Im Jahr des Hundes

 

Im Jahr des Hundes

Daten

Im Jahr des Hundes

Deutschland 2008

REGIE: Ursula Scheid
DREHBUCH: Ursula Scheid
KAMERA: Armin Dierolf, Petra Wallner
SCHNITT: Daniela Drescher
MUSIK: Chen Shui

 

Regie: Ursula Scheid Heiraten im Jahr des Hundes bringt Glück, denn es bedeutet Treue. Außerdem folgt ihm das Jahr des Schweins, und in diesem sollte man Kinder bekommen. Das alles heißt, dass es der im Film gezeigten Hochzeitsveranstalterin gerade sehr gut geht. Sehr gut, so sei auch ihr Gefühl jenen beiden Menschen gegenüber, die an ihrem Tisch sitzen. Denn sie spüre ihre Liebe, sagt sie mechanisch und scheint es etwas eilig zu haben. Der Mann aber freut sich: Seine erste Frau sei so perfekt gewesen, so strebsam, eine starke Frau, nie mehr wolle er eine solche Ehe eingehen. Die junge Frau neben ihm lacht, aber sie möchte ja, wie sie später erklärt, ein ganz einfaches, bescheidenes Leben führen. Die Kamera kehrt einige Male zu jenem Paar zurück. Sie begleitet es bei Photoaufnahmen, bei der Hochzeit, sie zeigt die Frau im Gespräch mit ihrer Mutter. Doch immer wieder verläßt der Film der Regisseurin Ursula Scheid die beiden und ihr Leben, und wendet sich nach und nach einer anderen Geschichte zu. Die Begeisterung der Chinesen für den Hund ist gerade einmal acht Jahre alt und treibt, wie man immer wieder sieht, zum Teil sonderbare Blüten. Todernst erzählt eine Frau, wie sie ihren verstorbenen Hund auf einem besonderen Friedhof für Hunde begraben ließ. Man sieht eine andere Frau, die ihren Pudel überaus gründlich frisiert, ihm bunte Olympiaringe auf das Fell malt und ihn dann mit einem roten, blinkenden Halsband spazieren führt. Eine dritte Frau erzählt im Polizeimuseum zunächst von der das Böse ausmerzenden, Wohltätigkeit verbreitenden Kriminalpolizei, ehe sie mit größtem Respekt Fei Sheng vorstellt, einen Deutschen Schäferhund, dessen Leistungen als Polizeihund mehr als vorbildlich waren. Als er jedoch auf einer seiner Missionen ernsthaft verwundet wurde und nicht mehr arbeiten konnte, fiel dies gerade mit dem Bau des Polizeimuseums zusammen. Und da ein ausgestopfter Hund gebraucht wurde und obwohl ihn sein Halter sehr gerne hatte, wurde ihm die Ehre zuteil, alle Polizeihunde Chinas zu repräsentieren. Viele der im Film gezeigten Geschichten leben von dieser Spannung zwischen der Ernsthaftigkeit der im Film interviewten Menschen und dem, was sie gerade tun oder erzählen. Diese Spannung entbehrt nicht einer gewissen Komik, manchmal einer sehr bösen und bedrohlichen, manchmal auch einer sehr naiven Komik. Denn im Prinzip erscheint vieles, was man sieht, lächerlich: zum Beispiel die Sorgfalt, mit der eine junge Chinesin ihrem winzigen Hund kleine Schuhe anzieht. Dabei ist es aber offensichtlich, dass diese Lächerlichkeit nur dem Zuschauer bewusst ist, aber nicht den Menschen vor der Kamera. Der Film nutzt diese Komik, die oft im Mittelpunkt der Geschichte steht. Der Hund wirkt in manchen Szenen wie ein trauriger Ersatz für jedwede Beziehung, ohne dass man aber wirklich viel über die dargestellten Menschen erfährt. Dafür erschließen sich hin und wieder Blicke auf das heutige China, auf verschiedene Typen von Menschen, die sich versuchen, mit der Gesellschaft zu arrangieren. Manchen gelingt dies besser, andere, wie eine Künstlerfamilie auf dem Land, äußern sich nur sehr vorsichtig zur politischen Situation, einige schimpfen offen. Meist ist es ein beiläufig erscheinender Blick, der sich hier eröffnet, ein Blick, den das Thema indirekt freigibt, ab und zu jedoch bewegt sich der Film durchaus suchend in diese Richtung. Und an einigen Stellen sind es auch einzig die Bilder, die etwas erzählen. Etwa in jener Szene, als die Kamera über eine futuristische, in Staub und Smog gehüllte Stadt schweift, hinter deren einsamen, wie Giganten aufragenden Hochhäusern ein Hügel mit einem künstlichen, puppenhaften Schlösschen zu erkennen ist. In diesen Momenten sieht man einen Film im Film, eine nicht durchgängige Geschichte, die jedoch wuchtiger, ernster und wichtiger ist als das eigentliche Thema des Films.

 

Gesehen von Paul Mittelsdorf

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