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Gender

Es ist nicht einfacher geworden in der Medienwelt, seit so viele Befindlichkeiten berücksichtigt werden müssen. Über 100 Jahre Filmgeschichte hinweg waren Männer im Regieberuf absolut überrepräsentiert, es gab anteilig viel mehr Regisseure als Regisseurinnen. Da die Regie am Filmset definitiv eine Führungsposition ist und man diese über viele Jahrzehnte Frauen einfach nicht zugetraut hat, haben Männer diesen Beruf so lange dominiert. Für diese Annahme gibt es allerdings keinerlei Belege, man muss also annehmen, dass sie einem falschen und zutiefst gestrigen Rollenverständnis der Geschlechter entsprang. Dabei wurde bereits die früheste Filmgeschichte durch eine Frau mitgestaltet, die Französin Alice Guy-Blaché, die erste Filmregisseurin überhaupt. Sie war eine der ersten, wenn nicht die erste, welche das zu Anfang dokumentarisch geprägte neue Medium Film in Richtung erzählerisches Kino erweiterte. Bereits 1896 drehte sie ihren Kurzfilm "La Fée aux Choux" für Gaumont. 25 Jahre lang inzenierte und produzierte sie über 700 Filme,- eine wenig bekannte Erfolgsgeschichte aus der Frühzeit des Films.

Alice Guy-Blaché blieb lange neben so umstrittenen Regisseurinnen wie Leni Riefenstahl eine Ausnahme in einem von Männern dominierten Berufsfeld. Erst in den 70er, 80er Jahren konnten Frauen langsam und deutlich in der Minderheit, auch in Regiepositionen Fuß fassen. In den 90er Jahren gründeten Regisseurinnen wie Margarethe von Trotta den Verband der Filmarbeiterinnen und forderten eine Gleichstellung in Filmberufen. Doch erst im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kam es zu Selbstverpflichtungen etwa bei Fernsehsendern, gewisse Quoten bei der Besetzung von Regiepositionen einzuführen. Das wurde auch Zeit, schließlich gibt es keine Erkenntnisse, weshalb Talent und Begabung bei den verschiedenen Geschlechtern nicht gleichmäßig verteilt sein sollten.

Kaum hat die Filmbranche es endlich geschafft, mehr Frauen in Regiepositionen zu beschäftigen, zeigt sich, dass dies zu neuen, anderen Verwerfungen führen kann. Denn die Erkenntnis, dass Frauen bevorzugt eingestellt werden sollten, hat offenbar häufig zur Folge, dass sie häufig gegenüber ihren männlichen Kollegen bevorzugt eingestellt werden. Das hat zu der gegensätzlichen Disbalance geführt. Agent*Innen von Regisseur*Innen geben es hinter vorgehaltener Hand zu, dass männliche Regisseure es momentan extrem schwer haben, überhaupt an Jobs zu kommen. Dabei noch weitgehend unberücksichtig ist die Frage wie man ansonsten mit Diversität umzugehen gedenkt.

 

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Eine Frage des Alters ?

Neben den Genderfragen stellen sich zusätzlich auch solche, welche das Alter der Regisseur*Innen betreffen. Auch hier hat eine massive Verschiebung stattgefunden, die nicht unbedingt sinnvoll ist: Immer mehr, einst erfolgreiche Fernsehregisseure beklagen, dass sie plötzlich keine Arbeit mehr bekommen. Auf einem Panel am Rande des Münchner Filmfests 2022 haben Thomas Jauch, Jobst Ötzmann und Christian Wagner das beklagt. Es gäbe seit ein paar Jahren eine deutlich Benachteiligung von Regisseur*Innen über 40, weil die Sender inzwischen weibliche Regisseur*Innen unter 30 deutlich bevorzugen würden. Dahinter steckt der Irrglaube, dass man dem Problem der Überalterung der Zuschauer insbesondere öffentlich rechtlicher Fernsehsender durch Einsatz möglichst junger Regisseur*Innen beikommen könne. Und auch die Streaming-Dienste sind bei ihren Eigenproduktionen einem gewissen Jugendwahn verfallen.

Das ist besonders bitter für jene Regisseurinnen, die eine Frauenquote jahrelang erkämpft haben, insbesondere mit der Aktion "Pro Quote Regie" und nun selbst durch das Altersraster fallen. Zugleich sind jüngere Regisseur*Innen auch deshalb beliebt, weil sie sich niedrigere Gehälter und schlechtere Vertragsbedingungen gefallen ließen, die man älteren etablierteren Kolleg*Innen nie anbieten würde.

Ausgerechnet in einem Alter, wo man früher davon ausgegangen ist, dass Regisseur*Innen ihre Fähigkeiten durch reichlich Dreherfahrung über viele Jahre auf einen Höhepunkt hin optimiert haben, bekommen sie nun gar keine Arbeit mehr.

 

Aussichten

Viele Personalentscheidungen folgen den vorgenannten Aspekten, doch kaum Jemand wird öffentlich aussprechen, welche Rolle Gender, Diversitität oder Alter dabei gespielt haben. Auf dem Filmfest-Panel hat der Fernsehspiel 2- Chef, Matthias Pfeiffer den Gender-Aspekt zumindest indirekt bestätigt. Man habe endlich erkannt, dass das ZDF Publikum fast nur aus älteren Zuschauern bestehe und wolle gegensteuern um junge Zuschauer zu gewinnen. Man habe deshalb ein Traineeprogramm speziell für junge Regisseurinnen begründet.

Es deutet sich zumindest an, dass ein wichtiges Auswahlkriterium für die Beschäftigung von Regisseuren inzwischen nicht mehr die Qualitfikation ist, sondern das Alter und Geschlecht. Es gibt inzwischen Fördereinrichtungen im europäischen Raum, welche den Produzenten sogar mehr Budget zugestehen, wenn sie Regisseurinnen beschäftigen. Doch auch diese Informationen werden nur hinter vorgehaltener Hand gegeben. Bei all diesen Themen handelt es sich, wie man so schön sagt, um "vermintes Gelände", Transparenz wird man hier vergeblich suchen. Die Situation ist also recht kompliziert und man darf gespannt sein, wann hier so etwas wie Normalität eintreten wird.

Alice Guy-Blaché jedenfalls hat Jahrzehntelang um Anerkennung und Erwähnung ihrer Leistungen im frühen Stummfilm gekämpft, vor allem, weil auch die meisten Filmhistoriker Männer waren und die Meilensteine in der Entwicklung des Films gerne alleinig ihren Geschlechtsgenossen zuschreiben wollten.

 

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