoch seiner weitentfernten Liebe Amy nach, die im Gegensatz zu ihm voll im Leben steht und der er eigentlich noch 450 $ schuldet. Sie allerdings hat kein Interesse mehr an seiner Person sowie generell an den männlichen Reizen.

 

Genügend davon hätte potenziell der Cowboy Cook (Mickey Rourke) zu bieten, ein wagemutiger "Chemiker", der die übrigen mit selbst erzeugten Amphetaminen versorgt, alle halbe Jahre mindestens einen Unfall verschuldet und in der Folge ein Motel zu Kleinholz macht. Dessen Freundin Nikki (Brittany Murphy) hat dagegen ihre ganz eigenen Probleme. In knallenge Hot Pants eingezwängt, mit einem rosa Koffer ausgestattet, sorgt sie sich hyperventilierend um ihren kleinen Pudel Taco, der nach ihrer Meinung unbedingt in eine Tagesklinik eingewiesen werden muss. Als Cook in ihrem Beisein jedoch eine Prostituierte wie eine Pizza bestellt, ist das Maß voll und die "Beziehung" zu ihm beendet. Erneut wird der willenlose Ross als Fahrer missbraucht, um Nikki zu einem Bus ins Nirgendwo zu bringen. Last but not least erzählt der Film von Spider Mike (John Leguizamo), einem Dealer, der jedoch ständig seine Ware verliert. Auch er bedient sich gern der diversen Sexhotlines, während seine Freundin schnell auf der Toilette verschwindet. Schließlich fliegt er jedoch auf, da Frisbee (Patrick Fugit), ein Kunde von ihm, ihn der Polizei ausliefert. Frisbee ist das Bild eines Versagers. Das Gesicht mit Pickeln gezeichnet, wohnt er gemeinsam mit seiner fettleibigen Mutter in einem Wohnwagen, um entweder fettiges Fleisch zu verzehren oder blutrünstige Computerspiele zu spielen. Von der Polizei erwischt werden wie im Leben immer die kleinsten, nur das bei Frisbee das American TV mit dem Format "Real Cops, Real People, Real Trouble" live dabei ist.

 

Letzen Endes trägt der Film primär die Handschrift eines Videoclip Regisseurs. Daher muss sich der Zuschauer zunächst an die schnelllebige Virtuosität von Jonas Åkerlund gewöhnen. Es scheint zeitweise fast so, als ob sich Bild, Ton, Darsteller, Figuren und Text nicht mehr aufeinander beziehen, sondern isoliert voneinander funktionieren. Die ständig neue Mixtur der unterschiedlichen Zeichen hebt die Story letztendlich auf eine surreale Ebene, wie sie von den drogensüchtigen Protagonisten wahrgenommen wird. Selbst die harten Schnitte forcieren in diesem Zusammenhang ein dermaßen mangelndes Zeitgefühl, so dass selbst Baz Luhrmann schwindlig werden würde. Allein zum Schluss kommen die Figuren und damit auch der Zuschauer zur Ruhe. Das Chaos verwandelt sich in einen ruhevollen Schlaf, das Leben kehrt zurück in die Normalität, fernab einer unendlichen synthetischen Wahrnehmung für jeden Augenblick.

 

Bei der Rezeption des Filmes kann man natürlich als Kritikpunkt anführen, dass der Stil von Jonas Åkerlund für den Zuschauer nichts Neues bedeutet. Dieser Ansatz ist jedoch kaum haltbar, wenn man bedenkt, dass der Regisseur nie eindimensionale Bilder konstruiert. Er zeigt eine Gruppe voller Leben, voller Freiheit, jedoch auch voller Verzweiflung, voller Unglück, voller Perspektivlosigkeit. Es sind die Facetten des Lebens, was will der Zuschauer mehr.

Gesehen am 02.07.2003 von Bogdan Büchner

 

 

 

Dirty pretty things

Was passiert, wenn in der Toilette eines Nobelhotels ein menschliches Herz gefunden wird? Kino vom allerfeinsten nimmt seinen Lauf:

Okwe hält sich illegal in London auf. Die schüchterne Türkin Senay, die von New York träumt ebenfalls. Beide arbeiten im Nobelhotel "Baltic". Hier werden keine Fragen gestellt und es ist auch besser selbst keine zu stellen. Auch nicht, wenn man in einer verstopften Toilette ein menschliches Herz findet. Das muss Okwe erfahren, als er den Fund seinem Chef Sneaky vorlegt. Denn der betreibt neben dem Hotel ein weiteres Geschäft: er verkauft illegalen Einwanderern Pässe. Seine Kunden bezahlen, indem sie sich eine ihrer Nieren für seinen Organhandel entfernen lassen. Durch seine Vergangenheit erpressbar und seinem ärztlichen Gewissen verpflichtet, wird Okwe von Sneaky immer weiter in den Strudel von Gewalt, Verzweiflung der Einwanderer und Kaltblütigkeit der Organmafia gezogen. Senay indessen muss vor der Ausländerpolizei flüchten, und sich gegen skrupellose Arbeitgeber durchsetzten, um ihrem Traum von New York näher zu kommen. Schließlich verzweifelt, beschließt sie mit Sneaky einen seiner Deals einzugehen.

 

Stephen Frears hat mit "Dirty Pretty Things" einen brillanten Thriller auf die Leinwand gebracht, der fesselt, schockiert, amüsiert und zu Tränen rührt. Was sicher auch an den sympathischen Hauptfiguren und ihren Darstellern liegt. Chiwetel Ejiofor nimmt man die Rolle des nigerianischen Arztes auf der Flucht vor Regierung und sich selbst durchweg ab. Und das nicht nur weil er schwarz ist. Die fabelhafte Audrey Tautou begeistert als Senay mit "Amélie-Charme" und akzentreichem türkischen Englisch.

 

Gesehen am 02.07.2003 von Almut Jürgens

 

Oasis

Drama von Chang-Dong

Der leicht minder bemittelte, nervöse Chong Du ist das schwarze S chaf der Familie. Kaum aus dem Gefängnis wegen Fahrerflucht und Totschlag entlassen, befindet er sich schon nach kürzester Zeit, diesmal wegen Zechprellerei, wieder auf dem Polizeirevier. Widerwillig bemüht sich seine Familie darum, aus ihm wieder einen anständigen Menschen zu machen. Eines Tages beschließt Chong Du sich bei der Familie des Opfers, das bei dem von ihm verursachten Unfall starb, zu entschuldigen. Auf diese Weise lernt er deren spastisch gelähmte Tochter Kong Ju kennen. Die junge Frau lebt von der Außenwelt abgeschnitten und ohne soziale Kontakte in einem kleinen Apartment. Lediglich fürs Essen wird von einer Nachbarin gesorgt. Wenn sich allerdings der Kontroll-Besuch vom Amt ankündigt, wird Kong Ju herausgeputzt und in die Wohnung ihres Bruder gebracht, wo sie wie ein Dekorationsstück vorgeführt wird. Schließlich will man sich ja nicht unterstellen lassen, sich nicht richtig um sie zu kümmern. Danach steht der Rücktransport in ihr Apartment an. Chong Du ist fasziniert von der ungewöhnlichen Frau. Immer öfter sucht er ihr Apartment auf und läßt Ihr Blumen und Präsente zukommen. Doch da sie die Wohnung nicht verlassen kann, verschafft er sich notgedrungen Zutritt zum Apartment. Ihr nun endlich nahe zu sein, verstärkt sein Begehren. Er kann sich kaum zurückhalten, was fast zu einer Vergewaltigung führt. Völlig entsetzt über sein Verhalten, hinterlässt er die verstörte Frau. Im Laufe der Zeit gelingt es jedoch den beiden sich anzunähern und eine innige Beziehung aufzubauen. Zusammen schaffen sie sich ihre eigene kleine Welt, in der ihre Behinderung keine Rolle spielt. Liebevoll kümmert sich Chong Du um sie, hilft ihr bei der Bewerkstelligung alltäglicher Dinge wie Haare waschen, Wäsche aufhängen, die für sie problematisch sind. Im Gegensatz zu ihr, ist er mit der Welt außerhalb des Apartments bestens vertraut. Auch wenn er dort eigentlich gar nicht richtig hinzugehören scheint. Mit absoluter Selbstverständlichkeit nimmt er sie mit nach draußen und entdeckt mit ihr zusammen das Alltägliche neu.

 

Es ist wunderschön mit anzusehen, wie Kong Ju wieder Freude an ihrem Leben hat und ihre Behinderung vergessen kann. In Traumsequenzen erfährt der Zuschauer die Sicht der Dinge aus ihrer Perspektive. Endlich wird sie nicht mehr verleugnet, sondern bildet den Mittelpunkt im Leben eines anderen Menschen. Auch für Chong Du stellt die Liebesbeziehung eine Bereicherung dar. Er ist nun ernsthaft bemüht ein besseres Leben zu führen. Sogar einen Job sucht er sich. Je mehr man an dieser liebevollen Beziehung teil hat, desto trauriger ist es mit ansehen zu müssen, wie diese von der Außenwelt aufgenommen wird. Nicht einmal die eigenen Familien nehmen die Liebe und Verbundenheit der beiden wahr. Ihre Liebe scheint fast an diesem Unverständnis zu zerbrechen. Die Schlussszenen des Films sind in dieser Hinsicht besonders tragisch. Das Liebespaar wird, als sie das erste Mal miteinander schlafen, von Kong Jus Familie überrascht. Keiner kann sich vorstellen, dass dieser Liebesakt von beiden gewollt ist. Chong Du wegen Vergewaltigung festgenommen. Kong Ju ist von dem Vorfall völlig geschockt. Auch wenn sie die Möglichkeit hätte, die Wahrheit zu schildern, würde es keiner glauben. Chong Du gelingt es aus dem Polizeirevier zu flüchten. Bevor er ins Gefängnis muss, will er noch eine Sache erledigen: Die Äste des Baumes absägen, deren Schatten Kong Ju in ihrer Wohnung Angst bereiten. Für die Außenwelt ist Chong Du nun völlig verrückt geworden.

 

„Oasis" ist ein aufwühlender Film, der durch die glaubhafte Darstellung der Charaktere berührt. Besonders Schauspielerin Moon So-Ri spielt die spastisch-gelähmte Frau so überzeugend, dass man völlig überrascht ist, wenn sie sich in den Traumsequenzen aus ihrem Rollstuhl erhebt und sich wie eine ganz normale Frau bewegen kann. Hochachtung. Regisseur Chang-dong zeigt eindrucksvoll diese ungewöhnliche Beziehung, die nicht wegen Kong Jus Behinderung problematisch ist, sondern durch das Unverständnis der Mitmenschen. Sehenswert.

Gesehen am 29.06.03 von Birgit Bagdahn

 

Die Geschichte einer grauen Maus

 

Hendrik Handloegten persifliert mit "Liegen Lernen" die Kleinbürgerlichkeit der 80er Jahre.

Es scheint fast so, als ob die kreativen Köpfe der deutschen Filmbranche die 80er Jahre als neues Eldorado für zuschauerwirksame Filmstoffe entdeckt haben. Zumindest knüpft der neue Film von Hendrik Handloegten "Liegen Lernen" thematisch direkt an Benjamin Quabecks Werk "Verschwende deine Jungend" an. Während Benjamin Quabeck jedoch sein Hauptaugenmerk auf die musikalische Richtung lenkt, thematisiert Hendrik Handloegten vordergründig das kleinbürgerliche Leben in westdeutschen Wohnsiedlungen.

 

Im Mittelpunkt dieser Biederkeit steht Helmut (Fabian Busch), der im wörtlichsten Sinne einer unter vielen ist. Nichts scheint ihn als auffällig zu kennzeichnen. Seine Passivität und sein schüchternes Wesen werden überlagert von einer äußeren Geschmacklosigkeit, bei der jeder vermuten wird, dass wohl eher die Mutter für die modischen Entgleisungen des Sohnes zuständig ist. Er ist ein "feiger Penner", der dazu nicht nur uninteressant, sondern auch "bindungsunfähig" ist. Dass diese jugendliche Unentschlossenheit bei den Mädchen nicht so gut ankommt, ergibt sich von selbst, doch genau in diesem Punkt nimmt das Schicksal Helmuts ihren Lauf. Er trifft während einer Schulveranstaltung auf Britta (Susanne Bormann), die in jeder Beziehung im Kontrast zu ihm steht. Als Schulsprecherin betritt sie mit einem Palästinensertuch die politische Bühne und engagiert sich für die Entlastung der Umwelt sowie für die atomare Abrüstung. Ihre Erscheinung verrät etwas Unnahbares und vor allem deshalb verwundert es, dass sie Interesse an Helmut gewinnt. Wie so oft im Leben übernimmt auch hier die Frau die Führungsrolle in der Beziehung, während Helmut nur der Platz des Beisitzers bleibt. Selbst auf ihren Vorschlag hin, die Beziehung lieber geheimzuhalten, geht er bereitwillig ein. Während er jedoch noch immer im siebten Himmel träumt, geht für Britta das Leben weiter. In der Folge verlässt sie ihn, die Schule und das Land, um sich beim Vater in Los Angeles anzusiedeln. Von diesem Moment an beginnt für Helmut ein Leben des Stillstands und der versunkenen Erinnerung. Er avanciert zu einer Konstante im zeitlichen Kontinuum, so dass es scheint, als würde er sich persönlich und äußerlich "überhaupt nicht verändern." Während seiner Studienzeit geht er zwar eine Beziehung mit seiner ehemaligen Mitschülerin Gisela (Fritzi Haberlandt) ein, doch selbst hier fehlt ihm der Mut zum Eingeständnis, dass er sie überhaupt nicht liebt. Statt dessen betrügt er sie mit ihrer Mitbewohnerin Barbara (Sophie Rois), woraufhin er wenig später ohne Freundin und ohne Wohnung wieder am Anfang steht.

 

Die Wendung bringt am 9. November 1989 ein Anruf aus Berlin, bei dem Helmuts alter Schulfreund Mücke (Florian Lukas) von der Rückkehr Brittas in die Hauptstadt berichtet. Sofort in Ihren Bann gezogen, lebt für Helmut wieder die Vergangenheit auf. Dass inzwischen viel Zeit vergangen ist und Britta das Interesse an ihm verloren hat, geht Helmut in seiner illusionären Welt nicht auf. Erst als er auf seine vierte Freundin Tina (Birgit Minichmayr) trifft und diese auch noch von ihm schwanger wird, muss Helmut Farbe bekennen und seine gesichtslose Passivität aufgeben. Viele Jahre nach dem eigentlichen Ende der Beziehung zu Britta, kann auch er sich nun von seiner ersten Liebe geistig trennen, so dass das Leben neu beginnen kann.

 

Die Rezeption des Filmes knüpft im Prinzip unmittelbar an die Charaktereigenschaften der Hauptfigur an. In diesem Sinne ist man als Zuschauer stets in Sorge, dass Hendrik Handloegten die Grenze zur Langeweile überschreiten könnte und im blassen Nirgendwo versinkt. Gerettet wird der Film allein durch eine stark verkürzende Situationskomik, wie man sie eigentlich nur aus Comedyserien kennt. Jede Szene, ob ernst oder komisch, endet nach diesem Prinzip mit einem abschließenden Gag. Man kann dies mögen oder auch nicht. Fakt ist allerdings, dass insbesondere die Nebendarsteller Sophie Rois, mit ihren wunderbaren Launen einer Frau in der Midlife-Crisis, und Florian Lukas, im Stile einer frechen Schnauze, entscheidende Glanzpunkte setzen, die dem Film eine überbrückende Persönlichkeit geben. Ob dies allerdings reicht, längerfristig aus der grauen Masse herauszutreten, bleibt fraglich. Helmut jedenfalls hat es nur bedingt geschafft.

Gesehen am 03.07.2003 von Bogdan Büchner

 

Augenlied

Dokumentation von Mischka Popp und Thomas Bergmann

Blindheit ist für sehende Menschen faszinierend und erschreckend zugleich, aber vor allem unvorstellbar. Das preisgekröhnte Regie- und Autorenteam Mischka Popp und Thomas Bergmann hat sich auf eine Reise quer durch Europa begeben. Die unterschiedlichen Menschen, denen sie begegnet sind, haben eines gemeinsam: Sie haben ihr Augenlicht verloren. Einige sind bereits von Geburt an blind, andere erst im Laufe ihres Lebens erblindet. So unterschiedlich ihre Geschichten sind, so unterschiedlich ist auch die Art und Weise, wie sie damit umgehen. Neun Erwachsene und mehrere Kinder schildern, wie sie fernab von Dunkelheit und Finsternis die Welt sehen, ohne wirklich sehen zu können. Durch die Blindheit entfällt ein Fenster zur Welt, die innere Welt und die Träume gewinnen an Bedeutung. Die anderen Sinne wie fühlen, hören und riechen etc. ermöglichen ein anderes Wahrnehmen der Welt als nur mit den Augen. Sehende unterschätzen oft diese Art der Wahrnehmung. In ihren Träumen dagegen sehen sie - oft träumen sie sogar in Farben.

 

Ein großer Teil der Dokumentation ist John M. Hull gewidmet, der ein Buch über seinen Weg in die Blindheit verfasst hat. Sehr offen und ausführlich schildert er, wie es ihm gelungen ist, die Erblindung nicht als Verlust, sondern als Reichtum zu begreifen. Und wie wichtig es ist, nicht nur in der Vergangenheit mit all ihren Erinnerungen zu leben, sondern sich bewusst mit der Realität auseinander zu setzen um das Leben genießen zu können.

 

„Augenlied" ist ein nachdenklicher und berührender Film, der vom Sichtbaren und Unsichtbaren, vom Hören und Riechen, von Schönheit und Schrecken handelt. Ich sehe was, was Du nicht siehst - gilt für Blinde genauso wie für Sehende. Der Film ist ein Appell an Sehende, nicht nur mit den Augen zu sehen, sondern mit all ihren Sinnen. John Hull: „Sehende scheint mir, sehen wirklich nicht sehr viel". Nicht entgehen lassen.

Gesehen am 05.07.03 von Birgit Bagdahn

 

Historias Minimas

 

World Cinema von Carlos Sorin

Historias Minimas erzählt von drei Einwohnern des kleinen Ortes Fitz Roy in Patagonien, die sich aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg in die nächstgrößere, 300 km weit entfernte, Stadt San Julian machen. Die schüchterne, junge Mutter Maria fährt, voller Vorfreude, als Kandidatin zur beliebtesten TV-Gameshow der Region. Dort hofft sie eine vollautomatische Küchenmaschine zu gewinnen. Der Umstand, dass sie für diese nicht den nötigen Strom zur Verfügung hätte, betrachtet sie als nebensächlich.
Roberto, Vertreter für Pflaster, mit deren Hilfe man in der Woche bis zu sieben Pfund verliert, möchte in San Julian seiner Bekannten den Hof machen. Eine Geburtstagstorte für deren Sohn soll bei ihr Eindruck schinden. Doch ist es gar nicht so leicht in der argentinischen Wüste die perfekte Torte zu organisieren.
Und der 80-jährige Don Gusto, der mit den Ohren wackeln kann und leidenschaftlich gern Matetee trinkt, hegt die Hoffnung sich mit seinem entlaufenen Hund Malacara zu versöhnen.

 

Regisseur Carlos Sorin ließ sich von den gecasteten Laiendarstellern zum Drehbuch inspirieren. Er läßt seine Figuren in ihrer gewohnten Umgebung und so wird der Film, ein Stück weit, zur Dokumentation.
Fantastische Aufnahmen der unendlich weiten Ebenen der argentinischen Pampa und die Schilderung des dortigen Alltags bereichern den Film ungemein. Ebenso behandelt Sorin die Unterschiede der Generationen, das Weiterleben einiger Traditionen, die Kluft zwischen arm und reich sowie zwischen Zentrum und Peripherie. Verknüpft mit den Geschichten der drei Protagonisten, deren Wege sich im Laufe des Films kreuzen, entsteht ein harmonischer, warmherziger Film mit Sinn für Details.


Wer allerdings auf rasante Schnitte steht, wird bei "Historias Minimas" nicht auf seine Kosten kommen. Für diesen Film muss man sich Zeit nehmen. Dann aber entfaltet sich der Charme der gefühlvollen Komödie und macht den Kinoabend zum Erlebnis.

gesehen am 02.07.03 von Almut Jürgens

 

Freak Orlando

Videoart & Experimental Film: Tribute Ulrike Ottinger

 

Das Münchner Filmfest zeigt im Rahmen eines Tributs vier Filme der Berliner Regisseurin, Künstlerin und Fotografin Ulrike Ottinger, die seit den 70er Jahren fest zur deutschen Film- und Kunstszene gehört. Die Teilnahme an der jüngsten Documenta verhalf ihr zu weltweiter Anerkennung. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Von den präsentierten Filme sprach mich die Geschichte des "Freak Orlando" am meisten an. Zugegebenermaßen sah ich mir einen völlig anderen Film an, als ich aufgrund von Beschreibungen erwartet hatte. Und jetzt - wo ich selbst das Gesehene in Worte fassen soll - wird auch meine Beschreibung dem Film nicht gerecht werden können.

 

Bei "Freak Orlando" handelt es sich um ein kleines Welttheater in 5 Episoden: Der Zuschauer reist zusammen mit Orlando, die/der auf der gleichnamigen Romanfigur von Virginia Woolf basiert und den Traum vom androgynen Menschen realisiert, durch eine surreale Weltgeschichte, die die Freaks von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigt. Mal als Mann, mal als Frau reist Orlando durch die Jahrhunderte. Die Reise beginnt im Kaufhaus von Freak City, einem Tempel der Versprechungen und dem Sammelplatz der Gläubigen. Hier werden die Normen festgelegt. Auf seinen weiteren Reisen, die weniger ein „theatrum mundi" als vielmehr einen „circus mundi" darstellen, durchläuft Orlando verschiedene durch Mord, Gefangennahme, Verfolgung und Inquisition ausgelöste Metamorphosen. Hier kommen die Strukturen der Macht zum Tragen. Der Wahnsinn der Geschichte umfasst Irrtümer, Inkompetenz, Macht, Angst und Grausamkeit. Das absurde Spektakel ist ausgestattet mit Gnomen und Riesen, Feuerspeiern und Fakiren, Doppelköpfigen und Papageiennasigen, Hermaphroditen und Vogelmenschen, siamesischen Zwillingen, Ledermännern, Bartfrauen etc. Orlandos Reise endet als Moderatorin beim "Festival der Hässlichen". Der Wettbewerb wird zu einem Tanz des Wahnsinns, an dessen Ende die Norm gekrönt wird.

 

Problemlos wechselt Orlando bei ihren/seinen Streifzügen Ort, Zeit und Geschlecht. Fern ab einer konventionellen Dramaturgie bricht der Film mit stereotypen- und ritualhaften Seh- und Denkgewohnheiten. Die Realität wird von einem anderen Blickwinkel aus beleuchtet. Die Verfremdung durch die Groteske wurde bewusst als Stilmittel gewählt, um auf die Beschränktheit und Konventionalität dessen hinzuweisen, was wir für Realität halten. Nur die Ironie ermöglicht es sich dem Wahnsinn zu nähern um die immer noch äußerst gegenwärtige Ahndung der Abweichung zur Schau zu stellen. Die Freaks stehen als Metapher für Deformation, die daraus entsteht, das man sich den herrschenden Normen nicht anpassen kann oder will. Die Eindeutigkeit des Geschlechts und die Endlichkeit des Lebens sind unsere wichtigsten identitätsstiftenden Gewissheiten. Auch das Kino baut gerne auf ihnen auf. Diese Sicherheiten wiederruft Ulrike Ottinger in ihrem Film. Eine Identifikation ist nicht mehr gegeben. Nichts ist mehr sicher oder entgültig.

 

Bemerkenswert ist die Mischung der Stile und Genres. Karnevaleske Szenen, mit Commedia dell'arte Elementen, verbunden mit barocker Morbidität und Anleihen am Science Fiction Film. In eine Schublade lässt sich dieser Film ganz sicher nicht stecken. Die fantastischen Geschichten werden visuell durch opulente Kostüme, Maskeraden und Verwandlungen ergänzt. Thematisch finde ich den Film nach wie vor sehr ansprechend. Zeitweise habe ich mich allerdings mit der 80er Jahre-Ästhetik etwas schwer getan. Man spürt sehr deutlich, in welcher Zeit der Film entstanden ist.

 

Ulrike Ottinger hat mit "Freak Orlando" einen Film geschaffen, dessen Thematik nach wie vor nicht an Aktualität verloren hat. "Freak Orlando" ist kein Film für das breite Publikum. Aber umso wichtiger ist es, dass es Filmemacher gibt, die sich wie sie fernab der gängigen Mainstream-Orientierung an gesellschaftskritische Stoffe wagen und keine Scheu haben mit ihrer Bildsprache aufzufallen oder gar anzuecken.

Gesehen am 03.07.03 von Birgit Bagdahn

 

Choses Secrètes

Nouveau Cinema Francais: Jean Claude Brisseau


Sandrine arbeitet als Bedienung in einer Striptease-Bar. Sie ist fasziniert von der Tänzerin Nathalie, der die Männer zu Füssen liegen. Ihre Tätigkeit ist für sie gleichzeitig unvorstellbar und reizvoll. Als beide nach einem Streik mit dem Barbesitzer gefeuert werden und ohne Job auf der Strasse sitzen, nimmt Nathalie Sandrine mit nach Hause und lässt sie bei sich wohnen. Zwischen den Frauen entwickelt sich eine - größtenteils - platonische Freundschaft. Nach wie vor ist Sandrine von der Vorstellung sich vor anderen auszuziehen und begehrt zu werden fasziniert.

 

Der Mut ihre Wünsche allerdings zu verwirklichen fehlt ihr dagegen. Nathalie erteilt ihr schließlich „Nachhilfe" und verhilft Sandrine zu mehr sexuellem Selbstbewusstsein. Um der bisherigen erfolglosen Jobsuche ein Ende zu bereiten, beschließen die Freundinnen mithilfe ihres Körpers an die entsprechenden Positionen zu gelangen. Schon nach kurzer Zeit erliegen die Männern ihren Reizen und sie erklimmen Stück für Stück die Karriereleiter. Nur der undurchsichtige Sohn des Direktors, fällt auf ihre Spielchen nicht rein. Ehe sie sich versehen, sind sie selbst Teil eines Spiel, dessen Fäden sie nicht in den Händen halten. Die Regeln haben sich geändert...

 

Jean-Claude Brisseau zeigt in seinem bis zur letzten Sekunde fesselnden „Choses Secretes" die Mechanismen der Gesellschaft und der Sexualität. Problemlos gelingt ihm der Spagat zwischen bis in den Zuschauerraum prickelnder Erotik, spannender, gesellschaftskritischer Handlung und Humor. Sieben Jahre hat Brisseau an diesem Film gearbeitet und sich zeitlebens dafür interessiert, was Frauen sexuell bewegt. Herausgekommen ist ein sehenswerter Film, der Frauen und Männer gleichermaßen gefallen wird. Lobenswert ist besonders auch die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarstellerinnen Sabrina Seyvecou und Coralie Revel, die vorher hauptsächlich in Serien gespielt haben und hier äußerst freizügig agieren mussten.

Gesehen am 05.07.03 von Birgit Bagdahn