Mutter & Sohn

 

Mutter und Sohn

Daten

 

Mutter & Sohn

RO 2013, 112 Min.

REGIE: Calin Peter Netzer

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Regie: Calin Peter Netzer

 

Kinostart: 23.05.13

 

Wenn Mutterliebe die Luft zum Atmen abschnürt Die Ehe der 60 jährigen Cornelia (Luminita Gheoghiu) und ihrem Mann Relu, einem anerkannten Chirurgen, ist schon lange ein nebeneinanderher leben. Umso stärker ist ihre Liebe zu ihrem einzigen Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache). Doch Barbu ist kein Kind mehr, Barbu ist inzwischen 35 Jahre alt und will längst sein eigenes Leben führen. Gerade ist er mit seiner Freundin Carmen zusammengezogen, von der Cornelia überhaupt nichts hält. Da Cornelia keinen Zugang zu Barbus Wohnung hat, fragt sie regelmäßig die Putzfrau aus, und schafft sich über sie Zutritt in seine Wohnung. Als Cornelia erfährt, dass Barbu einen Autounfall hatte, bricht innert Sekunden ihre ganze Welt zusammen. Erleichtert erfährt sie jedoch, dass nicht ihr Sohn zu Schaden gekommen ist, sondern "nur" ein fremdes Kind, das durch Barbus Schuld tödlich verunglückt ist. Scheinbar ohne jegliches Mitgefühl für die Familie des Opfers, setzt Cornelia alle Hebel in Bewegung, um das Verfahren zu Barbus Gunsten zu beeinflussen und ihn vor den Konsequenzen und einer drohenden Haftstrafe zu bewahren. Noch auf dem Weg zur Polizeistation aktiviert sie alle ihre Kontakte, führt Telefonate mit befreundeten Ärzten und Vorgesetzten bei Polizei und Justiz um erste Schritte einzuleiten. Auf der Wache beeinflusst sie die Beamten, und diktiert ihrem Sohn vor deren Augen, was er aussagen soll. Sie begleitet Barbu zum Untersuchungsarzt und bringt ihn danach in seinem alten Kinderzimmer unter, packt ihn ins Bett und reibt ihren Liebling mit einer Lotion ein. Barbu lässt zunächst alles mit sich geschehen, doch in ihm brodelt eine tief sitzende Wut gegen seine dominante Mutter und ihre erstickende Liebe. Während Cornelia das weitere Vorgehen für Barbus Prozess plant, Beweismaterial entwendet, Zeugen besticht, und die korrupte Polizei beeinflusst, eskaliert der Konflikt mit ihrem Sohn immer mehr. Sie fordert von ihm, dass er sich mit dem Fahrer des anderen Autos trifft, das Barbu mit einem riskanten Manöver überholt und so den Unfall verursacht hat. Ebenfalls fordert sie, dass er zur Beerdigung des verunglückten Kindes, deren Kosten sie übernimmt, mitgehen soll. Doch Barbu will sich am liebsten aus der Verantwortung stehlen und mit dem allem nichts zu tun haben. In einem heftigen Streift fordert er von seiner Mutter, ihn endlich in Ruhe zu lassen. Er will den Kontakt zu ihr definitiv abbrechen. Ein Wunsch, der schon viel zu lange in ihm keimte, den er aber noch nie so deutlich und direkt formulieren konnte. Die Handlung kulminiert in einer ergreifenden Szene, im Kondolenz-Besuch bei den in Armut lebenden Eltern des überfahrenen Kindes. Barbu hat sich von seiner Mutter ein letztes Mal überreden lassen, mitzukommen, doch bleibt er lieber im BMW seiner Mutter sitzen, als sich den tief Trauernden zu stellen. Während Cornelia mit abgezählten Geldscheinen das Haus der Opferfamilie betritt, um sie von einer Klage gegen ihren Sohn abzubringen, findet eine überraschende Wende statt. All das harte, kalkulierte Verhalten verschwindet für einen Moment, als sie in die Augen der Eltern des Opfers blickt und deren unsägliches Leid spürt. Zwar immer noch verblendet genug, von ihrem eigenen Schmerz zu sprechen und zu flehen, dass sie nur ein einziges Kind hätte, die Eltern des Opfers noch ein weiteres, spricht sie von ihrem Sohn, als wäre er ebenfalls Tod. Sie spricht darüber, wie er war, als er noch ein Kind war und seine Liebe zu ihr noch intakt. Als sie der Familie das Bestechungsgeld geben will, sagt sie unter Tränen, sie sollen es für ihr anderes Kind nutzen, für dessen Ausbildung, ohne etwas als Gegenleistung zu fordern. Ihre einzige Bitte ist, noch einmal wiederkommen zu dürfen. Und plötzlich empfindet man so etwas wie tiefste Empathie für Cornelia, nimmt regelrecht Anteil an ihrer Art und beginnt ihren Schmerz, ihre krankhafte Liebe zu ihrem Sohn und die Schwierigkeit, ihn endlich loszulassen, zu verstehen. Wieder zurück im Auto bei ihrem Sohn, entdeckt dieser durch die Autoscheibe den gebrochenen Vater des zu Tode gefahrenen Kindes. Seine letzten Worte an seine dominante Mutter sind "Lass mich raus." Barbu meint damit nicht nur, dass sie die Zentralverriegelung ihres BMW`s deaktivieren möge. "Mutter & Sohn" ist ein geniales Lehrstück über eine pathologische Mutterliebe. Hier stimmt einfach alles: das subtile und vielschichtige Drehbuch, die Wahl der Besetzung, und die konsequente filmische Umsetzung. Das Drehbuch hat Netzer in Ko-Autorenschaft mit Autor Razvan Raulescu geschrieben, der auch schon die Drehbücher für die herausragenden rumänischen Filme "Der Tod des Herrn Lazarescu" und "Tuesday after Christmas" geschrieben, und als beratender Autor bei "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" mitgewirkt hatte. Doch anders als bei den soeben erwähnten Filmen, ist "Mutter & Sohn" in erster Linie keine speziell rumänische Geschichte, sondern vielmehr eine Universelle. Lediglich der Kontext, in dem diese Geschichte eingebettet ist, die Korruption, das große Gefälle zwischen Unter- und Oberschicht ist spezifisch für Rumänien. Für die Dreharbeiten hat sich Regisseur Calin Peter Netzer zusammen mit seinen Hauptdarstellern über acht Monate lang vorbereitet. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Authentizität und Emotionalität, wie man sie leider viel zu selten auf der Leinwand sieht. Die Kraft der Erzählung, der präzise, unprätentiöse Blick auf das Schicksal dieser Menschen, und die dokumentarische Form des Filmes erinnern an Filme der Gebrüder Dardennes. Völlig zu Recht hat Netzer für dieses Werk den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale gewonnen. Und man darf gespannt sein, was von diesem herausragenden Filmemacher in den nächsten Jahren noch zu sehen sein wird.

 

Gesehen von Jeanne Seydoux