Der Mann von der Botschaft

 

Kinostart: 29.11. 2007 Der Mann von der Botschaft heißt Herbert Neumann und arbeitet in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Er lebt allein in einem fremden Land, dessen Sprache er kaum spricht, und flüchtet sich allabendlich in die Szenerien eines Computerspiels. Sein Alltag ist geprägt von Monotonie und Isolation, bis er eines Tages dem Straßenmädchen Sashka begegnet. Als sie versucht, ihm auf dem Markt sein Portemonnaie zu stehlen, übergibt er sie den Aufsehern, wird aber kurz danach aus seinem Auto heraus Zeuge, wie diese sie schlagen und öffnet der Flüchtenden die Beifahrertür. Es besteht so gut wie keine verbale Kommunikation, dennoch fühlen beide sich in der Anwesenheit des anderen wohl. Wenig später begegnen Herbert und Sashka sich erneut, und wieder bietet er ihr, etwas unbeholfen, Geld für das Tragen seiner Einkaufstaschen an. Seine ungelenke Art der humanitären Hilfe wird von ihr akzeptiert, und mit der Zeit wird aus dem Einkaufsritual eine wortlose Freundschaft. Die zwölfjährige Sashka lebt in einem Flüchtlingsheim außerhalb der Stadt, wo von der vom deutschen Botschafter laut gepriesenen „Hilfe durch Handeln"  nicht viel zu sehen ist.. Herbert beginnt sich um Sashka zu kümmern, lässt ihr all die Zuwendung zuteil werden, die er niemandem sonst geben kann, kauft ihr neue Kleidung und schmiert ihr sorgfältig Marmeladenbrote. Die intensive Beziehung, die beide zueinander aufbauen, ist eigentlich eine Nutzfreundschaft, auch für den einsamen Herbert, der das aber nicht erkennt. Er braucht Sashka genau wie sie ihn. Nach und nach verbringen sie immer mehr Zeit miteinander. Hier beginnt der Konflikt, den Regisseur Dito Tsintsadze mit viel Feingefühl darzustellen sucht. Das Umfeld der Protagonisten akzeptiert diese neue, unbedachte Freundschaft nicht. Sowohl Sashka als auch Herbert bekommen das Unverständnis und die mangelnde Akzeptanz zu spüren, sei es seitens der Spielkameraden oder der Kollegen in der Botschaft. Ihre Freundschaft steht nun unter Beobachtung und wird dadurch vor allem für Herbert immer mehr zur Belastung. Seine Kollegen in der Botschaft versichern ihm, dass sie „nichts auf die Gerüchte der Einheimischen geben", und eines Abends stehen zwei selbsternannte einheimische Polizisten vor seiner Tür, die „für den Schutz der Minderjährigen" verantwortlich sind. Diese versichern ihm, dass die internationalen diplomatischen Beziehungen nicht durch einen Skandal gefährdet seien, solange er ihnen mit kleinen „Aufwendungen" entgegenkomme. Herbert muss sich der Tatsache stellen, dass seine einfache, naive Zuwendung für Sashka in dieser Welt schwerlich einen Platz findet und steht nun vor einer Entscheidung. Dito Tsintsadze legt hier einen kleinen, fast poetischen Film über die Einsamkeit der Menschen vor. Es geht um Vorurteile und um die Bereitschaft, für seine Überzeugungen einzustehen und Verantwortung zu übernehmen. Tsintsadze zeigt, wie wichtig es ist, auf den Anderen, Unbekannten zuzugehen und sich nicht hinter vorgefestigten Meinungen zu verstecken. Herbert erlebt, indem er diese Intimität mit Sashka zulässt, eine völlig neue Art von Nähe, ein unverfälschtes Harmonieren mit einem anderen Menschen, unbelastet von Erwartungen. Dabei ist der Film keineswegs eindeutig – als Zuschauer fragt man sich immer wieder, ob Herbert wirklich der gute Charakter ist, den wir ihn ihm sehen wollen. Tsintsadze gelingt mit seinem mehrfach ausgezeichneten Film eine beeindruckende Gratwanderung, die den Zuschauer durch ebendieses andauernde Unwohlsein mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert, und eben auch mit dem erworbenen Misstrauen gegenüber der Welt. „Ich möchte den Zuschauern mit diesem Film eine sehr simple Botschaft vermitteln: Sieh auf dein eigenes Leben, such nach den kleinen Wundern und versuch, den Zauber, der ihnen innewohnt zu sehen und nicht zu skeptisch zu sein, wenn du nicht immer alles verstehst, was um dich herum passiert. Nicht alles ist schlecht!" Ein berührender Film, getragen von zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern:

Lika Martinova und Burghart Klaußner (Good Bye Lenin, Die fetten Jahre sind vorbei).

 

Gesehen von Ana Püschel

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