L'esquive

 

L'esquive

Daten

L'esquive

Frankreich 2004

REGIE: Abdellatif Kechiche
DREHBUCH: Abdellatif Kechiche
KAMERA: Lubomir Bakchev
SCHNITT: Ghalya Lacroix

TON: Nicolas Washkowski
KOSTÜME: Maria Beloso-Hall

DARSTELLER: Osman Elkharraz, Sara Forestier, Sabrina Ouazani

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Kinostart 09. Juni 2005 Regie: Abdellatif Kechiche "L'esquive" bedeutet "Ausweichen" im sportlichen Kontext- und ist im französischen Vorortslang gleichbedeutend mit "sich vor etwas drücken". Damit ist der Titel Programm, denn im Leben der Pariser Vorstadtkids zeigt sich, dass Ausweichen ein Luxus ist, den sich keiner leisten kann. Ein paar versuchen es doch: Krimo, der sich in seine Kindheitsfreundin Lydia verliebt hat. Er weicht vor seiner Ex aus, vor den Kumpels, vor sich selbst. Dann Lydia, die ganz in der Schultheaterproduktion von Marivauxs "Spiel von Liebe und Zufall" aufgeht. Sie weigert sich, klare Worte zu sprechen; zu Krimo, den sie hinhält, zu ihren Freundinnen, die die Verhältnisse geklärt wissen wollen. "Alle machen Druck", sagt sie. "Wie soll man denn da nachdenken und sich entscheiden können?"
Sie können alle nicht aus ihrer Haut. Dabei ist Krimo bereits über seinen Schatten gesprungen: um Lydia nahe zu sein, hat er die männliche Hauptrolle in der Schulproduktion übernommen. Er, der nie ein Buch liest und auch sonst nicht viel mit der Unwirklichkeit der Literatur anfangen kann. Was Lydia als Fluchtmöglichkeit begreift, macht ihm Angst. Richtig bemitleidenswert, wie die Französischlehrerin verzweifelt versucht, den wie gelähmt wirkenden Krimo dazu zu bringen, aus sich herauszugehen und Gefühl zu zeigen, anstatt den Text herunterzuleiern. Ein hoffnungsloser Fall, und allein wegen dieser Szenen sollte "L'esquive" bereits Pflichtfilm für jeden leidgeprüften Schultheaterregisseur sein.
Auf Dauer gelingt es aber weder Lydia noch Krimo, der Realität auszuweichen. Denn das fragile Gleichgewicht der Ghettokids gerät durch den von ihnen verschuldeten Schwebezustand ins Wanken. Man möchte klare Verhältnisse, und Ausweichen ist ein Zeichen von Schwäche. Schließlich nimmt Krimos "Homie"- was etwa gleichzusetzen mit "Kindheitsfreund" ist- die Angelegenheit in seine Hände. Als dann noch die Polizei auftaucht, wird klar: man muss hart sein, um in diesem Umfeld zu bestehen. Es ist schlicht einfach nur gut und wahnsinnig interessant, wie Abdellatif Kechiche das Leben und Lieben der Vorstadtjugendlichen inszeniert. Fast ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht, erreicht der Film einen Grad an Glaubwürdigkeit, der beinahe beängstigend ist. Manchmal wähnt man sich sogar in einem Dokumentarfilm, so ernsthaft setzt sich der Regisseur mit seinen Protagonisten auseinander. Er zeigt die Vorstadt abseits von den gängigen Klischees von Drogen und Gewalt, ohne dabei jemals kitschig oder unglaubwürdig zu werden.
Leider wird sich die Zahl der Kinos, in denen "L'esquive" zu sehen sein wird, an einer Hand abzählen lassen. Umso mehr lässt sich dieser Film empfehlen, der durchgängig spannend, lehrreich und berührend ist. "L'esquive" gehört zu jenen kleinen Kinoperlen, die man leider immer erst entdecken muss, weil sie aus Rentabilitätsgründen nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zwei Festivalpreise hat der Film bereits bekommen, außerdem vier Césars für besten Film, Regie, Drehbuch und beste Nachwuchsdarstellerin (Sara Forestier als Lydia). Bleibt zu hoffen, dass zu den (berechtigten) Preisen auch noch ein paar deutsche Zuschauer hinzukommen.

 

Gesehen von Johannes Prokop

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