Die Zeit die bleibt

 

Die Zeit die bleibt

Daten

Die Zeit die bleibt

86 Min., Frankreich 2005

REGIE: Francois Ozon
DREHBUCH: Francois Ozon

DARSTELLER: Melvil Poupaud, Jeanne Moreau, Valeria Bruni-Tedeschi, Christian Sengewald

 

Regie: Francois Ozon Filmstart: 02. März 2006

 

Romain ist 30 Jahre alt, Modefotograf , gutaussehend und erfolgreich. Er steht gerade kurz davor eine entscheidende berufliche Chance wahrzunehmen und damit eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter zu erklimmen, als ihm sein Arzt mitteilt, dass er nur noch einige Wochen zu leben hat. Die Diagnose lautet Krebs, ein bösartiger Tumor, der bereits Methastasen gebildet hat. Romain hat zwei Möglichkeiten: Entweder er geht den Weg einer Chemotherapie mit geringen Heilungschancen und körperlicher Auszehrung, oder er findet sich damit ab, dass er sterben wird. Er entscheidet sich gegen die Therapie. Seine Absicht ist es, die wenige Zeit die ihm bleibt in Würde zu nutzen. Aller Erwartung entgegen tut er zunächst viele Dinge, die nicht darauf hindeuten, dass er die Absicht verfolgt, in Versöhnung und Frieden mit der Welt und den Menschen zu sterben. Er sagt verletzende Dinge zu seiner labilen Schwester und selbst zu seinem Lover Sasha, von dem er sich unvermittelt trennt. Seine Krankheit verschweigt er vor allen, die ihm bis dahin nahe standen, bis auf seine Großmutter. Er fährt zu ihr und vertraut sich ihr an. In ihren Armen lässt er zum ersten mal das ganze Ausmaß an Schmerz zu, der ihn bis dahin in eine Art verbitterten Trancezustand gestürzt hatte. Die Begegnung mit seiner Großmutter, mit einem Menschen, mit dem er eine gewisse Art von Wesensverwandtschaft teilen kann, da jeder von ihnen auf seine Weise dem Tode nahe ist, stellt einen Wendepunkt in Romains Entwicklung dar. Er tritt nun ein in eine sehr individuelle und sinnlich-intensive Phase, in der er nicht nur die Versöhnung mit Sasha und seiner Schwester sucht und bewirkt, sondern in der er auch eine neue Art annimmt, seine Umwelt zu betrachten und zu erleben. Das bewirkt auch eine Veränderung im Umgang mit seinem Handwerk, der Fotografie, die er nun darauf verwendet nicht mehr oberflächliche Glammour-Schönheit abzubilden wie früher, sondern persönlich-tiefgründige, sinnliche Momente und Eindrücke festzuhalten. Eine Ruhe kehrt in ihn ein, mit der er noch einmal Dinge genießt, die er erst jetzt wohltuend und intensiv genießen kann, so wie damals, als er noch ein kleiner Junge war. Frage: Was macht die wirklich hohe Qualität dieses Films aus? Ich will mir hier einen Redeschwall überfrachtet mit Worten wie "authentisch" , "identifizieren" oder "gefühlsecht" ersparen, auch wenn das Worte sind, die im Kontext dieses Films tatsächlich angebracht wären. Das Tolle an "Die Zeit die bleibt" ist, dass der Film es schafft, uns das Schicksal des Krebskranken, diesen elementaren Schock der Erkenntnis des eigenen nahen Ablebens nahe zu bringen, obwohl der Umgang mit diesem Schicksal bei Romain ein sehr individueller ist. Auch wenn wir keine Romains sind, vollziehen wir vieles sehr stark nach. Das liegt auch daran, dass der Film Romain am Schluss zum Menschen "an sich" macht. Wir sehen am Schluss nicht mehr den modebewussten, individuellen, egozentrischen Fotografen Romain, wir sehen einen kahlgeschorenen, am Meeresufer liegenden kleinen Menschen, der ohne künstliche Hüllen und Verzierungen nackt und auf sich selbst zurückgeworfen ist, so wie es jedem von uns passieren kann und passieren wird. Doch die Botschaft ist kein erhobener Zeigefinger, der sagt: "Gedenke dass du sterblich bist!", nein, vielmehr sind die letzten Bilder am Meer, im Gegensatz zu den beklemmenden Eindrücken kurz nach der Krebsdiagnose, erfüllt von einer wunderbaren Ruhe, einer Ruhe, die nicht Leere und Nichts verheißt, sondern Mut macht. Romain ist erfüllt von dieser Ruhe. Er lässt sich in den Schoß seines Ursprungs sinken und entschläft sanft und geschmeidig. Es ist selten, dass ich im Kino erlebt habe, dass ein Protagonist seinem Leiden erliegt, ohne dass ich darüber frustriert nach Hause gegangen bin, aber es kommt vor! "Die Zeit die bleibt" behandelt ein Thema, um das keiner von uns früher oder später herumkommt. Ja ja: Das tun durchaus mehrere Filme, aber dieser tut es eindrucksvoll und schön und sollte deshalb nicht verpasst werden!

 

Gesehen von Jérôme Gemander

 

2. Meinung

Nach François Ozons großen Erfolgen "8 Frauen" und "Swimming Pool" präsentiert er mit "Die Zeit die bleibt" nun den zweiten Teil einer Trilogie über die Trauer, die er 2000 mit "Unter dem Sand" begonnen hatte. Ging es dort noch das Problem der Loslösung von einem geliebten Menschen, steht nun das Abschiednehmen im Vordergrund. Der Modefotograf Romain erfährt, dass er Krebs und bereits weitere Metastasen hat. Seine Lebenserwartung beträgt noch etwa drei Monate. Er verweigert sich einer wenig aussichtsreichen Therapie und erzählt niemandem von seiner Krankheit ausgenommen seiner Großmutter, denn: "Du bist wie ich - du stirbst auch bald". François Ozon schildert nun, wie Romain versucht, die ihm verbleibende Zeit zu nutzen. Und dass Gott sei Dank auf so unsentimentale Art, dass man auch nach Tagen noch über diesen Film nachdenkt. Denn Ozon lässt seinen Protagonisten nicht einen Katalog an Sachen abarbeiten, die man eben noch erledigen muss. Keine große Aussöhnungsszene mit der Familie; es sind kleine Gesten, mit denen sich Romain den Mitmenschen öffnet. Im Gegenteil sehr radikal beginnt Romain seine Zeit nach der Diagnose: seinen Liebhaber wirft er aus der Wohnung, und mit seiner einst geliebten Schwester zerstreitet er sich. Frei nach dem Motto "Die Kreuzwege des Lebens gehst du immer ganz allein" stößt er die Menschen, die ihn lieben, von sich, um ganz konzentriert die letzten Tage seines Lebens zu erleben. Und ein Kreuzweg ist es, den Romain durchmacht. Nicht zuletzt die sparsam eingesetzte Musik wie die Symphonie Nr.3 von Arvo Pärt weist darauf hin. Während Romains körperliche Präsenz im Zuge der Krankheitsentwicklung immer mehr zu verschwinden scheint, scheint sein innere Frieden zunehmend greifbarer zu werden. Es ist vor allem die unspektakuläre Darstellungsweise, die "Die Zeit die bleibt" sehr sehenswert macht. Gerade die kleinen Rückblenden, in denen sich Romain als Kind sieht, im Normalfall ein Garant für Streicheruntermalten Kitsch, fügt sich hier nahtlos ein ins große Ganze, in dem Sehgewohnheiten - heutzutage viel zu selten der Fall - nicht bedient werden.

 

Gesehen von Johannes Prokop

 

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