4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE

 

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Daten

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

RO 2007

REGIE: Christian Mungiu
DREHBUCH: Christian Mungiu
KAMERA: Oleg Mutu
SCHNITT: Dana Bunescu
DARSTELLER: Anamaria Marinca, Vlad Ivanov, Laura Vasiliu, Alex Potoceanu, Luminita Gheorghiu, Adi Carauleanu

Internationales Programm

Regie: Cristian Mungiu

Cristian Mungius Gewinnerfilm der Goldenen Palme in Cannes 2007 gehört zu einer Reihe von Filmen, die unter dem Titel "Tales from the Golden Age" entstanden. Ohne direkten Bezug zur Geschichte des Kommunismus in Rumänien erzählen sie die persönlichen Schicksale von Menschen in einer Zeit der politischen Unterdrückung, die als normal gelebt werden musste.

Das eindringlich und realistisch inszenierte Drama "4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE" erzählt die bewegende Geschichte von Otilia und Gabita, die Studienkolleginnen sind und das selbe Zimmer im Wohnheim am Ende der kommunistischen Ära Ceausescus teilen. Otilia bucht für ihre Zimmergenossin und Freundin ein Hotelzimmer unter falschen Namen, wo die beiden am Nachmittag einen gewissen Herr Bebe treffen werden. Die geheimnisvolle Mission hat einen schwerwiegenden Grund: Gabita ist schwanger und Herr Bebe ein Doktor, der die Abtreibung vornehmen soll.

Nicht der Eingriff als solcher, der zu dieser Zeit als illegal und mit hohen Gefängnisstrafen geahndet schwere gesetzliche Konsequenzen zur Folge hat, sondern die erniedrigenden Umstände, die diesen Schwangerschaftsabbruch erst möglich machen, sind es, welche die beiden jungen Frauen in eine persönliche Krise stürzen. Bebe fordert als Gegenleistung und persönliche Bezahlung vor seinem Dienst am Menschen Sex mit beiden Studentinnen.

Die unter großen persönlichen Gefahren durchlebte Abtreibung und die einher gehende seelische Verletzung sind so gesehen der einfache Teil für beide Frauen, wiegt doch die situationsbedingt erzwungene und zugestandene Vergewaltigung um so schwerer. Ottilia und Gabita bleiben als gebrandmarkte Opfer dieser Zeit zurück, deren persönlich intimes Universum tief verletzt wird.

Als Otilia darauf widerwillig Ihren Freund besuchen muss, um an der Feier von dessen Eltern teil zu nehmen, wird der Konflikt weiter verlagert. In einer beindruckenden Szene sieht man die junge Frau, wie sie in fremder Runde die angeregte Unterhaltung über sich ergehen lassen muss. Mit ihrem inneren Schmerz allein, will sie ihn am liebsten ausbrechen lassen doch behält die Kontrolle über sich. Ihrem Freund erzählt sie von der Abtreibung ihrer Freundin. Aus Scham und Verletztheit jedoch nicht von ihrer entscheidenden Mithilfe. Sie klagt ihn vielmehr an und stellt ihm die Frage, was er machen würde, wenn sie schwanger wäre. Mungiu spricht hier sinngemäß die Verantwortung an, die beide Partner zu tragen haben, und weist entscheidend auf die Rolle der leidtragenden Frau hin, die doch körperlich und seelisch mit der Abtreibung des Fötus allein fertig werden muss.

Otilia, eine selbstbestimmte, starke Hauptfigur, die sich um ihre schwache, hilflos naive Freundin kümmert, übernimmt letztendlich die schwere Aufgabe, den Fötus in einem Abfallrohr eines Großwohnkomplexes zu entsorgen. Sie unterdrückt jegliche menschlichen Empfindungen und wird somit selbst zur Abtreibenden. Wie die Freundin trägt sie die Abtreibung auf ihren Schultern und begreift die dahinter stehende Dimension.

Die Einbettung des Konflikts in einen gesellschaftspolitischen Kontext und dessen Verknüpfung auf einer innerpersönlichen Ebene geben dem zu Recht preisgekrönten Film erzählerische Tiefe und eine tiefsinnige Handlung, die durch authentisch gezeichnete Figuren vervollkommnend wird. Mungiu erreicht auf natürliche Weise, sich auf seine Charaktere und das Wesentliche der Geschichte zu konzentrieren. Hinter der Einfachheit seines Stils verbergen sich die komplexen kritischen Sachverhalte, die es zu hinterfragen gilt. Mit langen Einstellungen und einer Kamera, die beobachtet und niemals den Anschein erweckt eine voyeuristische Absicht zu verfolgen, fängt Kameramann Oleg Mutu die Geschichte wirklichkeitsnah ein. Die Farben im Film sind grau und zementfarben und passen sich der Umgebung des damaligen Ostblocks und der Stimmung dieser Zeit an.

Ein großartiger Film, der mit überzeugenden Charakteren brillant erzählt wird und in realistischen Bildern weiß ein sensibles Thema zu beleuchten.

 

gesehen von Roderik Helms

 

Die 2. Meinung:

Cannes ruft und alle kommen. Ein riesiger, ausverkaufter Kinosaal. Wo sieht man so etwas noch? Cannes ist doch immer noch ein Garant für kunstvolles Kino.

Dieser Film ist sehr geradlinig angelegt. Es gibt ein glasklares visuelles Konzept. Die Kamera ist überwiegend statisch und bewegt sich in fast keiner Szene. Es wird wenig geschnitten und die Szenen meistens aus einer Perspektive gezeigt, was die Intensität der Szenen erhöht. Der Film baut sich so aus sehr wenigen Einstellungen zusammen. Gespräche werden meist in Halbnah dargestellt. Es gibt keine Auflösung wie z. B. das übliche Schuss-Gegenschuss-Verfahren. Das Einzige, was stört ist die in den letzten Jahren so häufig verwendete Steadycam anstatt eines Stativs. Das eigentlich ruhige Bild wackelt ganz leicht hin und her. Dieser Effekt ist so oft verwendet worden, dass er eigentlich eher wie ein Abklatsch wirkt. Der Film hätte diese aufgesetzte Unruhe auch gar nicht nötig gehabt. Man fragt sich, warum dieser Effekt einen solchen Reiz auf Filmer ausübt. Den allemal erreichten dokumentarischen Stil in „Echtzeit" hätte man auch mit einer stehenden Kamera erzielt, zumal es gepasst hätte zu den statischen Einstellungen. Dieser Postmodernismus wird wohl noch lange durch die Filme wandern.

Dramaturgisch bietet er einige Längen. Am Anfang läuft die Erzählung so dahin. Ewig lang erscheinen die Szenen, wie sie z.B das Hotelzimmer organisiert. Der ins Konzept passendende Szenenaufbau beinhaltet doch eine gewisse Leere. Tatsächlicher Inhalt wird dort kaum transportiert. Erst gegen Ende füllen sich diese langen Einstellungen, in denen auch viel geschwiegen wird, mit eigenen Gedankengängen und Reflektionen über das Geschehene.

Aber trotz aller kleinlicher Kritik ist es ein großartiger Film mit sehr gut besetzten Rollen, die glaubwürdig erscheinen. Die Elemente fügen sich in einander und ergeben ein stimmiges Ganzes. Ein schlichter, stiller, wenn auch spröder Film über eine schweres Thema und nicht umsonst so hoch dekoriert.

 

gesehen von Johannes von Alten

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