Freak Orlando

 

Freak Orlando

 

Videoart & Experimental Film: Tribute Ulrike Ottinger Das Münchner Filmfest zeigt im Rahmen eines Tributs vier Filme der Berliner Regisseurin, Künstlerin und Fotografin Ulrike Ottinger, die seit den 70er Jahren fest zur deutschen Film- und Kunstszene gehört. Die Teilnahme an der jüngsten Documenta verhalf ihr zu weltweiter Anerkennung. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Von den präsentierten Filme sprach mich die Geschichte des "Freak Orlando" am meisten an. Zugegebenermaßen sah ich mir einen völlig anderen Film an, als ich aufgrund von Beschreibungen erwartet hatte. Und jetzt - wo ich selbst das Gesehene in Worte fassen soll - wird auch meine Beschreibung dem Film nicht gerecht werden können. Bei "Freak Orlando" handelt es sich um ein kleines Welttheater in 5 Episoden: Der Zuschauer reist zusammen mit Orlando, die/der auf der gleichnamigen Romanfigur von Virginia Woolf basiert und den Traum vom androgynen Menschen realisiert, durch eine surreale Weltgeschichte, die die Freaks von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigt. Mal als Mann, mal als Frau reist Orlando durch die Jahrhunderte. Die Reise beginnt im Kaufhaus von Freak City, einem Tempel der Versprechungen und dem Sammelplatz der Gläubigen. Hier werden die Normen festgelegt. Auf seinen weiteren Reisen, die weniger ein „theatrum mundi" als vielmehr einen „circus mundi" darstellen, durchläuft Orlando verschiedene durch Mord, Gefangennahme, Verfolgung und Inquisition ausgelöste Metamorphosen. Hier kommen die Strukturen der Macht zum Tragen. Der Wahnsinn der Geschichte umfasst Irrtümer, Inkompetenz, Macht, Angst und Grausamkeit. Das absurde Spektakel ist ausgestattet mit Gnomen und Riesen, Feuerspeiern und Fakiren, Doppelköpfigen und Papageiennasigen, Hermaphroditen und Vogelmenschen, siamesischen Zwillingen, Ledermännern, Bartfrauen etc. Orlandos Reise endet als Moderatorin beim "Festival der Hässlichen". Der Wettbewerb wird zu einem Tanz des Wahnsinns, an dessen Ende die Norm gekrönt wird. Problemlos wechselt Orlando bei ihren/seinen Streifzügen Ort, Zeit und Geschlecht. Fern ab einer konventionellen Dramaturgie bricht der Film mit stereotypen- und ritualhaften Seh- und Denkgewohnheiten. Die Realität wird von einem anderen Blickwinkel aus beleuchtet. Die Verfremdung durch die Groteske wurde bewusst als Stilmittel gewählt, um auf die Beschränktheit und Konventionalität dessen hinzuweisen, was wir für Realität halten. Nur die Ironie ermöglicht es sich dem Wahnsinn zu nähern um die immer noch äußerst gegenwärtige Ahndung der Abweichung zur Schau zu stellen. Die Freaks stehen als Metapher für Deformation, die daraus entsteht, das man sich den herrschenden Normen nicht anpassen kann oder will. Die Eindeutigkeit des Geschlechts und die Endlichkeit des Lebens sind unsere wichtigsten identitätsstiftenden Gewissheiten. Auch das Kino baut gerne auf ihnen auf. Diese Sicherheiten wiederruft Ulrike Ottinger in ihrem Film. Eine Identifikation ist nicht mehr gegeben. Nichts ist mehr sicher oder entgültig. Bemerkenswert ist die Mischung der Stile und Genres. Karnevaleske Szenen, mit Commedia dell'arte Elementen, verbunden mit barocker Morbidität und Anleihen am Science Fiction Film. In eine Schublade lässt sich dieser Film ganz sicher nicht stecken. Die fantastischen Geschichten werden visuell durch opulente Kostüme, Maskeraden und Verwandlungen ergänzt. Thematisch finde ich den Film nach wie vor sehr ansprechend. Zeitweise habe ich mich allerdings mit der 80er Jahre-Ästhetik etwas schwer getan. Man spürt sehr deutlich, in welcher Zeit der Film entstanden ist. Ulrike Ottinger hat mit "Freak Orlando" einen Film geschaffen, dessen Thematik nach wie vor nicht an Aktualität verloren hat. "Freak Orlando" ist kein Film für das breite Publikum. Aber umso wichtiger ist es, dass es Filmemacher gibt, die sich wie sie fernab der gängigen Mainstream-Orientierung an gesellschaftskritische Stoffe wagen und keine Scheu haben mit ihrer Bildsprache aufzufallen oder gar anzuecken.

 

Gesehen am 03.07.03 von Birgit Bagdahn

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