
Man nennt das wohl TV-Event im Fernsehen, wenn die ARD und der ORF zwei ganze Abende hintereinander für die Ausstrahlung einer sechsteiligen Mini-Serie bereitstellen. Die Rückabwicklung eines schweren Verkehrsunfalls, ähnlich wie es der Spielfilm-Klassiker "L.A Crash" (Regie: Paul Haggis, USA 2005) abendfüllend getan hat, erzählt von den psychischen Folgen für Überlebende und Hinterbliebene. Zudem stellt es die Zuschauer vor die Rätselaufgabe, wie es zu dem fatalen Unfall mit einem Reisebus und mehreren beteiligten PKWs überhaupt kommen konnte.
Die Miniserie wurde initiiert durch Bavaria Fiction von der Windlight Pictures in Koproduktion mit der österreichischen Satel Film produziert. Das Riesenprojekt war sicher nicht billig, die ARD, der ORF und die Förderungen Film- und Medienstiftung NRW, das Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, die Nordmedia, der German Motion Picture Fund und FISA+ haben mitfinanziert.
Der Titel entstammt einer Verkehrsstatistik, nach der bei jedem Verkehrunfalltoten im Durchschnitt 113 weitere Menschen direkt und indirekt mit betroffen sein sollen. Vom Aufbau her ist jede der sechs Serienfolgen einer unmittelbar oder mittelbar beteiligten Person gewidmet, aus deren Perspektive erzählt und nach ihr auch benannt.
Aufbau

Es gibt allerlei Vorbilder für derartige filmische Erzählungen, sie alle brauchen, um die Zuschauer zu guiden, durchgehende Figuren, man könnte auch von einer Art horizontalen Erzählebene sprechen, sowie die individuell geprägten Perspektiven, die vertikale Erzählebene der jeweiligen Folge. Man könnte in der Vergangenheit bei Citizen Kane (Regie: Orson Welles, USA 1941) oder Kurosawas Rashomon beginnen und über "Fight Club" und "Memento" bis hin zu "Vantage Point" (Pete Travis, 2008) schauen. Im Deutschen Fernsehen hatte beispielsweise die Serie "Tod eines Schülers" (ZDF) in den Achtzigerjahren eine ähnliche Erzählhaltung. Auch "Hundertdreizehn" arbeitet intensiv mit Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Parallelmontagen.
Die horizontale Ebene wird übergreifend vor allem durch das Ermittlerteam geprägt, zugleich aber auch durch die engsten Angehörigen des vordergründig den Unfall verantwortenden Busfahrers, der wie sich nun erst herausstellte, ein Doppelleben führte sowie durch weiter Überlebende.
Die vertikalen Geschichten beleuchten den verstorbenen Busfahrer Theo und Familien, den an Alzheimer erkrankten Unternehmer Richard, der den Unfall mit angesehen hat, den Feuerwehrmann Jesper, der als Retter am Unfallort ist und in dem ein altes Trauma wiedererwacht, die Überlebende Clara, die sich Vorwürfe macht, ein anderes Unfallopfer nicht gerettet zu haben, Sofia, eine weitere Überlebende, die einen Gedächtnisverlust erlitten hat sowie Nuriel, die zwei ehemalige Schulfreunde als Drogenkuriere in dem verunfallten Bus platziert.
Fragen

Manche Dinge an den Figuren sind ein wenig an den Haaren herbeigezogen, aber man versteht, dass Autor / Regie sich die daraus resultierenden schönen Erzählmöglichkeiten der schnöden Logik wegen, nicht nehmen lassen wollten. Das beginnt natürlich bei der Hauptermittlerin vom BKA, Anne Goldmundt (Lia von Blarer), die obwohl mit dem Auto unterwegs, wie eine Rucksacktouristin scheinbar von Ermittlungsfall zu Ermittlungsfall reist, an dem Ort dann aber kein Hotel in Anspruch nimmt sondern in der Halle mit den beteiligten ausgebrannten Unfallfahrzeugen wohnt. Das sei ein Tick von ihr, erklärt sie ihrem Ermittlerkollegen Jan Auschra (Robert Stadlober). Ab und zu wird es etwas kitschig, leider werden etwas viele Zufälle bemüht und hier und da ist es sogar unglaubwürdig. Wenn behauptet wird, dass Jemand wegen Untreue einen Gedächtnisverlust erleidet oder eine sehr dünne Konstruktion gewählt wird, weshalb ein Anderer Paranoia erleidet, werden die sorgsam aufgebauten realistischen und durchaus berührenden Erzählelemente spürbar geschwächt.
Das kann ja durchaus so sein, das BKA wird ja häufiger überall im Land in besonderen Fällen tätig, doch dass die Ermittlerin bereits während der Unfallsituation und Rettung bereits vor Ort am Unfallort ist,- also keinerlei Anreise, Dienstauftrag etc. voranging, ist dann doch etwas unrealistisch. Aber natürlich verständlich, dass die so geschaffenen Bilder mit ihr in der Unfallsituation immer wieder durch die einzelnen Folgen hinweg spannende Visualisierungen ermöglichen.
Aufwand
So einen Riesenunfall mit Reisebus ins Bild zu rücken ist eine gigantische Aufgabe, trotz VFX und heutigen Möglichkeiten. So etwas kostet. Wie es bei derartigen Produktionen über Bundesländer,- und Ländergrenzen hinweg üblich ist, mussten die Drehorte ebenfalls weit gestreut werden, fast schon eine Reiseproduktion und etwas absurd, angesichts Green Shooting Philosophie allerorten. Zumal Österreich beispielsweise nur als Reiseziel des Busses und durch die Erzähllinie Nuriel über die Figuren, aber nicht zwingend als Drehort verteten war. Fördertourismus eben. Hätte es als Österreich-Bezug nicht gereicht, mit den ebenfalls sehr guten Österreichischen Schauspielern zu arbeiten?
Machart

Der Cast ist, trotz der großen Anzahl an Figuren durchgehend sehr gut, auch die Kinder und Jugendlichen (z.B. Eva Hirschburger als Ela und Allegra Tinnefeld als Salma, denen man trotz höherem Alters das Spielalter glaubt) spielen sehr glaubwürdig. Die BKA Ermittlerin, gespielt von Lia von Blarer erinnert in ihrer androgynen Art durchaus an die Figur der Meeresbiologie-Studentin Charlie (Leonie Benesch) in "Der Schwarm" und macht ihre Sache sehr gut. Überhaupt muss man sagen, dass die Besetzungen der verschiedenen Charaktere mehrheitlich überzeugen, für gelegentliche Schwächen im Drehbuch können die nichts.
Die Kamera (Ralph Kaechele) ist sorgfältig, das Filmlicht homogen und durchgehend auf einem hohen Niveau und die Bildsprache wirklich filmisch und gelungen.
Manches ist vielleicht etwas übererzählt, hier hätten ein paar Auslassungen nicht geschadet, doch das ist vielleicht der avisierten Gesamtlänge des Projektes und dem vermuteten Grad an Aufmerksamkeit der Fernsehzuschauer geschuldet. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Zuschauer nicht sechs Serienfolgen über durchgehend mitfühlen und mitleiden können, doch es gibt durchaus immer wieder berührende Momente. Da haben die Schauspieler und die Regie (Rick Ostermann) gute Arbeit geleistet.
Viele kleine Details in einzelnen Episoden verweisen oft geschickt (Schublade des Busunternehmers), nur selten vordergründig, auf andere Figuren und Serienfolgen. Vom Genre her ist die Serie etwas unentschlossen, weil sie immer wieder zwischen klassischem Ermittler-Krimi und klassischem Drama hin und herspringt.
Der Filmmusik-Score (Karwan Marouf) ist über weite Strecken gelungen, fein instrumentiert und selten die Szenen zuschmierend, nur manchmal tritt sie zu sehr nach Vorn. Das Sound-Design ist ebenfalls sehr gut, muss allerdings immer wieder an Übergängen zwischen Szenen oder in visuell etwas weniger eindrücklichen Momenten subtile Anspannung generieren, nicht immer ist das überzeugend.
Die Serie gehört sicherlich zu den anspruchsvolleren im deutschen Fernsehen, nicht alles, aber doch vieles ist gelungen und man hat einiges gewagt. Da war durchaus noch Luft nach oben, sicher auch beim Drehbuch (Arndt Stüwe), dennoch ist "Hundertdreizehn" sehenswert und eine Bereicherung für das öffentlich rechtliche Abendprogramm.
Gesehen von Mathias Allary


