Die Kunst sich die Schuhe zu binden

 

Die Kunst sich die Schuhe zu binden

Daten

Die Kunst sich die Schuhe zu binden

100 min., Schweden 2011

REGIE: Lena Koppel
DREHBUCH: Lena Koppel, Trine Piil, Pär Johansson
KAMERA: Rozbeh Ganjali

DARSTELLER: Sverrir Gudnason, Vanna Rosenberg, Bosse Östlin, David Gustafsson, Ellinore Holmer, Maja Karlsson, Theresia Widarsson, Mats Melin

 

Regie: Lena Koppel Kinostart: 20. September 2012 Als Theaterschauspieler kann man so gut sein wie man will, wenn man zu spät zu den Proben kommt und seine Einsätze nicht kennt, schlägt das nicht gerade positiv zu Buche. So kommt es, dass Alex seinen Job und deshalb auch gleich seine Freundin verliert. Als sich der sympathische Chaot beim Arbeitsamt meldet, gibt es dort für ihn nur einen einzigen Job: Betreuer in einem Behindertenheim. Als er dort mangels Alternativen anfängt, stellt er schnell fest, dass der von der Heimleitung für die Behinderten vorgeschriebene Tagesablauf weitab von Begrifflichkeiten wie Spaß und Lebensfreude liegt. Doch bei seinen Versuchen, den Alltag für seine Gruppe interessanter zu gestalten, stößt er auf Widerstand sowohl von Seiten der Familien als auch der Heimleitung. Als sich jedoch herausstellt, dass in der sechsköpfigen Gruppe jede Menge musikalisches Talent schlummert, fasst er den Plan, sie über eine Fernseh-Castingshow  berühmt zu machen... Der Film beruht auf der wahren Begebenheit des Glada Hudik-Theaters in Schweden, das von Pär Johansson, Betreuer in einem Tageszentrum für geistig behinderte Menschen, 1996 dort gegründet wurde. Johansson hatte zu Beginn mit dem großen Widerstand der Familien der Ensemblemitglieder zu kämpfen. Fand die erste Aufführung noch vor einem Publikum von 400 Leuten statt, so wuchs der Bekanntheitsgrad der Glada Hudik-Truppe über die folgenden Produktionen immer weiter an, bis sie schließlich von 2005 an auf Tour ging und mit ihrem Musical „Elvis" mehr als 110 000 Menschen begeisterte. Sie führten das Stück im Juni 2010 sogar auf dem New Yorker Broadway auf. Es bleibt ein Rätsel, warum mit „Die Kunst sich die Schuhe zu binden" nicht die tatsächliche Erfolgsgeschichte des Glada Hudik-Theaters auf die Leinwand gebracht wurde obwohl Pär Johansson am Drehbuch mitgewirkt hatte und die Hauptcharaktere zum Teil von Theatermitgliedern gespielt wurden, die als solche ihre Rollen auch auszufüllen wissen. Allerdings wurde das Theater als Element der Befreiung, der Möglichkeit der Selbsterfahrung und Entwicklung für seine Mitglieder im Film weitgehend von Alex' (Sverrir Gudnason) Idee des Auftritts bei einer Castingshow verdrängt. Der Auftritt geistig behinderter Menschen in einem Fernsehformat dessen Zweck gerade in der Zurschaustellung der Teilnehmer besteht (auch wenn dies sicher nicht Absicht des Films war), hat einen komischen Beigeschmack. Davon abgesehen fehlt dem Fernsehauftritt, was der Geschichte des Glada Hudik-Theaters zu Grunde liegt, nämlich das Schaffen von Erfolg aus eigener Leistung. Zwar klingt diese Thematik mit einem anderen Auftritt der Gruppe im Film vor kleinerem Publikum in der Heimatstadt an, das große Ziel bleibt jedoch das Fernsehen. Von diesem Manko einmal abgesehen, hat der Film auch einen interessanten Aspekt: Regisseurin Lena Koppel zeigt an den Verwandten der Hauptcharaktere wie auch an den Heimmethoden sehr deutlich wie eine vermeintlich tolerante und aufgeklärte Gesellschaft Behinderte durch ihre völlige Unterschätzung nur weiter stigmatisiert. So wird dies in der namengebenden Szene deutlich, in der Ebbe, Leif, Katarina, Kristina, Filippa und Kjell-Ǻke schon das achte Jahr in Folge stumpfsinnig das Schuhe binden beigebracht wird. Fazit: Es hätte dem Film deutlich besser getan, wenn er die Geschichte, die ihm zu Grunde liegt, erzählt hätte, wie sie tatsächlich passiert ist. So bleibt am Ende der Nachgeschmack eines Films der gerne Feel-Good-Streifen und Gesellschaftskritik zugleich sein möchte, schlussendlich aber weder als das eine noch das andere richtig funktioniert. Schade, denn die Originalereignisse hätten jede Menge Potential geliefert..

 

Gesehen von Jannis Brunner

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