Ein Geheimnis

 

Ein Geheimnis

Daten

Ein Geheimnis

100 Min., Literaturverfilmung, Frankreich 2007

REGIE: Claude Miller
DREHBUCH: Claude Miller, Natalie Carter
KAMERA: Gérard de Battista
SCHNITT: Véronique Lange

DARSTELLER: Cécile De France, Patrick Bruel, Ludivigne Sagnier, Mathieu Amalric, Julie Deoardieu, Valentin Vigourt, Quentin Dubuis

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Regie: Claude Miller Kinostart: 18. Dezember Philippe Grimbert wurde drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris geboren und arbeitet heute als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker. Im Jahr 2004 erschien in Frankreich sein Buch „Un secret" („Das Geheimnis"), welches nun von Claude Miller verfilmt wurde. In der autobiographischen Geschichte geht es um den Autor selbst sowie, was der Titel verrät, um ein Geheimnis, welches seine Familie umgibt und das sich dem Jungen erst zu entdecken gibt, als er 15 Jahre alt ist. 15 Jahre, in denen François (so heißt Philippe im Film - verkörpert von Valentin Vigourt und Quentin Dubuis) eine Welt kennenlernt, deren Gestalt und Grenzen in vielen wichtigen Aspekten nicht älter sind als der Junge selbst. Es ist eine verhüllte Welt, eine Welt, die ihre Wurzeln und ehemalige Teile ihrer selbst verschweigt, als hätten sie nie existiert. Der schwächliche, kränkelnde François lebt mit seinen Eltern zusammen, wobei er besonders gegen die Enttäuschung seines sportlichen Vaters Maxime (Patrick Bruel) ankämpfen muß, welcher sich, weniger aus Eitelkeit, sondern aus anderen Gründen heraus, die François erst später versteht, einen anderen, ihm ähnlicheren Sohn gewünscht hat. Ab dem Tag, als er auf dem Dachboden einen kleinen Stoffhund findet, welchen ihm seine Mutter Tania (Cécile De France) jedoch wieder wegnimmt, beginnt François sich einen älteren Bruder vorzustellen, der körperlich kräftiger und sportlicher ist als er. Wieviel Wahrheit in dieser Imagination verborgen ist, ahnt er natürlich nicht.
Schließlich aber enthüllt ihm Louise, eine Freundin der Familie, die Wahrheit. Mit ihren Worten verändert sich plötzlich François' ganze Existenz: Seine Familie und er sind Juden, er ist nicht das einzige Kind seines Vaters, und sowohl letzterer als auch François' Mutter waren vor dem Krieg schon einmal verheiratet. So erscheinen plötzlich schemenhafte Gestalten vor François' innerem Auge: Hannah (Ludivigne Sagnier), die erste Frau seines Vaters, Robert, der Mann ihrer Mutter und Simon, das Kind, welches Hannah zur Welt brachte, François' älterer Bruder. Doch diese Figuren gibt es nicht mehr. In der Dunkelheit des Krieges sind sie verschwunden und blieben den anderen einzig als Erinnerung. Für François aber, welchen die Eltern, Verwandte und Freunde schützen wollten, indem sie ihm die Vergangenheit der Familie vorenthielten, verharrten sie außerhalb aller Worte und Bilder, als warteten sie jenseits einer unsichtbaren Linie darauf, sich dem Jungen irgendwann zu offenbaren. Diese wenigen Minuten, in denen François von der Vergangenheit seiner Familie erfährt, sind die ergreifendsten des Films. Sie erschaffen ein sehr intensives und trauriges und gleichzeitig seltenes Bild von Verlust und Verdrängung, ein Bild, welches durch den Film lange vorbereitet wird und dementsprechend klar zu erkennen ist. Der Krieg und seine Tragik erscheinen sehr leise, als wehmütige Erinnerungen und dunkle Flecken in einem Familienstammbaum, von denen François nie wusste. Und sie sind die Ahnung eines unbekannten Lebens, eines Freundeskreises und einer Welt, die für François immer unerreichbar sein und von der er nie ein Teil werden wird. An diesen Augenblick, in dem der Junge gezwungen ist, für sich einen neuen Platz zu finden innerhalb einer Welt, deren Bezugspunkte sich vollkommen verändert haben, kann der Film später nicht mehr anschließen. Die Geschichte wendet sich nun von François ab und kehrt zurück in die Jahre vor und während des Krieges. Sie lüftet den Schleier von jenen Ereignissen um Hannah und Robert, Simon und François' Eltern, lässt den jugendlichen François jedoch außen vor und verleiht Louises Worten eine Nähe, die zwischen den verschiedenen Erzählsträngen des Films keine Unterschiede mehr zulässt. Die Vergangenheit wird weniger als eine Erinnerung behandelt als eine Tatsache, sie folgt eher der neutralen Kamera als der Erzählung Louises oder der einstürzenden und sich neu formenden Welt François', was sie sich kaum von der anfänglichen Geschichte im dessen Jugend abheben läßt. Sie zerstört hierdurch ein wenig den (traurigen) Zauber, welchen die plötzliche Aufdeckung des Familiengeheimnisses mit sich brachte. Zudem wirken manche Handlungen von nun an, da sie sich in einen größeren Zusammenhang einordnen müssen, jedoch nur einige unter vielen sind und somit nicht mit der Sorgfalt vorbereitet und dargestellt werden können wie François' Kindheit und deren Ende, etwas unverständlich. Hannahs grausame Rache an ihrem Mann, der sich für die Frau ihres Bruders, also für François' spätere Mutter, interessiert, wäre, was Hannah als Person betrifft, ein Film für sich gewesen, und ist ein Ereignis, welches der Erfahrung François' in nichts nachsteht, jedoch bei weitem nicht diese Wirkung entfalten kann. Ähnlich, wenn auch nicht in diesem Maße, verhält es sich mit der frühen Beziehung zwischen Tania und Maxime und deren abruptem Wandel. In dieser zweiten Hälfte widmet sich „Ein Geheimnis" zu vielen Momenten, für deren angemessene Darstellung jedoch zu wenig Zeit vorhanden ist. Zwar vermag man sich die Handlungen der verschiedenen Charaktere zu erklären, aber die Unmittelbarkeit, die man dem Leben Philippes entgegenbrachte, fehlt nun. „Ein Geheimnis" wird wieder zu einem gewöhnlichen Film, der durchaus sehenswert und in seinen Rollen teilweise sehr gut besetzt ist und eine schon oft besprochene Zeit des letzten Jahrhunderts auf eine ungewöhnliche Weise und mit einer ungewöhnlichen Geschichte lebendig werden lässt. Ein derartiges Verständnis jedoch, wie der Film fähig war, für den jungen François aufzubauen, wird der Zuschauer für keine andere Figur mehr empfinden. An zu vielen Stellen bemüht sich die Geschichte, zu erklären, wo es womöglich besser gewesen wäre, einige Aspekte (wie die Rache Hannahs) mehr im Vagen zu belassen. Es fehlt letzten Endes ein wenig eben dies, was der Film restlos lüften möchte: Ein Geheimnis.

 

Gesehen von Paul Mittelsdorf

 

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