Spun

 

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Regie: Jonas Åkerlund

 

„Pulp Fiction" Reloaded Jonas Åkerlund versetzt das Publikum in eine beispiellose Achterbahnfahrt! So eine Europapremiere für den eigenen Debütfilm wünscht sich jeder Regisseur. Kaum sind die ersten fünf Minuten vergangen, demonstriert Åkerlund sein gesamtes stilistisches Repertoire aus harten Schnitten, surrealen Effekten und einer vulgären Sprache, die ohne "Fuck" nicht mehr auszukommen scheint, und der fast vollbesetzte Kinosaal im MAXX 2 tobt. Der Film besitzt keine aufbauende Dramaturgie, er platzt wie eine Bombe in den Kinosaal und schleift das verblüffte Publikum 96 Minuten in einem atemberaubenden Tempo mit. Es ist ein postmoderner Film für ein postmodernes Publikum im Zeitalter der Medien, der Videoclips, des Moralpluralismus, der Oberflächlichkeit, der Ziellosigkeit und des maßlosen Drogenkonsums. Dass dabei eine kohärente Geschichte mit Spannungsaufbau etc. in den Hintergrund tritt, ist die programmatische Absicht des Regisseurs. Er bedient die Oberflächlichkeit der Betrachtung und forciert die Zusammenhangslosigkeit durch ein Konglomerat aus Zitaten von Musik und TV der 90er Jahre. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein Kreis von lebensunfähigen Versagern, die ihr Leben dem Drogenkonsum verschrieben haben. Ihre Sicht der Dinge basiert nur noch auf einem synthetischen Schein der Wirklichkeit und dennoch träumen alle Protagonisten von dem Höchstmaß der sinnlichen Wahrnehmung ohne Schlaf und Unterbrechung. Auf diese Weise leben sie allesamt in einem unnatürlichen Zeitraffer, unfähig dem Rhythmus des Alltags zu folgen und die eigenen Probleme zu bewältigen. Da gibt es beispielsweise Ross (Jason Schwartzman), einer der vergleichsweise zu den anderen, mit ihrer Derbheit und ihrem Chaos, noch "normal" erscheint. Auf der Suche nach Drogen trifft er auf eine Stripperin, mit der er wenig später in einem billigen Motel ladet. Als sich dann schließlich die Gelegenheit bietet, zu den gewünschten Drogen zu kommen, unterbricht er die Liaison und lässt die Prostituierte ganze vier Tage nackt auf seinem Bett gefesselt liegen. Zugleich trauert er jedoch seiner weitentfernten Liebe Amy nach, die im Gegensatz zu ihm voll im Leben steht und der er eigentlich noch 450 $ schuldet. Sie allerdings hat kein Interesse mehr an seiner Person sowie generell an den männlichen Reizen. Genügend davon hätte potenziell der Cowboy Cook (Mickey Rourke) zu bieten, ein wagemutiger "Chemiker", der die übrigen mit selbst erzeugten Amphetaminen versorgt, alle halbe Jahre mindestens einen Unfall verschuldet und in der Folge ein Motel zu Kleinholz macht. Dessen Freundin Nikki (Brittany Murphy) hat dagegen ihre ganz eigenen Probleme. In knallenge Hot Pants eingezwängt, mit einem rosa Koffer ausgestattet, sorgt sie sich hyperventilierend um ihren kleinen Pudel Taco, der nach ihrer Meinung unbedingt in eine Tagesklinik eingewiesen werden muss. Als Cook in ihrem Beisein jedoch eine Prostituierte wie eine Pizza bestellt, ist das Maß voll und die "Beziehung" zu ihm beendet. Erneut wird der willenlose Ross als Fahrer missbraucht, um Nikki zu einem Bus ins Nirgendwo zu bringen. Last but not least erzählt der Film von Spider Mike (John Leguizamo), einem Dealer, der jedoch ständig seine Ware verliert. Auch er bedient sich gern der diversen Sexhotlines, während seine Freundin schnell auf der Toilette verschwindet. Schließlich fliegt er jedoch auf, da Frisbee (Patrick Fugit), ein Kunde von ihm, ihn der Polizei ausliefert. Frisbee ist das Bild eines Versagers. Das Gesicht mit Pickeln gezeichnet, wohnt er gemeinsam mit seiner fettleibigen Mutter in einem Wohnwagen, um entweder fettiges Fleisch zu verzehren oder blutrünstige Computerspiele zu spielen. Von der Polizei erwischt werden wie im Leben immer die kleinsten, nur das bei Frisbee das American TV mit dem Format "Real Cops, Real People, Real Trouble" live dabei ist. Letzen Endes trägt der Film primär die Handschrift eines Videoclip Regisseurs. Daher muss sich der Zuschauer zunächst an die schnelllebige Virtuosität von Jonas Åkerlund gewöhnen. Es scheint zeitweise fast so, als ob sich Bild, Ton, Darsteller, Figuren und Text nicht mehr aufeinander beziehen, sondern isoliert voneinander funktionieren. Die ständig neue Mixtur der unterschiedlichen Zeichen hebt die Story letztendlich auf eine surreale Ebene, wie sie von den drogensüchtigen Protagonisten wahrgenommen wird. Selbst die harten Schnitte forcieren in diesem Zusammenhang ein dermaßen mangelndes Zeitgefühl, so dass selbst Baz Luhrmann schwindlig werden würde. Allein zum Schluss kommen die Figuren und damit auch der Zuschauer zur Ruhe. Das Chaos verwandelt sich in einen ruhevollen Schlaf, das Leben kehrt zurück in die Normalität, fernab einer unendlichen synthetischen Wahrnehmung für jeden Augenblick. Bei der Rezeption des Filmes kann man natürlich als Kritikpunkt anführen, dass der Stil von Jonas Åkerlund für den Zuschauer nichts Neues bedeutet. Dieser Ansatz ist jedoch kaum haltbar, wenn man bedenkt, dass der Regisseur nie eindimensionale Bilder konstruiert. Er zeigt eine Gruppe voller Leben, voller Freiheit, jedoch auch voller Verzweiflung, voller Unglück, voller Perspektivlosigkeit. Es sind die Facetten des Lebens, was will der Zuschauer mehr. Gesehen von Bogdan Büchner

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