Keine Sorge, mir geht's gut

 

 

Daten

Keine Sorge, mir geht's gut

Frankreich 2006

REGIE: Philippe Lioret
DREHBUCH: Philippe Lioret, Olivier Adamo
KAMERA: Sacha Wiernik
SCHNITT: Andréa Sedlackova
MUSIK: Nicolas Piovani

DARSTELLER: Mélanie Laurent, Kad Merad, Isabelle Renauld

 

Regie: Philippe Lioret Kinostart: 22. März 2007 Zwischen Heimkehrern und Daheimgebliebenen dräunt ein Abgrund. Es ist die Kluft zwischen Ausbruch und Alltag, zwischen Erleben und Erwarten. Sie verläuft quer durch Familien und Freundschaften und hat ihre breitesten Stellen in den Häfen und Bahnhöfen dieser Welt. Schon in den ersten Sekunden macht der Film dies deutlich, mit Bildern des Wartens und Ankommens auf einem kleinen Pariser Busbahnhof. Von jenem Moment an da Mélanie Laurent als Lili aus dem Bus hinaus zu Ihren Eltern tritt, entfaltet sich eine emotionale Spannung welche die nächsten eineinhalb Stunden tragen wird. "Lili, take another step out of your fake world", aus der Vorstadt, den adretten Einfamilienhäusern, geregelten Tagesabläufen und beängstigenden Fernsehgewohnheiten. So rät es Loïc seiner Zwillingsschwester in einem Lied. Doch Loïc ist ihr weit voraus, das heißt seit einigen Tagen verschollen, wie die Eltern Lili auf der Heimfahrt mitteilen. Es hat einen heftigen Streit mit Paul, dem Vater, gegeben, so sagen sie und nun sei er weg. Lilis Versuche der Kontaktaufnahme mit dem vertrauten, geliebten Bruder bleiben erfolglos, das kurz zuvor aufgenommene Lied einzige Nachricht und Hoffnung. Die Eltern scheinen mit der Situation überfordert und Lili verliert mit jedem Tag der Ungewissheit zunehmend den Halt in ihrer kleinen Welt. Um das Motiv der wartenden Lili spinnt der Film seine Ideen und Geschichten zu einem einfühlsamen Drama in der fotogenen französischen Mittelschicht. Klassische Themen wie Familie, Liebe oder Verlustangst behandelt er mit großem Charme und fast immer mit der gebotenen Subtilität. Nie verliert der Zuschauer die Verbindung zu den Figuren, was zum Einen der zurückhaltenden und doch eindringlichen Inszenierung von Philippe Lioret zu verdanken ist, zum Anderen dem Spiel der Darsteller. Mit einem Blick aus Ihren tränenblauen Augen vermag Laurents zurückgenommene Lili Cineastenherzen zu brechen. Aber auch Isabelle Renauld als die Fassade einer glücklichen Frau und Kad Merad als ein Vater in den Untiefen des Generationskonflikts werden wohl kaum einen Zuschauer unberührt lassen. Dem Film wird zuweilen übermäßige Konstruiertheit zur Last gelegt und tatsächlich stehen die wenigen handlungstreibenden Elemente deutlich aus der behutsamen Milieuschilderung heraus. Da jedoch, wie schon bei Liorets "Die Frau des Leuchtturmwärters", die Handlung lediglich eine Legitimation für Charakterstudien ist und jede Wendung des Films eine neue Perspektive auf das Geflecht von Abhängigkeiten und Emotionen eröffnet, schadet die manchmal etwas vordergründige Künstlichkeit des Geschehens nicht der Qualität des Erlebten und Empfundenen. Einzig die fragwürdige Vermarktung des Treibens als "alternativen Thriller" könnte den ein oder anderen Zuschauer vielleicht auf die falsche Fährte locken und dann unbefriedigt zurücklassen. Wer sich jedoch auf ein Stück intelligentes, fühlbares französisches Gegenwartskino vorfreut, der wird nicht enttäuscht werden.

 

Gesehen von Georg Göttlich

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