Alles für meinen Vater

 

 

Alles für meinen Vater

Daten

Alles für meinen Vater

96 Min., D, IL 2008

REGIE: Dror Zahavi
DREHBUCH: Idor Dror, Yonatan Dror
KAMERA: Carl F. Koschnick
SCHNITT: Fritz Busse
KOSTÜME: Michael Arbit

DARSTELLER: Shredy Jabarin, Hili Yalon, Shlomo Vishinski, Joni Arvid

Regie: Dror Zahavi

Kinostart: 22. Januar 2009

Regisseur Dror Zahavi gibt mit diesem einfühlsam erzählten Spielfilm sein Kinodebüt. Er hat sich Zeit gelassen und viel für das Fernsehen gearbeitet. Aber das Warten hat sich gelohnt, denn mit „Alles für meinen Vater" ist ihm ein mutiger, lebensnaher Film gelungen über eine Problematik, die viele beschäftigt: Ist der Konflikt zwischen den Palästinensern und Israelis unüberwindbar? Zahavi gibt darauf keine Antwort, aber er zeichnet die Möglichkeit einer anderen Welt auf. Um die Ehre seines Vaters zu retten, will der junge Palästinenser Tarek ein Selbstmordattentat auf einem Markt in Tel Aviv ausführen. Schon während der Fahrt nach Tel Aviv mit Abed und Salim, die beide Mitglieder der Tanzim (militärischer Arm der Fattah) sind, wird der Unsinn dieser Tat deutlich. Es stellt sich in einem Gespräch heraus, dass eine Freundin von Ihnen heiraten wird und Abed und Salim kommen ins schwärmen, das werde eine „supergeile Party" werden. Tarek sitzt dabei und er wird dann tot sein. Die Frage, warum Abed und Salim nicht selbst das Selbstmordattentat begehen, wenn dies doch so eine Ehre ist, drängt sich auf. Die Nervosität und auch der Zweifel sind Tarek ins Gesicht geschrieben, aber er legt die Weste mit dem Sprengsatz an, die danach nicht mehr geöffnet werden kann, ohne loszugehen. Also ist die Entscheidung für ihn getroffen, es gibt keinen Weg zurück. Doch als Tarek auf dem Markt den Zündknopf drückt, passiert nichts, er versucht es noch einmal, aber ohne Erfolg. Verwirrt läuft er durch die Straßen und ist kurz davor die Zündung den Tanzim über eine Fernzündung per Handy zu überlassen, als er den Elektrikladen des Juden Katz entdeckt. Tarek baut den Schalter von der Zündung ab und will dort einen neuen Schalter kaufen. Doch Katz informiert Tarek, dass er den Schalter erst in zwei Tagen abholen kann, da am nächsten Tag Sabbat ist. Tarek entscheidet sich zu warten und kann auch Abed und Salim davon überzeugen, ihm die Zündung selbst zu überlassen. Da Tarek jetzt nicht weiß, wo er hin soll, bietet er dem etwas wunderlichen Katz an, ihm als Bezahlung für den Schalter das Dach zu reparieren.
Als Katz aus dem Haus geht, findet Tarek dessen Frau mit dem Kopf auf dem Tisch liegend in der Küche wieder, die sich mit Gas gefüllt hat. Tarek reißt die Fenster auf und der offensichtliche Selbstmordversuch wird als Versehen abgetan. Schnell freundet sich Tarek auch mit der jungen Kioskbesitzerin Keren an. Sie kommt aus einer streng orthodoxen Familie und versucht ihr eigenes Leben zu leben. Allein wegen ihrer Kleidung wird sie von jungen Orthodoxen als Schlampe beschimpft.
So lernt Tarek in den zwei geschenkten Tagen seine „Feinde" kennen. Der Regisseur Dror Zahavi hat sich als Location für ein Viertel mit zerfallenen Gebäuden entschieden. Dies spiegelt auch die Verletzlichkeit der Charaktere wieder. Politische Themen werden nicht verschwiegen. So spricht ein Polizist des Viertels Tarek mit „Achmet" an und erklärt, dass er kein Rassist sei, sondern dass ihn lediglich dessen Gene stören. Oder Keren erzählt davon, dass sie schwanger war, das Kind aber verloren habe, und alle sagten, dies sei die Strafe Gottes gewesen. Mehr Gewicht als auf die „großen Themen" hat Zahavi aber auf das Zwischenmenschliche gelegt. So erzählen Katz und seine Frau aus der Zeit, in der sie in Rumänien gelebt haben und tanzen in freudiger Erinnerung in der Küche. Oder Katz gibt vor seinem Nachbarn nicht zu, dass er das Loch im Dach nicht selbst repariert. Tatsächlich ist dieser Film voll Wärme und Humor. Die Wichtigkeit der Familie wird auch stark betont, und dass die eigenen Eltern nur wollen, dass es einem gut geht. Auch, dass ihnen ihre eigene Ehre dabei unwichtig ist, muss Tarek noch erfahren. Der Krieg hat Katz seinen Sohn verlieren lassen, weil dieser kein Wasser zu trinken bekam – „Wasserdisziplin" nannte sich das. Die gezeigte ältere Generation hat genug von dem Krieg. Aber die jüngere Generation ist engstirnig und kennt kaum Toleranz. Zeitweise habe ich die Musik als schwierig empfunden. Tarek und Keren fahren z.B. auf einem Fahrrad durch die leeren Straßen von Tel Aviv und wir hören einen leichten Popsong. Auch wenn dies vielleicht ein schöner Moment ist, vergisst man als Zuschauer nie, dass Tarek eine Bombe unter seinem karierten Hemd trägt. Es ist einem von Anfang an klar, dass es kein Happy End geben wird, dass, wenn er die Bombe nicht zünden wird, die Tanzim dies tun werden, und wenn er versucht, sich die Weste vom Körper zu reißen, zumindest er sterben wird. Somit empfand ich die fröhliche Musik als Täuschung.
Aber schnell als Gegengewicht meine Lieblingsszene: Tarek geht gerade mit Keren durch die Strassen, als sein Handy klingelt. Es ist einer von den Tanzim der ungeduldig ist und Tarek droht, ihn jetzt fern zu zünden. Tarek fängt an vor Keren wegzulaufen, damit sie nicht verletzt wird, aber sie läuft hinter ihm her. Tarek klettert auf einen Baum damit Keren nichts passiert. Keren hat kein Verständnis für Tareks Verhalten und schreibt ihn als Idioten ab. Endlich beruhigen sich beide Seiten und die Zündung wird auf den nächsten morgen verschoben. Auch Keren fasst sich ein Herz und geht zurück zu Tarek.
Den Abend vor dem Unglück trifft sich Tarek mit Keren am Strand, um ihren Geburtstag zu feiern. Niemand ist gekommen. Keren ist genauso einsam wie Tarek. Während Keren im Meer badet, ruft Tarek seinen Vater an, der ihn bittet schnellstmöglich nach Hause zu kommen. Tarek sagt ihm nicht die Wahrheit. Der Weg zurück zu einem normalen Leben scheint zu diesem Zeitpunkt fast möglich, doch da ist die Bombe und die Zeit ist fast abgelaufen. Dror Zahavi gelingt etwas Ungewöhnliches: Er schafft es, dass man am Ende Mitleid für den Selbstmordattentäter empfindet. Er gibt ihm ein Gesicht, vermenschlicht ihn, ohne nur den geringsten Zweifel daran zu lassen, dass das, was er tut, falsch ist.

 

gesehen von Mareike Dobewall

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