O´Horten

 

O´Horten

Daten

O´Horten

90 Min., Komödie, Norwegen 2007

REGIE: Bent Hamer
KAMERA: John ChristianRosenlund
SCHNITT: Pal Gengenbach
MUSIK: Kaada

DARSTELLER: Bard Owe, Espen Skjonberg, Henny Moan

 

Regie: Bent Hamer Im Nachhinein ist es dieser (wunderschöne) Moment, der O´Horten als ein Märchen ankündigt: ein Zug verlässt die Dunkelheit des Tunnels und taucht zu frohen, getragenen, sehnsuchtsvollen Klängen in eine winterliche, beinahe vollkommen weiße Schneewelt ein. Odd Horten fährt den Zug, es ist eine seiner letzten Fahrten, und nun wird er bald in Rente gehen. Odd ist 67 Jahre alt und hat 40 Jahre für die Eisenbahn gearbeitet. Sein Leben besteht aus der Strecke von Oslo ins verregnete Bergen. Dort schläft er in einer kleinen Pension, bevor er am nächsten, verregneten Morgen zurück nach Oslo fährt. In seiner Wohnung, die direkt neben der Eisenbahnlinie liegt, wartet einzig ein Wellensittich. Ansonsten könnten die Zimmer kaum lebloser und uninteressanter sein. Odd Hortens Leben ist durchaus kein Abenteuer, aber er scheint ein solches auch nicht zu erwarten oder herbeizusehnen. Doch dann, bevor er seine letzte Fahrt antritt, passiert es zum ersten Mal seit 40 Jahren, dass Horten seinen Zug verschläft. Schuld daran sind mehrere Dinge, die in der Nacht schief gehen, doch letzten Endes haben sie es geschafft, Horten aus seiner Bahn zu werfen. Und so geschieht es, dass er sich plötzlich nicht auf der Strecke von Oslo nach Bergen befindet, sondern auf sonderbaren, unvorhersehbaren Pfaden, die ihn nicht zuletzt in seine eigene Jugend zurückführen. Es ist schier unglaublich, was Horten plötzlich, vom Film sehr liebevoll erzählt, zustößt. Selbst dann, wenn man an ähnlich skurril erzählte Geschichten, etwa von Jarmusch oder Kaurismäki, denkt. Sind es bei letzteren eher die Menschen, die im Mittelpunkt stehen, so sind es bei O´Horten nicht immer, aber doch oft die Ereignisse. Einmal verwandelt ein plötzlicher Regen eine abfällige Straße im nächtlichen, winterlichen Oslo in eine Eisbahn, auf der an dem sich an einer Laterne festklammernden Horten die verwunderlichsten Dinge vorbeirutschen. Ein anderes Mal schläft Horten in einer Sauna ein und findet schließlich, als er aufwacht, ein bereits geschlossenes, leeres Schwimmbad vor. Doch dann wird er von zwei anderen nächtlichen Besuchern, die von seiner Gegenwart gar nichts bemerken, wieder vertrieben. Allerdings sieht er sich gezwungen, die roten Stöckelschuhe einer der Damen anzuziehen und trifft kurz darauf einen betrunkenen älteren Herrn, der schließlich mit Odd Horten mit geschlossenen Augen durch das nächtliche Oslo fährt... Diese Zufälle akzeptiert  Horten, nach 40 Jahren eines geregelten, einfachen Lebens, eher gelassen als überrascht. Trotz einiger wirklich schöner Szenen wirken seine Erlebnisse jedoch hin und wieder zu gehäuft und zu gewollt und einmal, im Falle des Ein- beziehungsweise Verschlafens, wiederholt sich auch deren Struktur. Es bleibt anfangs ein wenig rätselhaft, auf was die Geschichte hinausläuft. Ein innerer Strang kristallisiert sich erst im Laufe des Films heraus, nachdem man Hortens Mutter kennenlernt und auch einiges von seiner eigenen Vergangenheit. Auf einem Photo sieht man die alte Frau, die mittlerweile in einem Altersheim lebt, mit Zöpfen, Mütze und zwei riesigen Skiern. Ungleich Horten war sie eine hervorragende Skispringerin und überhaupt ein weitaus wagemutiger Mensch als er. Horten war, zur Enttäuschung seiner Mutter, zum Skispringen nie mutig genug gewesen. Nicht nur mit seinem Gleichmut, mit dem er ein Abenteuer nach dem anderen annimmt, holt Horten also etwas auf, sondern auch damit, dass er schließlich von jener Skischanze springt, die seine Mutter, da es Frauen verboten war, nie hatte betreten dürfen. Kurz, als er mit den Skiern hoch über den Wipfeln der Bäume steht, erscheint seine Mutter als junges Mädchen und sieht ihn an. Dann springt Horten. Am Ende erscheint der Zug noch einmal. Wieder verlässt er den dunklen Tunnel, wieder taucht er zu den Klängen einer wundervollen Musik ein in die Helligkeit einer verschneiten, verzauberten Welt. Horten sitzt im Zug und er ist auch nicht mehr allein, in keiner Beziehung. Als Zuschauer aber fragt man sich, ob man das Ende richtig verstanden hat, was eigentlich geschehen ist? Die Dinge, die Horten erlebt, könnten trotz aller Absurdität und Skurrilität irgendwie geschehen. Dem gemeisterten Sprung von der Skischanze jedoch traut man dies nicht zu und dies ist verwirrend, denn auch ein Märchen besitzt seine innere Wahrhaftigkeit.

 

Gesehen von Paul Mittelsdorf

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