Filmstudio

  • Brüggemann-Tatort: Stau

    Wer seinen ersten Tatort inszeniert, möchte entweder gar nicht, oder ganz besonders auffallen. Dietrich Brüggemann möchte Letzteres...

  • Drehorte

    Wo die Handlung angesiedelt ist

    Bilderfächer mit möglichen Drehorten

    Ganz gleich ob „Lola rennt", „James Bond" rührt und schüttelt, „Tomb Raider" das Böse besiegt oder „Harry Potter“ mal wieder auf muggelsicheren Bahnsteigen alte Dampfzüge besteigt: Die Drehorte haben den Look der Produktionen entscheidend mitgeprägt. Selbstverständlich ist die Echtheit, die Authentizität der Drehorte und der behauptete räumliche Zusammenhang in keiner Weise zwingend. Oft liegen ganze Kontinente zwischen zwei Räumen, die im Film direkt miteinander verbunden zu sein scheinen. Sie müssen einfach nur glaubwürdig sein.

     

    Die Star-Wars-Episoden II und III wurden nicht nur in Studios in Sydney und London, sondern unter anderem auch „On Location" in Italien gedreht. Der Königspalast von Caserta sowie die Ufergärten des Comer See und die Villa Balbianello fügten sich nahtlos in die Studioteile der Produktion. Niemand der die Karl-May-Filme sah, zweifelte daran, dass Pierre Brice altes indianisches Stammesland durchritt. Tatsächlich wurde hauptsächlich in Kroatien und Bosnien-Herzegowina gedreht, in Landschaften, von denen der Wilde Westen nur träumen konnte. Die erfolgreiche Bully-Persiflage "Der Schuh des Manitu" wiederum wurde im südspanischen Almeria gedreht. Selten reichen die Filmbudgets, um die gewünschten Sets mal eben bauen zu lassen. Dann muss die Realität herhalten, pur oder in adaptierter, umgewandelter Form.

     

    Motivsuche

     

    Gefängniszelle

     

    Ausstatter, Aufnahmeleiter und Regisseure verbringen viel Vorbereitungszeit damit, mögliche Motive anzuschauen und auf ihre Brauchbarkeit für den Film hin zu beurteilen. Die richtige Motivsuche und Auswahl sind entscheidend für die Visualisierung von Drehbüchern. Während der Autor es noch leicht hatte, den heruntergekommenen Schrottplatz mit Magnetkran und meterhohen Autotürmen hineinzuschreiben, kann es für das Filmteam schon schwieriger werden, das geeignete Motiv möglichst in der Nähe anderer Drehorte zu finden. Von Abbruchhäusern, Großküchen oder Supermärkten über Nobel-Boutiquen bis hin zu Gefängniszellen... So ziemlich alles, was es in der realen Welt gibt, wird irgendwann auch für Dreharbeiten benötigt. Bevor Regisseure zur Motivsuche herumfahren, legt man ihnen Fotos mit einer größeren Auswahl möglicher Alternativen vor, aus denen sie ihre Favoriten auswählen. Nur diese Schauplätze werden dann etwa zwei bis drei Wochen vor Drehbeginn meist gemeinsam mit dem/der Kameramann/-frau angefahren. Vor Ort trifft man dann die Entscheidungen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle:

    Gefängniszelle

     

    Die Anfahrt und Entfernung zum Motiv

     

    Die Räumlichkeiten (Raumhöhe, Größe)

     

    Die Lichtsituation (Lichteinfall, Sonnenstand etc.)

     

    Technische Gegebenheiten (Stromanschlüsse, Türen und Fahrstühle für Equipment-Transport)

     

    Arbeitsbedingungen für das Team (Masken, Kostümraum, Aufenthaltsraum, Toiletten)

     

    Akustische Gegebenheiten (Hintergrundlärm, Autobahn, Einflugschneise etc.)

     

    Entgegenkommen der Motivgeber (Inhaber), Motivablöse (Kosten), Parkplatzsituation für LKW, Teamfahrzeuge etc.

     

    Ein zu vernachlässigendes Argument lautet auch: Ist das Motiv neu? Häufig genug sind Drehorte bereits vorher in anderen Filmen verwendet worden. Der Ehrgeiz, immer nur unverbrauchte Motive zu verwenden ist aber unangebracht, jedes Motiv kann bei veränderter Story, Ausleuchtung und Fotografie komplett anders wirken.

     

    Nach der Motivsuche

    Ist ein Motiv von der Regie und Kamera abgenommen, beginnt für die Aufnahme- und Produktionsleitung die eigentliche Arbeit. Während die Aufnahmeleitung vor Ort Informationen über den Besitzer und die Gegebenheiten zusammenträgt (Motivbericht), kümmert sich die Produktionsleitung vom Büro aus um die Kontakte mit den Behörden, Privateigentümern von interessanten Häusern, Leitern von Betrieben und verhandelt die Preise für Drehgenehmigungen. Infos, wer wofür zuständig ist, haben einige Regionen und Städt zusammengestellt. Vorbildlich etwa die Informationen der Stadt München - zu finden als PDF: Drehen in der Landeshauptstadt.

     

    Auch, wenn man sich mit einem Motivbesitzer einig geworden ist, sind noch verschiedene weitere Genehmigungen einzuholen. Etwa von der Stadtverwaltung, um auf der Straße vor dem Motiv Parkplätze für die Fahrzeuge sperren zu können. Manchmal sind auch Sperrungen der Straße (Intervall oder Dauer) erforderlich, dann ist auch die zuständige Polizeiwache für die Genehmigung zuständig. In München haben schon so viele Dreharbeiten stattgefunden, dass man die notwendigen Antragsunterlagen sogar online abrufen kann. Oder falls man einen Starkstrom-Verteilerkasten (für das Licht) oder den Zugang zu einem Wasserhydranten (für künstlichen Regen) benötigt, verhandelt man mit den Stadtwerken. Oberstes Gebot während der Dreharbeit an einem Motiv sollte sein, sich so rücksichtsvoll wie möglich zu benehmen. Dreharbeiten stellen gegenüber der "normalen" Situation vieles auf den Kopf, das ist unvermeidbar, dennoch kommt es auf die Art an, wie man die notwendigen Veränderungen am Set vornimmt.

     

    Ein nicht unbedeutender Teil von Filmteams hat nämlich an einer Vielzahl von Motiven "verbrannte Erde" hinterlassen, sprich: sich so unmöglich aufgeführt, dass man dort einfach keine Drehgenehmigung mehr für andere Filme erteilt. Eine nette und eigentlich selbstverständliche Geste ist es auch, bei der Aufführung oder Ausstrahlung des Films den Motivinhabern eine Nachricht (Karte oder Anruf) zukommen zu lassen, damit diese sich Ihr Anwesen im Film anschauen können. Dann werden die nächsten Teams mit ihrem Wünschen wieder auf offene Ohren stoßen.

     

    Hilfe bei der Locationsuche

     

    Gefängnisgang

     

    Bei der Motivsuche helfen verstärkt auch Location-Büros, welche bei der Findung von Drehorten in einer bestimmten Region und bei Drehgenehmigungen assistieren. Auch wenn sich Genehmigungsverfahren mit Behörden schwierig gestalten, vermitteln die Location Büros. Außerdem präsentieren einige der Büros ihre Filmregion auch auf internationalen Filmmessen, um auch Produktionen ausländischer Produktionsfirmen anzuziehen. Wer auch bei der aktiven Suche von Motiven vor Ort Hilfe sucht, kann auch Location-Scouts beauftragen, die kostenpflichtige Alternative zur eigenen Motivsuche. Gute Location-Scouts achten auf "drehfreundliche" Motive und bieten zahlreiche Alternativen an.

     

    Location-Büros Deutschland:

     

    Baden Württemberg

    http://www.location-bw.de

    Film Commission Region Stuttgart Frau Marianne Gassner Breitscheidstr. 4
    70174 Stuttgart
    Tel. +49 (0)711 259443-0
    Fax +49 (0)711 259443-33

    info@film.region-stuttgart.de

    www.film.region-stuttgart.de



    Film Commission Bodensee-Oberschwaben
    Herrn Wolfram Dreier
    c/o WIR GmbH Marktstr. 10
    88212 Ravensburg
    Tel. +49 (0)751 35906-60
    Fax +49 (0)751 35906-70

    info@filmregion.de

    www.filmregion.de


    Film Commission RheinNeckarDreieck
    Frau Edelgard Seitz c/o Rhein-Neckar-Dreieck e.V. P7
    20-21 68161 Mannheim
    Tel. +49 (0)621 103084
    Fax +49 (0)621 103086  
    info@rnd.de


    location office region freiburg
    Rotteckring 14
    79098 Freiburg
    Tel: 0761 / 3881 852
    Fax: 0761 / 37 00 3

    kristina.mueller@locoff.de


    Bayern:
    FilmFernsehFonds
    ,
    Anja Metzger, FFF-Bayern, Sonnenstrasse 21,
    80331 München,
    Tel: +49-89-54 46 02 16

    location@fff-bayern.de

     

    Berlin Brandenburg Film Commission, c/o Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, Christiane Raab, 
    August-Bebel-Strasse 26-53, 14482 Potsdam-Babelsberg,
    Tel: +49-331-7438731

    location@medienboard.de
    www.bbfc.de

     

    Film Commission Bremen, Klaus W. Becker, Filmbüro, Waller Heerstrasse 46, 28217 Bremen, Tel: +49-421-387 67 40 KBecker@filmbuero-bremen.de

    Hamburg, Alexandra Luetkens, FilmFörderung Hamburg, Friedensallee 14-16, 22765 Hamburg, Tel: +49-40-3983715 location@ffhh.de

     

    Hessen, Kathrin Ahrens, Location Hessen, Schützenstrasse 12, 60311 Frankfurt am Main, Tel: 069-13886650 contact@location-hessen.de

     

    Mitteldeutsche Medienförderung, Bea Wölfling, Hainstrasse 17-19, 04109 Leipzig, Tel: +49-341-269 87 16 bea.woelfing@mdm-online.de

     

    Mecklenburg-Vorpommern, Antje Naß, Location Office, Bürgermeister-Haupt-Strasse 51-53, 23966 Wismar, Tel: +49-3841-618210

    info@location-mv.de

     

    Niedersachsen, Jochen Coldewey, Nordmedia, Expo Plaza 1, Deutscher Pavillon, 30539 Hannover, Tel: +49-511-12 34 56 0

    j.coldewey@nord-media.de

     

    NRW, Andrea Baaken, Filmstiftung NRW, Kaistrasse 14, 40221 Düsseldorf, Tel: +49-211-930500 andreabaaken@filmstiftung.de

     

    Schleswig-Holstein, Antje Reimer, Schildstrasse 12, 23552 Lübeck, Tel: +49-451-790 76 65

    ar@m-s-h.org

     

     


     

    Weggedreht ]

  • Filmstudio

     

    Traumset

    Gemalter Horizont

    Gemalter Horizont und Sprungwände bei „Franta“; Kamera: Immo Rentz, Ausstattung: Annette Ganders, Regie: Mathias Allary

     

    Für Dreharbeiten wünscht man sich optimale Wetterbedingungen, keine Störgeräusche, ausreichend Räume für Kostüm, Maske, Technik und sonstiges Team, ausreichende Stromversorgung und angenehme Temperaturen trotz zahlreicher Scheinwerfer. Man möchte die Geräte nach Arbeitsschluss nicht zusammenräumen müssen, sondern für den nächsten Drehtag einfach stehen lassen können. Requisiten und Werkstätten sollten direkt in der Nähe des Sets sein, um auch rasch auf Änderungswünsche reagieren zu können. Verschiedenste Motive sollten unmittelbar nebeneinander liegen. All dies und mehr bietet eigentlich nur ein Studio. Insbesondere für Trickaufnahmen vor Green-Screen gibt es fast keine Alternativen.

     

     

     

    Kulissenbau

    Lichtaufbau im Studio

    Lichtaufbau im Studio für „Franta“; Kamera: Immo Rentz, Ausstattung: Annette Ganders, Regie: Mathias Allary

     

    Im Studio können vor allem Innenmotive sehr gut aufgebaut werden. Dabei sind die Wände der dort erstellten Gebäude zumeist aus Holz, welches ganz nach Wunsch verputzt, tapeziert oder etwa mit Mauerstruktur versehen werden kann. Nach oben hin sind die geschaffenen Räume offen, damit man vom Studiohimmel aus (Beleuchterbrücke) mit den hängenden Scheinwerfern die Szene beleuchten kann. Ein wenig sieht es wie in einer Puppenstube aus, die viele Zimmer, aber nur ein Erdgeschoss hat. Die Sets sollen zugleich realistisch und praktisch sein, um die Dreharbeiten zu erleichtern.

     

    Besonders bei Totalen kann es leicht passieren, dass man im Hintergrund Gefahr läuft, das obere Ende der Wände ins Bild zu bekommen. Deshalb ist die Bauhöhe der Wände sehr wichtig. Sie sollte wenigstens der von Altbauten entsprechen (drei bis vier Meter). Alternativ kann man auch ein Stück Zimmerdecke (Plafond beweglich) jeweils dort anbringen, wo die Kamera sonst die Oberkante der Wand erreichen würde.

     

    Besonders, wenn man aus optischen Gründen (mehr Abstand mit der Kamera für längere Brennweite) zusätzlichen Abstand von Schauspielern haben möchte, sind so genannte Sprungwände hilfreich. Das sind Wände, die nicht fest mit den Nachbarwänden verschraubt sind, sondern beweglich verschoben werden können. Man sollte solche Wünsche möglichst frühzeitig den Szenenbildnern mitteilen.

     

     

    Ausstattung

    Franta Kulisse

    Rückansicht obiger „Franta“-Kulisse mit Fenstergauben

     

    Selbstverständlich werden im Studio nur die Räume aufwändig gebaut, die auch wirklich bespielt werden. Räume, die nur im Hintergrund bleiben, können einfacher gehalten werden. Man baut nur das, was die Kamera sieht. Es wäre eine Verschwendung von Geld, Zeit und Arbeitskraft, eine riesige, vollständig funktionierende Wohnung aufzubauen, von der letztlich nur ein einziger Raum zu sehen ist. Die Böden im Studio können entweder gemalt (Steinimitation, Holzimitation etc.) oder belegt (Teppichboden, Teppich etc.) werden. Will man mit einem luftbereiften Dolly fahren (ein Vorzug auf glattem Studioboden), ist der gemalte Boden vorzuziehen.

     

    Kritisch sind in Studios immer die Fenster. Schaut man durch, so ist da zunächst nur eine kahle Studiowand. Man hilft sich mit Hintersetzern oder Leinwänden mit Landschaften oder sonstigen Hintergründen, die leider nicht besonders echt aussehen. Man ist gut beraten, innen vor die Studiofenster Jalousien oder Gardinen zu hängen und außen Pflanzen (Balkonkästen/Terrassentöpfe) vor den Fenstern anzubringen, um den Blick etwas zu verschleiern. Für Nachtszenen kann man mit einem Paillettenvorhang den nächtlichen Sternenhimmel, mit farbigem, wechselndem Licht, Leuchtreklamen imitieren. Wandernde Lichtkegel können vorbeifahrende Autos simulieren.

     

    Die Installationen in den Räumen sind natürlich auch alle gemogelt. Lichtschalter haben keine Funktion. Wenn in einer Szene die Schauspieler das Licht im Raum ausschalten, so drücken sie zwar auf den Schalter, aber es ist ein Beleuchter, der die Scheinwerfen abschaltet. Waschbecken haben auf der Rückseite der Holzwand einen kleinen Wassertank mit Frischwasser und einen Auffangbehälter für den Abfluss. Ähnlich funktionieren die Duschen in den Studios. Ein wenig hat das Ganze Campingplatzatmosphäre.

     

     

    Etwas Lebendiges muss hinein...

     

    Susanna Simon und Helmut Griem in „Endloser Abschied“; Ausstattung: Annette Ganders, Kamera: Hansjörg Allgeier, Regie: Mathias Allary. Pflanzen und ungleichmäßige Lichtverteilung beleben die Kulisse. Im Hintergrund sieht man über der Kulissenwand die schwarze Studiodecke.

     

    Besonders schwierig wird es im Studio, wenn Außenszenen gedreht werden sollen. Natur ist besonders schwer zu imitieren. Am besten besorgt man sich jede Menge echte Pflanzen, Gras, Sand, Erde etc. und bringt sie ins Studio. Was die Entfernungen angeht, so sind diese natürlich auch begrenzt. Weite im Hintergrundbereich wird meist durch eine Hohlkehle erzielt, eine Art gerundete Rampe, die den Boden nahtlos in die Wand übergehen lässt. Liegt die Wand dann auch noch im Unschärfebereich, so gelingt die Illusion.

     

    Damit ein wenig Leben in die Räume kommt, sind weitere Maßnahmen nötig. Ein wehender Vorhang, Blumentöpfe, etwas Patina hier und da sowie ungleichmäßige Raumausleuchtung mit Lichtinseln(Cucoulores und viele sichtbare Zimmerlampen) können einiges von der Sterilität wegnehmen. Das Unvollkommene, das Zufällige, die Flusen hier, der Kaffeefleck dort, all das, was im Lauf der Zeit in unseren wirklichen Räumen Spuren hinterlässt, kann auch ein Studioset realistischer aussehen lassen. Nehmen Sie sich mal die Zeit, das Licht in realen Räumen zu studieren. Sie werden bemerken, wie lebendig, wie bewegt es ist. Wenn es gelingt, einen Teil dieser Lebendigkeit im Studio nachzubilden, werden die Räume auch glaubhaft.

     

     

    Feine Unterschiede

     

    Stimmen klingen anders in Räumen, die keine Decke haben und deren Wände nur wenige Zentimeter dick sind. Hier gilt es, besonders präzise zu angeln, um den direkten Schall der Stimme möglichst präsent aufzuzeichnen. Auch die Geräusche sind anders als gewohnt. Türen machen kein sattes, sondern eher ein hohles Geräusch, der Wasserabfluss gluckert lauter als normal und auch die Schritte auf dem Boden klingen anders. Hier kann die Nachvertonung weiterhelfen.

     

    Der Lichtumbau geht im Studio deutlich schneller. Die Scheinwerfer hängen alle von der Decke und müssen nicht wie am Originalschauplatz aus irgendwelchen Licht-LKW geholt und aufgebaut werden. Das spart Zeit. Die Dreharbeit in einem Studio ist meistens konzentrierter, aber auch isolierter. Viele äußere Einflüsse, die den Schauspielern helfen, sich in Situationen einzufinden, fehlen. Ein Fahrstuhl, der sich nie bewegt, vermittelt nicht unbedingt das Gefühl einer realen Umgebung. Auch die Bequemlichkeit eines Studios kann Einfluss auf das Spiel haben. Wer gerade aus der Kantine kommt, und nur ein paar Schritte hat, bis er wieder in seiner Studiogefängniszelle landet, braucht etwas mehr Vorstellungskraft, um sich in sein gespieltes Leid hineinzuversetzen.

     

  • Ü-Wagen

    Live- Übertragungen

    Mittlerer Ü-Wagen am Münchner Marienplatz

    Mittlerer Ü-Wagen am Münchner Marienplatz

    Irgendwie klingt das modern, neuzeitlich, doch eigentlich gelangen wir unweigerlich in die Urzeit des Fernsehens, in der nämlich in Ermangelung von Videorekordern ebenfalls life oder so gut wie live (Zwischenfilm-Verfahren) gesendet wurde. Ganze Fernsehspiele wurden im Studio live durchgespielt, wie am Theater und sofort über den Sender gejagt.

     

    Der Unterschied liegt in der Örtlichkeit. Wurde damals fast ausschließlich vom Studio aus gesendet, kann man heute praktisch von jedem Ort der Erde aus Fernsehbilder senden. Die Geschichte der Übertragung von Unterwegs begann bereits Ende der 20 er Jahre, als die ersten speziell angefertigten Fahrzeuge für die Übertragung von Fernsehen hergestellt wurden.

     

    Ü-Wagen

    Heute sind solche mobilen Studios bei allen Sendern im Einsatz. Je nach Aufgabengebiet können dies kleine kompakte Einheiten in einem PKW sogar auf Mini oder Smart-Basis über mittlere Kleintransporter bis zu großen TV- Übertragungs-LKWs sein. Diese haben 10 - 20 Meter Länge und können bis zu 30 Tonnen schwer sein.

     

    Für die Planung der richtigen Ü-Wagengröße spielen die Aufgabe, die Kostenseite aber auch örtliche Gegebenheiten eine Rolle. Wenn viele Kameras koordiniert sein wollen, kann es in den Ü-Wägen schnell eng werden. Die Bildtechniker, der Regisseur, der Tontechniker, vielleicht noch ein Redakteur, ein Sprecher oder der Kunde, da sind eine Menge Menschen auf kleinstem Raum untergebracht. Bei größeren Ü-Wägen ist der Technik-Bereich räumlich vom Regie-Bereich abgetrennt. Bei einigen Modellen lassen sich auch die einzelnen Bereiche durch Ausziehen wie bei manchen Wohnmobilen auch, etwas erweitern. Wenn die vorhandenen Parkmöglichkeiten klein sind, oder die Zufahrt durch enge Dorfstraßen erforderlich ist, so verbietet sich der Einsatz großer Sattelschlepper von allein.

     

    Bei größeren Übertragungen fährt ein zweiter LKW, der sogenannte Rüstwagen mit, in dem die ganzen Kameras, Stative, das Tonequipment, etc. transportiert werden. Unter der Reihe Kamerakopf, Verstärkerelektronik, Optik, Stativ bzw. Pedestral, Suchermonitor und Kabel versteht man einen Kamerazug. In größeren Rüstwägen sind bis zu 10, 12 Kamerazüge untergebracht.

     

    Signale senden

    Grundriss eines größeren Ü-Wagens

    Grundriss eines größeren Ü-Wagens

    Während bis in die 80er Jahre die im Ü-Wagen bereitgestellten Fernsehsignale hauptsächlich über Standleitungen, welche die Telecom zur Verfügung stellte, übertragen wurden, haben die heutigen Ü-Wagen zumeist integrierte Satelliten-Systeme. So eine mobile Satelliten-Sendeanlage (Uplink) wird heutzutage automatisch ausgerichtet.

     

    Allerdings werden auch solche Fahrzeuge als Ü-Wagen bezeichnet, die gar keine eigene Antenne besitzen, sondern nur mit der Bildtechnik ausgestattet sind. Es gibt auch Ü-Wägen für reine Tonübertragung im Hörfunkbereich, die mit Mischpulten, analogen Bandgeräten oder digitalen Rekordern, Mikrofonen und Abhöreinrichtungen ausgestattet sind. Da kommen Kameras und Bildmischer gar nicht erst vor.

     

    Kabel

    Verkabelung

    Verkabelung

    Die verschiedenen Kamerazüge liefern ihr Bild und ggf. Tonsignal über dicke Studiokabel zum Ü-Wagen, wo die Kabel auf Kabelrollen bereitgestellt werden. Je nach Ausführung werden diese einzeln oder als Multicore-Kabel verlegt.

     

    Da kommen für eine typische Mehrkameraübertragung schon ziemliche Kabellängen und Mengen zusammen. Die wollen sicher verlegt, oft mit Gaffer-Tape verklebt sein, um nicht als Stolperfallen für das Publikum gefährlich zu werden. Türdurchgänge, Fenster, und die Entfernungen können zusätzliche potentielle Störungen im Signalweg bedeuten.

     

    Besonders schwierig wird es, wenn längere Distanzen mit mehreren Kamerastandpunkten per Kabel übertragen werden müssen. Etwa verschiedene Stationen eines Autorennens, einer Skiabfahrt oder bei einem Karnevalsumzug. Die langen Kabelwege und die Notwendigkeit zusätzlich noch zahlreiche Mikrofonpunkte anzuschließen, sind eine große Herausforderung.

    Moderne Systeme führen die verschiedenen Signale bereits am Aufnahmeort in einer Box zusammen, von der aus nur noch ein dünnes Glasfaserkabel zum Ü-Wagen geführt werden muss.

     

    Signalverteilung

    Fernsehaufzeichnung über mehrere Kameras

    Fernsehaufzeichnung über mehrere Kameras

    Je nach Ü-Wagen gibt es Bildmischer, aber auch Schnitteinheiten, in denen die Bild- und Tonsignale bearbeitet und gespeichert werden können. Je nach Aufgabe kann es erforderlich sein in den Bildmischer und dann direkt auf den Summenausgang oder aber auf die Videorekorder zu gehen.

    Viele Ü-Wägen haben mehrere Bildmischer, da kann dann gleichzeitig mit dem einen Live gesendet und mit dem anderen auf Video geschnitten werden. Oder aber es können mehrere Ereignisse parallel bearbeitet werden. Etwa bei Sportübertragungen verschiedene Disziplinen gleichzeitig.

     

    Während früher klassisch die Bild- und Tonsignale über Kreuzschienen gepatcht wurden, kann man bei modernen Ü-Wägen eine digitale Matrix nutzen, bei der softwaregesteuert die Bildquellen und die Eingänge verschaltet werden. Dabei werden in einem Arbeitsgang auch die Rückkanäle, z.B. das Kamera-Rotlicht, die Hinter-Kamerakontrolle für Brennweite, Schärfe etc. richtig verschaltet. Die Routing-Systeme werden heute von Computern gesteuert. Gefundene, bewährte Einstellungen kann man abspeichern und bei Bedarf wieder abrufen. Das spart viel Zeit wenn man sich regelmäßig wiederholende oder ähnliche Übertragungsaufgaben bewältigen muss. In den digitalen Signalwegen werden zusätzliche Informationen weitergegeben, etwa, um welche Kamera es sich handelt, Brennweite etc.

     

    In ähnlicher Weise wie das Bild können auch die Töne auf einzelne Tonmischpult-Kanäle gelegt und dort gefiltert und abgemischt werden. Und man kann die Tonsignale auch aufzeichnen, dafür stehen entsprechende Tongeräte, die heute vorzugsweise digital arbeiten, zur Verfügung.

    Wenn Bild- und Tonsignale verarbeitet werden, kann es etwa bei drahtloser Bildübertragung zu einem Bild-Ton-Versatz kommen. Hier helfen Verzögerungs-Geräte, um die Signale aufeinander zu synchronisieren.

     

    Redundanz

    Nichts fürchtet der Techniker mehr, als technische Probleme bei Live-Übertragungen. Kabel, die fehlerhaft sind, Geräte die ausfallen, die Bandbreite der möglichen Katastrophen ist gigantisch. Immer wenn diese Fälle eintreten spricht man von Havariefällen. Deshalb ist man bemüht, in einem Ü-Wagen alles doppelt auszulegen und ggf. ganz schnell ersetzen zu können. Sei es durch schnelles auswechseln von Einschüben oder umpatchen auf andere Signalwege. Auch hier haben automatische Matrix-Systeme den Vorteil, sehr schnell auf alternative Signalwege umzuschalten. Fällt der Hauptcomputer der auch die Matrix steuert aus, so kann man per Netzwerk auch einen portablen Notcomputer (Notebook) anschließen.

     

    Und falls alle Stricke reißen, gibt es auch in modernsten Ü-Wägen meistens noch klassische Steckfelder, die im Notfall die herkömmliche Verkabelung der Komponenten erlauben. Damit sind zwar viele Möglichkeiten versperrt, aber man kann ein Notprogramm von mindestens einer Kamera weitersenden bis der Hauptfehler behoben ist. Selbstverständlich lassen sich auch die Kommunikationsmittel wie Funk und Telefon sowie die Innenbeleuchtung bei Stromausfall per Fahrzeugbatterie weiter betreiben.

     

    Monitore

    Großer Ü-Wagen, dahinter Rüstwagen

    Großer Ü-Wagen, dahinter Rüstwagen

    Wie in einer normalen Bildregie im Studio gibt es auch im Ü-Wagen eine Reihe von Monitoren, auf denen man die einzelnen Eingangsbilder, als auch das Sende- oder Masterbild sehen kann. Kleine Rotlicht-Lämpchen signalisieren, welches Bild jeweils auf Sendung ist. Mindestens ein Klasse 1 - Monitor mit Underscan sollte für das Ausgangssignal zur Verfügung stehen.

     

    Arbeitsbedingungen

    Angesichts der Tatsache, dass in so einem Übertragungswagen jede Menge Geräte heizen, haben die größeren Fahrzeuge grundsätzlich Klimaanlagen. Diese und die Gerätetechnik brauchen ausreichend Stromversorgung. Deshalb werden die größeren Ü-Wägen grundsätzlich über Starkstrom-Anschlüsse mit Strom versorgt. Bis vor wenigen Jahren war es üblich, für eine größere Live-Übertragung von ein paar Stunden etwa einen Tag lang vorzubereiten, dann wurde am nächsten Tag übertragen und am dritten Tag wieder alles abgebaut. Dank der moderneren Technik kann man heute mit einem Ü-Wagen gleich mehrere solche Übertragungen an einem tag absolvieren.

     

    Je nach Größe des Fahrzeuges gibt es getrennte Arbeitsbereiche wie etwa: Video-Technik, Video-Regie-Bereich, Audio-Regie-Bereich- und den Editing-Raum. Neben Sport oder Event-Übertragungen gehören auch Konzerte, Theater oder Opernaufführungen zu typischen Aufgaben für Ü-Wägen. Heutige Ü-Wägen ermöglichen es, aus simplen Hallen Fernsehstudios zu machen. So werden auch mittlere Shows, auch wenn sie aufgezeichnet werden, mit Ü-Wägen produziert.