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Goldene Himbeere 5000

 

Sie ist die Trophäe, die keiner haben will, der Anti-Oscar, der jedes Jahr für die schlechtesten Filme vergeben wird: Die Goldene Himbeere.

1980 befindet sich der Publizist John Wilson auf dem Heimweg. Er hatte zuvor Nancy Walkers Musik-Komödie "Can't Stop the Music" gesehen, die mit dem Fantasy-Flop "Xanadu", ein Fantasy-Musical mit Olivia Newton-John in einem Double-Feature für 99 Cent gezeigt wurden. Wilson fand beide Filme so schlecht, dass ihm die Idee für einen Anti-Oscar kam: Die Goldene Himbeere - benannt nach dem Ausdruck "blowing a raspberry", also einen Furz zu imitieren. Die erste Verleihung dessen fand während den Academy Awards 1981 statt. Wilson feierte in seinem Zuhause in LA eine Party, bei der die Gäste über den schlechtesteten Film des vergangenen Jahres abstimmen sollten. So sicherte sich schließlich "Can't Stop the Music" einen (unrühmlichen) Platz in der Filmgeschichte: Als der offiziell erste "schlechteste Film". Die  improvisierte Veranstaltung wurde zu einem kleinen Ereignis, das von lokalen Zeitungen aufgegriffen wurde. Durch diese Verbreitung kamen ein Jahr später zu den zweiten Raspberries bereits die doppelte Anzahl an Gästen zusammen, die unter anderem "Mommie Dearest" zum schlechtesten Film, Bo Derek zur schlechtesten Schauspielerin (für "Tarzan, the Ape Man") und Michael Cimino zum schlechtesten Regisseur (für den katastrophalen Flop "Heaven's Gate") wählten. Mit jeder weiteren verleihung stieg die Bekanntheit und Teilnehmerzahl der "Auszeichnung", die schließlich 1984 von CNN und weiteren TV-Sendern erstmals übertragen wurde. Die Verleihung wurde von da an vor den Oscars angesetzt, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen.

Häufig kam es dabei vor, dass sich Razzie- und Oscar-Nominierungen oder sogar Gewinne überschnitten - mitunter auch für den gleichen Film. So gewann etwa Schauspielerin Sandra Bullock 2010 sowohl einen Oscar als beste Hauptdarstellerin für "Blind Side" und die Goldene Himbeere als schlechteste für die Komödie "All About Steve". Bullock gehört auch zu den wenigen Prominenten, die ihre "Auszeichnung" persönlich entgegen nahmen. Ebenso unvergessen: Halle Berry ahmte 2005, bedacht mit dem Preis als schlechteste Hauptdarstellerin in "Catwoman" ironisch ihren Tränenauftritt von den Oscars 2002 nach, bei denen sie für Marc Forsters "Monster's Ball" als beste Hauptdarstellerin gewann. Nur ein Film gewann bislang einen Oscar und einen Razzie: Oliver Stones "Wallstreet", für den Michael Douglas den Oscar als bester Hauptdarsteller und Daryl Hannah die Himbeere als schlechteste Nebendarstellerin. 

Der bisherige Rekordhalter, der die meisten Anti-Oscars und damit als "Ben Hur" beziehungsweise "Die Rückkehr des Königs" der Razzies gilt, ist die Adam Sandler Comedy "Jack and Jill" von 2011. Zehn Razzies gingen an die - durch den "Dunkacino" unrühmlich in der Popkultur verankerte - Komödie, die damit die L. Ron Hubbard Verfilmung "Battlefield Earth" von 2000 ablöste, die acht Himbeeren gewann. Kurz nach dem Razzie-Triumph von "Battlefield Earth" meldete der Filmverleih Franchise Pictures Insolvenz an. Der Sci-Fi-Film bekam zudem einen Spezialpreis 2005 und 2010. Zu den Spezialpreisen zählen der Governors Award, verliehen von Gründer John Wilson, der Barry L. Bumstead Award für die größten Kassenflops und Worst Career Achievement für das Lebens-(Mach-)Werk.

Seit 2015 gibt es auch den Razzie-Redeemer-Award, der an Künstler geht, die zuvor die Goldene Himbeere erhielten oder dafür nominiert wurden, sich dann aber durch herausragende künstlerische Leistungen verdingt gemacht haben. Diesen erhielten unter anderem Ben Affleck, Mel Gibson und Sylvester Stallone. 

Ebenso zog das Komitee auch schon Nominierungen und Auszeichnungen zurück. Etwa bei Bruce Willis, für dessen Auftritte in billigen Direct-to-Video Produktionen eigens eine Kategorie geschaffen werden sollte. Nach der Bekanntgabe von Willis' Aphasie-Erkrankung, zogen die Razzies ihre Nominierung zurück. Auch wurde zur gleichen Zeit der Preis an Shelley Duvall für den 1980 erschienenen Horror-Klassiker "The Shining" zurückgenommen, was mit Kubricks Tyrannei am Set begründet wurde. Ebenso nahm das Komitee 2023 die Nominierung der damals zwölf-jährigen Ryan Kiera Armstrong zurück, die mediale Empörung auslöste. Die Razzies erklärten, fortan niemanden mehr unter achtzehn Jahren zu nominieren und gaben sich selbst einen "Preis" für den Fehler.

Es war nicht das erste Mal, dass die Schmäh-Preise selbst in der Kritik standen und Kinder/Jugendliche nominierten. So etwa Jake Llyod im Jahr 2000 für seine Rolle als der junge Anakin Skywalker in "Star Wars Episode I - The Phantom Menace". Zudem kritiserten verschiedene Zeitungen, dass viele Mitglieder des Razzie-Komitees die Filme nicht sichten und die Nominierungen sich weniger auf die tatsächliche Qualität eines Films, sondern eher den popkulturellen (Mainstream-) Diskurs beziehen würden. Der gleichen Kritik müssen sich mittlerweile auch die Oscars stellen - vielleicht wird es auch hier Zeit für einen (Anti-)Award.

 

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