Schublade, aus der Zeitungsauschnitte quillen

Anfangsszene der Ernst Weiß-Verfilmung "Franta"

 

Wie man beginnt, so schreibt es sich

 

In unseren ersten beiden Aufgaben zeigte sich bereits deutlich, welche Möglichkeiten, welche Macht die richtige Wahl der Örtlichkeiten und vor allem ihre Beschreibung haben.

 

Mit ihnen können wir den Leser/Zuschauer sogleich in die richtige Grundbefindlichkeit versetzen, die erforderlich ist, um neugierig zu werden und unsere Geschichten intensiv erfühlen zu können.

 

Die ersten Zeilen einer Szene sind so etwas wie der Aufmacher einer Zeitung. Wir wecken Interesse und stimmen den Leser auf ein Thema ein.

 

 

Informationen verteilen

 

Selbstverständlich müssen Sie nicht alle wichtigen Informationen zu einem Ort in den Anfang der Szene packen. Zumindest aber soviel, dass der Ort erkennbar und die für die Emotion und Handlung der Szene notwendigen Informationen gegeben sind. Weitere sinnvolle Elemente, den Ort betreffend können innerhalb der Szene dann eingestreut werden, falls möglich verwoben mit Handlung.

 

Die Vielzahl an Szenen und Drehorten bei den meisten Filmen macht es unmöglich, den Einführungen der Orte sehr viel Platz einzuräumen. Deshalb sollte die Beschreibung möglichst eindeutig und prägnant sein, damit man sofort weiß, wo man sich befindet. Taucht der gleiche Ort in einer späteren Szene wieder auf, kann man sich die Beschreibung sparen, der Ort ist eingeführt, man kann sich gleich auf die Handlung konzentrieren.

 

 

Hilfsmittel

 

Ein klassisches Mittel, Örtlichkeiten rasch zu erklären, sind typische Erkennungszeichen. Restaurants erkennt man an den gedeckten Tischen, den Obern, den Speisekarten, Wohnungen werden oft durch deren Bewohner definiert. Wer den Wohnungsschlüssel besitzt, den Kühlschrank auffüllt, sich in "sein" Bett legt, wohnt in der Regel auch dort.

 

Beliebt ist auch die Ankündigung in einer der vorhergehenden Szenen. Sagt die Filmfigur in einer Szene, sie sei müde und wolle nach Hause, ist der Ort der wenig später gezeigt wird, damit erklärt. Sagt der Kommissar zu seinem Kollegen, er wolle sich mal in der Firma des Opfers umschauen, weiß der Zuschauer, in welchen Lagerräumen er sich in der folgenden Szene befindet.

 

 

Starke, kraftvolle Beschreibungen

 

Es gibt Szenenanfänge eingebettet in Beschreibungen, die haben eine solche intensive Ausstrahlung, dass sie eine ganze Szene lang tragen können. Wenn es einem gelingt, die Örtlichkeit und Situation plastisch einzuleiten, hilft es einem auch beim Schreiben der ganzen Szene. Irgendwie entwickelt ein solcher Ort ganz eigene Qualitäten. Manchmal besteht auch eine ganze Szene nur aus der Beschreibung und ein wenig Handlung:

 

Szene 20 HAUS BELLEVUE / AUFFAHRT AUSSEN / NACHT


Die Jensen geht im fahlen Licht der Laternen nachdenklich die Auffahrt hinunter, hält inne und wendet sich dem dunklen Gebäude zu. Ganz oben, in einem weit geöffneten, beleuchteten Fenster, lehnt der stämmige Hausmeister und starrt in die Ferne.

 

Als er sie bemerkt, löscht er das Licht. Seine glühende Zigarettenspitze verrät jedoch dass er weiterhin am Fenster steht. Zögerlich setzt sie ihren Weg fort.


In obiger Beschreibung werden auf einfache Weise Grundstimmungen und Erfahrungen angesprochen, welche die meisten Menschen irgendwo in sich tragen. "Fahles Licht der Laternen", "eine Auffahrt, dunkle Gebäude", "ein weit geöffnetes, beleuchtetes Fenster, dessen Licht plötzlich gelöscht wird", "eine glühende Zigarettenspitze im Dunkeln". Diese Stichworte lösen bei uns Stimmungen aus, die uns helfen die Emotionen der Filmfigur (in diesem Fall Silvia Jensen) nachzuempfinden: Sie ist allein, (schutzlos) geht eine schlecht beleuchtete Auffahrt hinunter, weit und breit ist niemand unterwegs. Nur ein Fenster ist beleuchtet, der Hausmeister lehnt im Fenster und löscht das Licht, als er sie bemerkt. (Sie fühlt sich beobachtet).

 

 

Raumgefühle

 

Sie sehen, dass man durchaus Gefühle der Filmfiguren auch wenn man sie nicht als Dialog, Erzählerstimme oder Handlung transportiert, über Beschreibungen von Örtlichkeiten und Situationen vermitteln kann. Je archetypischer, je allgemein bekannter diese Situationen und Örtlichkeiten sind, desto leichter steigt der Leser/Zuschauer darauf ein.

 

Versuchen Sie bei Ihren Drehbüchern die Örtlichkeiten so zu wählen und zu beschreiben, dass Sie damit zugleich Stimmungen und Gefühle ihrer Filmfiguren verstärken können. Altmeister Hitchcock hat in Filmen wie "Das Fenster zum Hof" oder "Vertigo" intensiv mit der Kraft der Drehorte gearbeitet.

 

Dies ist keineswegs eine Aufforderung zu spektakulären Handlungsorten, sondern zu einer sehr bewussten Auswahl und Behandlung als gestalterisches Element:

 

Ein einsamer Bauerhof irgendwo im Elsass, der umgeben von einer Mauer nur durch ein Hoftor betreten werden kann, vermittelt das Gefühl einer Art Burg, von Abgeschiedenheit, Einsamkeit, von Abschottung.

 

Ein Apartment irgendwo im 14.Stock eines Studentenwohnheims einer Großstadt. Grelle Farben an Haustür, Briefkästen und Aufzüge sollen Freundlichkeit vermitteln. Eisiger Wind heult durch den Schacht des Müllschluckers. Ein Gefühl von Anonymität, Schutzlosigkeit und Verlorenheit stellt sich ein.

 

Unspektakulär, aber in Verbindung mit der richtigen Geschichte sagen beide Orte bereits viel über die Menschen, die sich dort befinden, aus. Doch Vorsicht: Nicht immer ist es sinnvoll mit solchen Motiven eindimensional umzugehen. Brüche und Gegensätze haben ihren eigenen Reiz. Wenn ein High-Tech gewohnter Großstädter mit seinem Wagen irgendwo liegen bleibt und auf einem Bauernhof ohne Telefon festsitzt, kann vielleicht eine reizvollere Geschichte entstehen.

 

Manche Orte lösen beinahe automatisch in uns Grundstimmungen und Assoziationen aus. Dabei sind auch gegensätzliche Auslegungen möglich. Eine Waldlichtung kann, je nach Geschichte, romantisch, freundlich oder bedrohlich sein. In den folgenden Aufgaben können Sie auch unterschiedliche Bewertungen vornehmen.
Was fällt Ihnen zu den folgenden Stichworten ein?

 

 

Ihre Assoziationen

 

Frage 1

 
Bitte finden Sie Stichworte und Emotionen zu den Begriffen:

 

Höhle, Keller, Grotte, Tunnel

 

 

Frage 2

 
Bitte finden Sie Stichworte und Emotionen zu den Begriffen:

 

Meer, Strand, Dünen, Brandung

 

Ähnlich wie Ihnen geht es natürlich auch den Lesern/Zuschauern. Viele Plätze sind sehr ambivalent in ihrer Bewertung. Unsere Assoziationen hängen stark mit den persönlichen Erfahrungen zusammen. Und doch gibt es auch einen gewissen Konsens, speziell wenn unser Unbewusstes, wenn Urerfahrungen angesprochen werden.

 

Manchmal sind nur wenige Nuancen erforderlich, um einen an sich neutralen Ort zu einem Stimmungsträger konkreter Art werden zu lassen.

 

Eine Mauer ist eine Mauer, eigentlich neutral. Sie kann schützen, wärmen, trennen, sie kann etwas verbergen. Trägt sie Graffity, ist sie verschmiert, bröckelt der Putz, wurde ein Fenster zugemauert oder trägt sie gar Einschusslöcher? Es liegt an uns, in welche Richtung wir eine Szene bereits durch die Ortsbeschreibung lenken können. Machen wir doch einmal die Gegenprobe. Wohin lenken diese Beschreibungen Sie?

 

Beispiel 1:

Gregor Mandel sitzt am Fenster seines stickigen, heißen Hotelzimmers. Kalziumampullen, Kräuteressenzen in braunen Phiolen und namenlose Pillen liegen verstreut zwischen Manuskripten und Zeitungsausschnitten. Hinter dem vorhanglosen Fenster des gegenüberliegenden Hotels erscheint schemenhaft eine Gestalt.

 

Beispiel 2:

Der bräunliche Fleck an der Decke, wo das Wasser durchsickert, sieht aus wie ein Schmetterling. Leonie lässt ihren rechten Fuß knapp über dem Boden, der mit Kaugummi, Bonbonpapieren und Zigarettenkippen übersät ist, schweben.

 

Beispiel 3:

Überall auf der Terrasse wirbelt trockenes Laub herum. Lucas zögert, den Klingelknopf zu drücken. Vor der Türschwelle stapeln sich Werbezeitschriften. Hinter dem seitlichen Fenster liegen in einer Schüssel zwei Äpfel, faulig und braun.

 

 

Frage 3

Bitte skizzieren Sie in wenigen Sätzen, für mindestens eines (gerne auch für alle) der drei Beispiele, wie die betreffende Szene weitergehen könnte. Was könnte es mit der Person auf sich haben?
 


Unsere letzte Aufgabe dieser Seite. Ein Gefängnisgang. Betrachten Sie das Bild, versuchen Sie sich die Atmosphäre, die Geräusche und natürlich die Menschen, die darin zwangsläufig leben oder arbeiten, vorzustellen.

 

Gefängnisflur

 

 

 

Frage 4

Ihre Drehbuchszene spielt im Gefängnis. Bitte setzen Sie das obige Foto in eine Beschreibung der Örtlichkeit um. Keine Bildbeschreibung, sondern ein Szenenbeginn. Aus den bisherigen Beispielen wissen Sie, dass man nur wenige Zeilen darauf verwenden sollte. Falls Sie die Beschreibung mit der Handlung einer erdachten Person verbinden möchten, ist das selbstverständlich ebenfalls möglich.
 

 

 

Hinweis: Da diese Seite nur eine Demo ist, können Sie die folgenden Felder nicht ausfüllen und Ihre Lösungen auch nicht an den / die Turor -in senden.