Schatten der Zeit

 

Schatten der Zeit

Daten

 

Schatten der Zeit

D 2004

REGIE: Florian Gallenberger
KAMERA: Jürgen Jürges
SCHNITT: Hansjörg Weissbrich
AUSSTATTUNG: T.P.Abid, Rajiv Gautam
KOSTÜM: Lisy Christl
MUSIK: Gert Wilden jr.
DARSTELLER: Tannishtha Chatterjee, Prashanth Narayanan, Tillotama Shome, Irrfan Khan

 

 

Regie: Florian Gallenberger

 

Filmstart: 12. Mai 2005

 

Ein paar Jahre hat es gedauert, bis wir nach dem oscarprämierten Kurzfilm "Quiero Ser" (1999) Florian Gallenbergers neues Werk sehen können. "Schatten der Zeit", eine indische Liebesgeschichte in schwierigen Zeiten, ist nun sein erster Langfilm- und die Intensität an Epik, Dramatik und Tränendrüse, die er mit seiner Bildsprache erreicht, sorgt dafür, dass die Liebesfilme der letzten Jahre in der Erinnerung des Betrachters zu einem einzigen Klischeebrei abschmelzen und in den zerebralen Papierkorb verschoben werden können. Zu Beginn steht ein alter Mann in einer leerstehenden Fabrikhalle, streicht wortlos über verstaubte Gegenstände, beginnt sich zu erinnern und man ahnt schon: um Liebe wird es gehen, aber um Glück?
Indien vor der Unabhängigkeit. In einer Teppichfabrik bei Kalkutta schuften Ravi und Masha als Kindersklaven. Sie lernen sich kennen, und Ravi wird zum Freund, großen Bruder und Beschützer für die naive Masha. Der aufgeweckte Junge hat nur ein Ziel: er spart sein ganzes Geld, um sich freikaufen und in die Stadt ziehen zu können. Doch als Masha an einen Mädchenhändler verkauft werden soll, opfert er seine Ersparnisse, um seiner Freundin dieses Schicksal zu ersparen. Masha verspricht ihm, immer bei Vollmond im größten Shivatempel der Stadt so lange zu warten, bis auch er frei ist und in die Stadt kommt.
Doch dem mitleidlosen Großstadtleben ist Masha nicht gewachsen, sie wird um ihr Geld betrogen und landet im Bordell. Als junger Mann kann Ravi endlich die Fabrik verlassen und heuert bei einem erfolglosen Teppichhändler und dessen Tochter Deepa an. Immer bei Vollmond sucht er den Tempel auf, doch ein Missverständnis sorgt dafür, dass Masha denkt, Ravi sei mit Deepa verheiratet. Sie spricht ihn nicht an. Da Ravi keine Spur von Masha findet, heiratet er Deepa und übernimmt den inzwischen florierenden Teppichexporthandel. Masha hat nach der Enttäuschung im Tempel dem Drängen ihres Verehrers Yani nachgegeben. Bei einem Streit um die Zolleinfuhr trifft Ravi Yani, dem er einst einen Teppich verkauft hat, wieder. Bei einem gemeinsamen Abendessen kommt es zum Wiedersehen mit Masha. Erst jetzt scheint ihre Liebe so etwas wie ein glückliches Ende zu finden, sie beginnen eine Affäre. Doch aus beruflichen Gründen zieht Yani mit Masha ins Ausland. Ravi ist unfähig, etwas gegen Mashas Abreise zu unternehmen. Bei der Abfahrt erfährt er von Yani, dass Masha schwanger ist. Nach Jahren steht Yani vor der Tür: er hat Mash und das Kind verstoßen, nachdem er erfahren hat, dass das Kind nicht von ihm ist.
Ravi und Masha treffen sie sich wieder, haben Kinder, Erfolg und Enttäuschung hinter sich und es stellt sich die Frage: wie viel Schicksal kann die Liebe verkraften? Gewisse Parallelen zu "Quiero Ser" sind in diesem Film offensichtlich: auch im Kurzfilm ging es um zwei Kinder auf der Schattenseite des Lebens, die in einer skrupellosen Welt um ihre Kindheit gebracht werden. Es ist beinahe schon erschreckend, wie ernst und erwachsen Ravi und Masha als Kinder wirken- umso brutaler der Gedanke, dass auch heute noch Kinderarbeiter in Billiglohnländern schuften müssen.

Was Gallenbergers Erstlingsfilm so liebenswert und berührend macht, ist, dass er wirklich konsequent seiner Geschichte folgt. Es ist einfach wohltuend zu sehen, dass sein Drehbuch einer inneren Logik folgt und nicht nach dem Schema eines Skriptgurus angefertigt ist. Er macht es sich und seinen Protagonisten nie zu leicht und lässt sich nicht auf Klischees ein- selbst die an die regennasse Scheibe gelegten Hände wirken nicht seicht, sondern passen in den Rhythmus der Geschichte. Erzählt wird die Liebesgeschichte (mit einem sehr traurigen, aber absolut unvermeidbaren Schluss) in atemberaubend schönen Bildern und Einstellungen.
Es gibt nur eine Sache, die aus der Sicht des deutschen Zuschauers störend wirkt: die Identifikation mit dem erwachsenen Ravi fällt nicht gerade leicht, was hauptsächlich an den weichen, fast femininen ("typisch" indischen) Gesichtszügen des Darstellers liegt. Da merkt man erst, wie tief manche sozio-kulturellen Vorurteile in einem verankert sind; umso bemerkenswerter ist Gallenbergers Einfühlungsvermögen . Mit "Schatten der Zeit" liefert er unter anderem auch einen wertvollen Beitrag zu Offenheit gegenüber fremden Kulturen. Mit diesem Film hat Gallenberger gezeigt, das von ihm noch einiges zu erwarten sein wird. Es bleibt nur die Hoffnung, dass es diesmal nicht wieder fünf Jahre dauern wird- so lange können wir nicht warten.
Denn "Schatten der Zeit" ist grenzüberschreitendes deutsches Kino. Till Schweiger hat mit "Barfuss" einen frechen, kleinen Liebesfilm geliefert; Gallenberger hat mit seiner epischen Geschichte so etwas wie den großen, ernsthaften Bruder kreiert. Also: Partner (oder für Singlefrauen: beste Freundin) und Taschentücher einpacken und ins Kino gehen. Es lohnt sich.

 

Gesehen von Johannes Prokop

 

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