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Wie in "Die Geschichte der Oscars" bereits angeschnitten, befindet sich Hollywood (und quasi die gesamte US-Filmindustrie) angesichts von Problemen, Skandalen und einem schwierigen Transformationsprozess am Scheideweg - sodass mittlerweile von einer Krise gesprochen werden kann. Der einstige Filmolymp ist längst nicht mehr Traumziel vieler Filmschaffender, sondern eher zum Davonlaufen - im wahrsten Sinne, denn immer mehr Produktionen werden entweder in andere Bundesstaaten mit attraktiveren Bedingungen - zum Beispiel Georgia - oder ins Ausland verlegt. Laut The Guardian sind allein zwischen 2022 und 2024 die Produktionen in der Filmhauptstadt um mehr als 18 Prozent zurückgegangen. Die Gründe dafür sind vielfältig. So hat natürlich Covid 2020 die Filmindustrie schwer getroffen. Viele Kinos wurden geschlossen (einige haben sich auch nicht von der Krise erholt), Produktionen mussten verlegt oder gestoppt werden - die Covid-Regeln erschwerten und verteuerten zudem die laufenden Produktionen. Große Filme hatten (teils massive) Einnahmebußen. So floppte unter anderem Christopher Nolans Thriller "Tenet" (USA, 2020), der aufgrund der Auflagen und pandemie-bedingten Zögerlichkeit des Publikums bei einem Budget von 200 Millionen US-Dollar (Bei denen zwischen 100 und 200 Millionen Dollar noch für das Marketing, plus Abgaben an die Kinos dazugerechnet werden müssen) "nur" 365 Millionen US-Dollar ein - was einen Verlust zwischen 50 und 100 Millionen Dollar für Warner Brothers bedeutete. 

 

Streaming

Im Zuge von Corona schwimmten die Streamingdienste - allen voran Netflix - auf einer massiven Erfolgswelle. Allein die mit dem roten N verzeichneten im zweiten Quartal 2020 einen Abonennten-Zuwachs von mehr als zehn Millionen Nutzern. Das führte zu einem medialen Wandel, bei dem On-Demand-Inhalte gefragter wurden. Hollywood selbst wollte sich diesen Trend natürlich nicht durch die Finger gehen lassen und so schießen seit 2020 mehr und mehr Streaminganbieter aus dem Boden. Dadurch änderte sich auch die Strategie zahlreicher großer Studios die entweder zweigleisig fuhren oder sich auf Content für (die eigenen) Streamingdienste konzentrierten. Unter anderem schuf Warner Brothers HBO Max, auf dem Kinofilme teilweise schon wenige Wochen nach dem Start verfügbar waren. Im Fall von Denis Villeneuve's "Dune" (USA, 2021) erfolgte der Streamingstart sogar gleichzeitig zur Kinoveröffentlichung. Einen Monat lang war das Sci-Fi-Epos verfügbar, ehe es für den und bis zum klassischen Hom-Media-Release wieder aus dem Demand-Programm genommen wurde. Sehr zum Missfallen von Villeneuve, der befürchtete, der gleichzeitige Deamand-Release könne sich negativ auf das Einspielergebnis auswirken - auch durch verstärkte Piraterie. Diese hat ebenfalls im Zuge der Streamingausrichtung stark zugenommen, da die Zerfaserung des Streamingmarktes und wechselnde Rechte mit steigenden Kosten für die Nutzer verbunden sind.

Die jeweiligen Studios haben aber wiederum auch durch die Piraterie, allgemein steigende Preise/Produktionskosten und die Konkurrenz einen Preisdruck. Sie müssen nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ überzeugen, um am Ende profitabel zu sein. Beides ist jedoch wieder mit hohen Kosten verbunden - so sind Budgets von 25 Millionen US-Dollar oder sogar darüber hinaus pro Folge längst keine Seltenheit mehr. Um diese Kosten aufzufangen, haben viele Dienste neue Abo-Modelle auf den Weg gebracht - und auch Werbung implementiert - was wiederum für einen Anstieg der Piraterie Sorge trägt. Für Hollywood und die klassische US-Filmindustrie bedeutet dieser Wandel einen Bedeutungsverlust und auch eine Identitätskrise, die sich in einer Hassliebe zum Streaming zeigt.  Wie im Oscar-Artikel angesprochen, findet einerseits eine Kooperation zwischen verschiedenen Anbietern und Studios statt - andererseits haben Streamer aber auch eben die Wettbewerbsbedingungen (etwa im wahrsten Sinne bei den Oscars) verändert - und geben, wie beim Kauf von Warner Brothers durch Netflix mittlerweile sogar den Ton an.

 

Kunst vs. Kommerz

Der Streaming-Aufstieg hat nicht nur Marketing und Veröffentlichungsstrategien beeinflusst, sondern auch direkte Auswirkungen auf die Produktion für Filme, die nun vermehrt nicht mehr nur im Kino, sondern auch on Demand konkurrenzfähig sein und die Content-Maschine ankurbeln müssen. Angesichts steigender Budgets und Kosten bedeutet das angesichts der enormen Rivalität jedoch nicht, dass zwingend mehr Mut und Originalität vorherrschen, sondern im Gegenteil Filme möglichst zügig und safe - um auch eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen und an die Streamingbedingungen angepasst zu sein. Dementsprechend gleichen sich sündhaft teure Produktionen immer mehr an und werden immer dümmer - so stößt man in modernen Blockbustern immer häufiger auf das Prinzip "tell, don't show". Ein Prinzip, das Netflix mittlerweile zur Richtlinie eigener Produktionen erklärt hat, damit Zuschauer, die einem Film nur nebenher sehen, immer wissen, was passiert und somit auch die watchtime (und Werbeeinnahmen) erhöhen. So sprechen die Protagonisten nahezu immer aus, was passiert und wie sie sich fühlen - gerne auch mehrmals, damit niemand etwas verpasst. Filme werden also mehr als Hintergrundrauschen konzipiert - was sich in fallenden Box-Office-Zahlen bemerkbar macht und (pardoxerweise) wieder zu mehr "auf Nummer sicher gehen führt". Das hat wiederum auch zur Folge, dass sich (vormalig) erfolgreiche Franchise (siehe "Star Wars") dem Contentdruck unterwerfen, da sie ein breites Publikum anziehen und als safe gelten, damit aber gleichzeitig ihren schleichenden Niedergang befeuern. Am Box-Office zeigt sich das in Zahlen, die die Industrie schmerzen: Einst als sichere Erfolgs-IPs geltende Franchise wie etwa "Indiana Jones" oder Marvel enttäuschtem mit "Das Rad des Schicksals" (USA, 2023) oder "Fantastic Four: First Steps" (USA, 2025). Insgesamt hat sich das Box-Office noch nicht wirklich erholt. Die Werte von 2024 und 2025 liegen ca. zwanzig Prozent unter den Werten von 2019. Neben dem finanziellen Aspekt ist es zudem schwerer geworden, in der Contentflut einen künstlerischen Anspruch zu stellen und zu finden, auch wegen einer neuen Technologie:

 

Künstliche Intelligenz 

Die rapide steigenden Möglichkeiten von KI sind für die Filmindustrie gleichermaßen vielversprechend wie auch bedrohlich. Vor allen Dingen bedrohlich ist sie für viele Jobs - vom Sprecher, über den Autor bis hin zum Grafiker. Jüngst boykottierten deswegen unter anderem deutsche Synchronsprecher Netflix. Auch die SAG-AFTRA-Streiks gingen mit der Angst vor KI einher - und machten deren Einsatz für die Studios interessanter. Große Studios haben allein schon aus Kosten- und Zeitgründen ein Interesse daran. Mehr Content für weniger Geld. So beteiligte sich Disney im Dezember 2025 mit über einer Milliarde US-Dollar an Open AI und dessen Video-Generator Sora. Denn die großen Player sehen in KI, die natürlich auch längst für (vergünstigte) Marketingzwecke, aber auch effizientere Streaming-Algorithmen und Analysen genutzt wird, neben ihren Funktionen für die Eigenproduktion nämlich auch noch einen anderen - vermeintlich lukrativen - Faktor für ihr Geschäft: Zuschauerbindung und User-Content. So hat sich Netflix Fable Studio gesichert, um eine eigene Plattform für Streaming von KI-Inhalten von Usern für User aufzubauen. Auch auf Netflix selbst soll KI vermehrt in Produktionen und Services eingesetzt werden. Disney plant ähnliches mit einem eigenen User-Content-Programm, basierend auf den eigenen Lizenzen. Die scheinbare Chance, die in diesem Rennen vermutet wird, birgt aber auch massive Risiken, deren Auswirkungen bereits sichtbar werden. Die Studios riskieren einen massiven finanziellen Verlust, angesichts der drohenden Pleite von Open AI ab 2027. Auch besteht die Gefahr, dass ohnehin angekratzte Marken und IPs als User-Conetnt weiter an Strahlkraft und damit Marketingpotential verlieren. Dabei unterschätzen die jeweiligen Firmen auch die generell steigende Müdigkeit und Abneigung in der Zuschauerschaft gegenüber KI. Bereits 2023 erhielt Disney/Marvel viel negative Kritik für den Einsatz von KI für das Intro der Serie "Secret Invasion". Regisseur Darren Aronofsky schädigte mit dem Trailer zu seiner komplett mit KI generierten Historien-Serie "On This Day...1776" gar seinen Ruf, da das Projekt nicht nur den typischen KI-Look sowie historische Fehler aufweist, sondern Aronofsky auch das Standing und die Mittel besitzt, die Serie als ein reales Projekt umzusetzen - das neben einem real-ästhetischen Wert auch Arbeitsplätze schaffen würde. Diese sind ohnehin seit Covid in der Filmbranche knapper geworden. Gerade Filmarbeiter ohne Gewerkschafts-Unterstützung spüren die verschiedenen Entwicklungen heftig. Durch stärkeren Fokus auf VfX (und in Bälde evntuell auch KI) sinken die Drehtage, weniger Personal wird benötigt - auch zum Leidwesen von Standorten. Auch unter Schauspielern tobt ein Streit um den Umgang mit KI. Jüngst verkaufte etwa Matthew McConaughey die Rechte an seiner Stimme für ausgewählte Inhalte der Text-to-Voice-Plattform ElevenLabs. Ein Streit, der wie im Fall Aronofsky auch in die Zuschauerschaft getragen wird - und damit das Ansehen, aber auch den Erfolg von Filmen, Namen etc. beeinflussen kann.

 

Ist der Ruf erst ruininiert...

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Ein weiterer Grund für den Bedeutungsverlust an Hollywood liegt in den zahlreichen Skandalen, die neben sozialen Medien das einst sehr sorgfältig gepflegte Image der Filmstars nach und nach bröckeln ließen. MeToo sowie die Enthüllungen rund um die Epstein-Akten zeigten auf, dass viele üble Gerüchte um die Vorgänge in der Traumfabrik nicht nur wahr, sondern schlimmer und weitreichender waren, als angenommen. Hollywood reagierte mit strikteren Set-Regeln, neuen filmischen Prinzipien und der Image-Kampagne "Times Up". Die Kampagne unterstützte zwar Opfer von sexueller Belästigung und Missbrauch, wurde aber zum Boomerang als herauskam, dass die Organisatoren der Kampagne New Yorks damaligem Bürgermeister Andrew Cuomo bei der Vertuschung von sexuellen Belästigungsanschuldigungen helfen wollten. Auch wurde MeToo-Initiatorin Asia Argento, Tochter des italienischen Horror-Regisseurs Dario Argento, selbst missbräuchliches Fehlverhalten vorgeworfen. So soll sie 2013 den damals minderjährigen Schauspieler Jimmy Bennett sexuell genötigt haben. Im Zuge der Anschuldigungen brach die Bewegung auseinander und Hollywood gab nach allen Seiten ein unglückliches Bild ab, das es seitdem nicht mehr los wurde. Als heuchlerisch und künstlich entlarvte sich die Elite der Filmindustrie, denn es passt nun mal nicht zusammen, sich einerseits dem Kampf gegen Missbrauch zu verschreiben und gleichzeitig mit Roman Polanski zu drehen.

Auch die Lobesbekundungen auf Harvey Weinstein vor dessen Verhaftung 2018 und Verurteilung 2022 - Meryl Streep bezeichnete ihn bei den Globes 2012 noch als Gott - wirken bizarr und befremdlich, da dessen Verhalten weitgehend unter vorgehaltener Hand bekannt war. Viele der Stars versuchen dabei weiterhin, das alte Bild als makellose, moralische Instanz aufrechtzuerhalten - und entfernen sich dabei mehr und mehr von der Realität. Niemand will sich die unqualifizierten Vorträge von Leonardo DiCaprio über den Klimaschutz anhören müssen, der mit dem Privatjet zur Preisverleihung kommt. Der britische Komiker Ricky Gervais schlug in seiner legendären Golden-Globe-Eröffnungsrede 2020 in ebendiese Kerbe - die Reaktion des prominenten Publikums sprach Bände. Dabei werden die Prominenten auch immer häufiger mit den Konsequenzen ihrer Außendarstellung konfrontiert. So wurde Sängerin Billie Eilish nach ihrer "Stolen Land"-Rede bei den Grammys 2026 in den sozialen Medien gerüffelt, da ihre Millionen teure Villa auf ehemaligem Uhreinwohner-Boden steht. Längst hat das Publikum durch YouTube und Co. neue (wenn auch beileibe nicht immer problemfreie) Idole gefunden, die das alte System immer stärker im Schatten stehen lassen. So landetete Gaming-YouTuber Mark "Markiplier" Fischbach mit seiner eigens produzierten und vertriebenen Computerspielverfilmung "Iron Lung" einen US-Kinohit, der bei einem Budget von 3 Millionen US-Dollar aktuell mehr als 42 Millionen US-Dollar eingenommen hat und zwischenzeitlich an der Box-Office-Spitze stand. Hollywood reagierte verschnupft und strich den Film zwischenzeitlich aus den Charts.  

Ein Ende Hollywoods ist noch lange nicht in Sicht, aber die derzeitigen Fragen und Probleme haben das System in einen Schockzustand versetzt, das mit veralteten Methoden und Ignoranz reagiert. Es ist absehbar, dass sich die US-Filmindustrie wandeln wird - und das auch muss, um relevant zu bleiben. Dazu müssen auch veraltete, morsche Strukturen aufgebrochen werden - die vielleicht größte Hürde. Bob Iger kündigte - wohl nicht zufällig - kurz nach den neuesten Epstein-Akten seinen Rücktritt als Chef von Disney an. Im Optimalfall kann der Wandel Filmproduktionen begünstigen, gesunde Konkurrenz fördern und spannende, originelle Filme hervorbringen - so hat sich der US-Film insbesondere in den 70ern, 80ern und 90ern immer wieder neu erfunden. Im schlechtesten Fall verstärkt er die aktuellen Negativtrends und mündet in mutlosen, faulen Produktionen von zweifelhafter Qualität, die den Bedeutungsverfall vorantreiben. Hollywood wurde ja schon oft totgesagt - etwa mit dem Aufkommen des Fernsehens in den 50ern. Doch zu sicher sollte sich die Industrie auch nicht sein, sonst nimmt man den Spruch irgendwann beim Wort. 

 

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