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In Reykjavík wurden die diesjährigen Europäischen Filmpreise in teilweise steriler Atmosphäre vergeben. Sie wollen die "Oscars" Europas sein, doch so wie die Staatengemeinschaft eine Vereinigung vieler Sprach,- und Kulturräume ist, so sind auch ihre Filme vielfach nur lokal bekannt, wenn überhaupt. Die Corana-Krise hat die Probleme in den Kinos weiter verschärft, die Zuschauerzahlen liegen deutlich unter denen vor Corona. Es waren die Mitglieder der Europäischen Filmakademie, die vielleicht einen Teil der nominierten Filme auf der Online Plattform angeschaut haben. Ob man sich da als Akademiemitglied wenigstens alle nominierten Filme angeschaut hat, ist fraglich, von vielen hat man noch nie etwas gehört. Alle bestimmt nicht,- dafür waren es zu viele, wie praktisch, wenn man manche Filme schon in Berlin oder Cannes gesehen hat. Das spart Zeit und die Programmer der Festivals werden schon die richtige Auswahl getroffen haben, werden viele gedacht haben. Die Sprach,- und Kulturgrenzen in Europa sind trotz allem vorhanden, da schaut man dann doch eher die Filme, deren Titel man wenigstens schon mal gehört hat.

So ist es denn wenig verwunderlich, dass "Triangle of Sadness" von Ruben Östlund der Abräumer des Abends wurde. Und auch der Preis für die Schauspielerin Vicky Krieps als beste Schauspielerin ("Corsage" von Marie Kreutzer) traf auf einen weiteren der wenigen in der Medienwahrnehmung sichtbaren europäischen Filme. Beides ohne Zweifel gute europäische Filme, aber längst nicht die einzigen. Manche absolut herausragenden Filme, wie etwa "Beautiful Beings" von Guðmundur Arnar Guðmundsson, wurden gar nicht erst nominiert. 

Und natürlich war die Auswahl oder besser gesagt die Nichtauswahl etwa von Filmen russischer Regimekritiker (z.B. Kirill Serebrennikow) ein grober Fehler, Kulturbürokratie sollte da mehr Größe und Intelligenz beweisen. Der Ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa war aus Protest gegen die Haltung der EFA im Frühjahr 2022 aus der Akademie ausgetreten. Nachvollziehbar hingegen, dass Filme, welche die aktuellen Verwerfungen in der Welt thematisieren, etwa in der Ukraine oder dem Iran auch bei der Preisvergabe eine Würdigung erfahren haben.

Die europäischen Filmpreise sind zweifelsohne auch ein wichtiges Promotiontool für das europäische Kino, doch in der medialen Sichtbarkeit der Verleihung  und schlimmer noch, der Filme selbst, ist noch jede Menge Luft nach oben. Ein europäischer Streaming-Kanal wäre vermutlich ein wichtiger Schritt, die Filme trotz Kinokrise einem europäischen Publikum zugänglich zu machen. Denn obwohl der Kulturkanal arte hier Großartiges leistet, bleiben die meisten Filme der jeweiligen Nachbarländer unsichtbar. Dabei gibt es zahlreiche Perlen zu entdecken, welche auch bei den europäischen Filmpreisen regelmäßig übersehen werden.

 

Preisträger*Innen

Bester Europäischer Film: "Triangle of Sadness" (Regie: Ruben Östlund)

Beste Regie: Ruben Östlund für "Triangle of Sadness"

Bestes Drehbuch: Ruben Östlund für "Trinagle of Sadness"

Beste Darstellerin: Vicky Krieps in "Corsage"

Bester Darsteller: Zlatko Burić in "Triangle of Sadness".

Beste europäische Komödie: "El buen patrón" (Regie: Fernando León de Aranoa)

Bester europäischer Dokumentarfilm: "Mariupolis 2" (Regie: Mantas Kvedaravičius)

Fipresci-Award: "Piccolo Corpo" (Regie: Laura Samani)

Bester europäischer Animationsfilm: "Interdit aux Chiens et au Italiens" (Regie: Alain Ughetto)

Bester europäischer Kurzfilm: "Babicino Sexsulno Ziviljene" (Regie: Urška Djukić und Émilie Pigeard)

Lebenswerk- und Ehrenpreise: Margarethe von Trotta, Elia Suleiman und Marco Bellocchio

Beste Kamera: Kate McCullough (The Quiet Girl)

Bester Schnitt: Özcan Vardar, Eytan İpeker (Burning Days)

Bestes Szenenbild: Jim Clay (Belfast)

Bestes Kostümbild: Charlotte Walter (Belfast)

Bestes Maskenbild: Heike Merker (Im Westen nichts Neues)

Beste Filmmusik: Paweł Mykietyn (Eo)

Bester Ton: Simone Olivero, Paolo Benvenuti, Benni Atria, Marco Saitta, Ansgar Frerich, Florian Holzner (Ein Höhlengleichnis)

Beste visuelle Effekte: Frank Petzold, Viktor Müller, Markus Frank (Im Westen nichts Neues)

 

Wir gratulieren allen Preisträger*Innen!