Dokfest: Raving Iran

DOK.fest: Raving Iran

Noch ein Film der, ähnlich wie "SONITA", heimlich im Iran gedreht wurde und doch ganz anders. Keine iranisch-stämmige Regisseurin, sondern eine deutsche Regisseurin, Susanne Regina Meures, die in der Schweiz lebt und nach Teheran gereist ist und Arash und Anoosh, zwei Techno-DJs besucht, die heimlich Rave-Partys organisieren.

 

Kann man, darf man, Filme einfach so miteinander vergleichen, wenn sie ähnliche Aspekte behandeln? Ja, das kann und sollte man auch um vielleicht die Unterschiede in Tiefgang und Oberfläche, Annäherung und Unterhaltungswert ausloten zu können. "Raving Iran" und "SONITA" machen deutlich, wie höchst unterschiedlich man sich Themen nähern kann.

 

In beiden Fällen geht es um Musik im Iran, doch in "SONITA" geht es um mehr. Nicht nur darum, seine Musik machen zu dürfen, sondern auch darum dass sich eine junge Frau aus dem ihr aufgezwungenen Schicksal einer Zwangsverheiratung nach Afghanistan und dem generell strikt geahndeten Verbot, als Frau Solosängerin zu sein, befreien will.

 

Die beiden Mittzwanzigjährigen machen selbst Musik und kämpfen mit all den Verboten, die der Iran seinen Bürgern so auferlegt. Ab und an landeten sie deswegen schon im Gefängnis, doch trotz der Angst organisieren sie immer wieder neue illegale Partys.

 

Die Filmemacherin begleitet sie bei ihren Versuchen, das Cover und Booklet ihrer CD ohne staatliche Genehmigung drucken und diese dann in diversen Läden verkaufen zu lassen. Oder zur lokalen Behörde um provokante Fragen bezüglich der Genehmigung eines Live-Konzerts zu stellen. All das wurde zumeist mit versteckten Handykameras gedreht, die sich in den Hemdtaschen der DJs befanden, während der Ton über Funkstrecken aufgenommen wurde.

 

Immer wieder werden die Beobachtungen ihrer Mühen, die für die beiden zermürbend sind, hart unterbrochen von wummernden Techno-Partyszenen in denen junge Iraner, zu den Beats von Arash und Anoosh abtanzen, notfalls auch irgendwo in der Wüste.

 

Dokfest: Raving Iran

DOK.fest: Raving Iran

Dabei haben die DJs so viel auch mit ihren Statements riskiert, dass man fast davon ausgehen kann, dass das was im weiteren Teil des Filmes folgt, nämlich dass sie eine Einladung der Züricher Streetparade erhalten um dort aufzulegen, ihre Fahrkarte zur Ausreise und Flucht werden muss.

 

Sie verabschieden sich von Freundinnen, Eltern etc. und reisen zum ersten Mal in ein anderes Land. Es mutet sehr exotisch an, wenn die beiden in Zürich plötzlich durch Tausende von Tanzenden laufen, in einem Land in dem all das, was sie lieben, nicht verboten ist.

 

Viel mehr über ihre Lebensumstände erfährt man allerdings nicht, weder, wovon sie leben, was sie arbeiten, ob sie studieren oder welches Verhältnis sie zu ihren Eltern haben, wird nicht erzählt. Letzteres wurde vielleicht weggelassen um keine Dritten zu gefährden.

 

Man erlebt die beiden während ihres Zürich Aufenthalts und mit ihren Gedanken, ob sie wirklich Asyl beantragen oder zurückreisen sollen. Die Sehnsucht nach der Heimat abzuwägen mit der Chance auf Freiheit. Schließlich am Ende des Films, bei einer Taxifahrt, beschließen sie, dass sie bleiben wollen.

 

Auch die Regisseurin hat einiges riskiert, wurde dann aber als Frau bei Kontrollen eben doch nicht allzu gründlich durchsucht und konnte so das gedrehte Material unbeschadet in die Schweiz schaffen.

 

Verglichen mit Sonita hat der Film eine ganz andere Erzähltiefe,- hier eine junge Frau, die ihr Leben riskiert um frei zu sein und dort zwei junge Männer, die gerne Musikauflegen und Party machen wollen und damit mit dem konservativen Machthabern im Iran kollidieren. Auch hat man bei Raving Iran hier und da das Gefühl, dass manche Dinge für die Kamera geschehen, etwas dass sich bei Sonita eben nicht einstellt.

 

Vermutlich ist Raving Iran viel Publikumswirksamer, allein schon durch die Musiknummern, doch wenn man die Gefahr der Entdeckung beim illegalen Partymachen einmal weglassen würde, wäre die tatsächliche Handlung relativ belanglos. Das Verbotene, die Gefahr des Entdecktwerdens aber nicht die erreichte Nähe zu den Protagonisten schafft die eigentliche Attraktion des Films.

 

Am stärksten ist vielleicht die (nachgestellte?) Taxiszene am Ende des Films, wo auf dem Gesicht eines der beiden Protagonisten die Entscheidungsfindung, ob man wirklich dableiben und Asyl beantragen will, ohne Worte erzählt wird.

 

Dass Arash und Anoosh anschließend zwei Jahre mit anderen Asylbewerbern irgendwo im bäuerlichen Umfeld Stunden von Zürich entfernt verbringen mussten, wäre vielleicht eine filmische Fortsetzung wert gewesen, vermutlich werden sie dort zwar irgendeine für Bewerber eingschränkte Form von Freiheit, aber zugleich auch weitaus weniger Partys erlebt haben, als vormals in ihrer Heimat.