Digitale Schallwandlung?

Digitalmikrofon von JVC width=

MU-21, frühes Digitalmikrofon von JVC mit Wandler XD-AD1 zum Anflanschen

Der Name ist ein wenig irreführend, gleich zur Beruhigung, auch digitale Mikrofone arbeiten zumindest in ihren Kernfunktionen, nämlich der Mikrofonkapsel, in der Regel noch analog, erst hinter Membran und Kondensator setzt die Digitalisierung ein und das Signal wird dann digital über das Kabel an ein geeignetes Mischpult oder Aufnahmegerät gesendet.

 

Derartige Mikrofone gibt es schon länger, allerdings sind sie nach wie vor die Exoten in der Tonaufnahme. Klassiker waren das Neumann D-01, die Neumann Kleinmembran Mikrofone KM D, das Sennheiser MZD 8000, das Beyerdynamic MCD 100 (1996) sowie das Milab DM 1001 B (1999). Heute haben die großen Mikrofonhersteller wie Microtech Gefell, Neumann, Schoeps und Sennheiser eine Reihe digitaler Mikrofone im Angebot. Vorsicht, die frühen Typen wie das Beyerdynamic MCD 100 sind nicht mit der AES Norm kompatibel.

Natürlich wissen wir, dass es Menschen gibt, bei denen das Wort Digital, auch wenn es inzwischen schon Jahrzehnte im Alltag angekommen ist, wie eine Frischzellenkur wirkt, aber wir wollen es genauer wissen: Welche Vorteile bieten digitale Mikrofone tatsächlich?

 

Vorteile

Nun da ist zunächst einmal der Vorteil einer störungsfreien Signalübertragung. Während analoge Signale über den Kabelweg Störungen ausgesetzt sind (Handy, Radio, Transformatoren etc.) und wir die in der analogen Welt über die symmetrische Signalführung abzuschirmen versuchen, sind digitale Signale praktisch unempfindlich gegen derartige Störungen.

 

Sehr wichtig ist auch, dass man digitale Mikrofone optimal aussteuern kann. Dadurch dass man die Regelkreise im Mikrofon vom Mischpult aus regulieren kann, wird verhindert, dass der interne Vorverstärker übersteuert.

 

Innovatives Richtmikrofon

Schoeps SuperCMIT 2U

Schoeps SuperCMIT 2U

Doch digitale Mikrofone können noch viel mehr, wie die Mikrofonschmiede Schoeps erfolgreich beweist. Das digitale Richtmikrofon SuperCMIT nutzt die digitale Signalverarbeitung auf sehr geschickte Weise, um damit Signale die von den Seiten oder von hinten in das Mikrofon einstreuen, erfolgreich mittels geeigneter Algorythmen (ein Patent von ILLUSONIC), heraus zu rechnen. Dieses Feature verschafft Tonanglern/Tonmeistern am Drehort einen wirklich großen Vorteil gegenüber herkömmlichen analogen Richtmikrofonen, dass man die Vorzüge sofort erkennen kann. Wenn man etwa in einer Umgebung, in der viele Nebengeräusche zu hören sind, etwa Menschen die sich in eine Café unterhalten, den Dialog eines Protagonisten angelt, wird seine Stimme deutlich klarer von den Umgebungsgeräuschen getrennt aufgenommen als bei analogen Mikrofonen.

 

Ähnlich wie die Noise-Canceling Kopfhörer, die auch für Piloten eingesetzt werden, nutzt man hier eine zusätzliche Mikrofonkapsel dafür, die Störsignale (Diffusschall) z.B. seitlichen Reflektionen von Schall zu unterdrücken.

Da die digitale AES Schnittstelle zwei digitale Kanäle transportieren kann, wird beim Super CMIT sowohl das digital gefilterte (Kanal 1) als auch das unbeeinflusste Signal (Kanal 2) übertragen. Wenn man beide Signale aufnimmt, hat man später bei der Postproduktion beide Optionen.

Einer der Taster am Mikrofongehäuse erlaubt es, zwei verschiedene Stufen der Signalbearbeitung einzustellen. Die erste Position verschafft eine Unterdrückung der Diffusschallsignale um 5 dB und ist die für Filmaufnahmen empfohlene Einstellung. Position 2 unterdrückt Störsignale um 9 dB, wobei hier durchaus hörbare akustische Artefakte auftreten können, dies ist also eine Einstellung die man nur dann verwenden soillte, wenn es gar nicht anders geht, also wenn der Umgebungsgeräuschpegel sehr hoch ist und man etwa für eine Reportage trotzdem den Protagonisten verstehen können muss.

 

Ein weiterer Taster erlaubt es, tiefe Frequenzen abzuschneiden, also ein Hochpass, wie man ihn auch von analogen Mikrofonen kennt und ein anderer erlaubt es, die Höhen bei 10 KHz um 5 dB anzuheben um damit etwa den Höhenverlust durch Fell und Korbwindschutz etwas zu kompensieren.

 

Spricht man mit Tonmeistern und Anglern, so sind recht unterschiedliche Erfahrungen zu diesem Mikrofon zu hören. Die Meisten warnen vor dem Preset 2 für die Signalbearbeitung, hier klingt der Hintergrund sehr unnatürlich. Gewarnt wird aber auch vor dem Preset 1, wenn der Angler nicht wirklich ein absoluter Superprofi ist. Stehen nämlich zwei Personen nebeneinander im Dialog und der Angler ist nicht präzise jeweils auf dem Mund des Sprechenden oder die zweite Person spricht auch, so klingt dessen Stimme sehr weit entfernt und ist im Ton nicht zu gebrauchen. Die ideale Situation für dieses Mikrofon ist eher wenn eine Person die von lauter Hintergrundatmo spricht (also etwa vor einer befahrenen Straße), hier kann die digitale Geräuschkompensation kleine Wunder vollbringen.

Der Preis für das Super CMIT ist enorm, über 4000,- Euro werden da abgerufen, also das Vierfache etwa des Filmton-Klassikers MKH 416.

 

Besonderheiten digitaler Mikrofone

Sound Devices 788T

Einer der wenigen Rekorder, welche das Super CMIT mit Strom versorgen und ansteuern können: Sound Devices 788T

 

Wer nun denkt, mit der zugegeben recht hohen Investition in solch ein digitales Mikrofon sei es getan, der irrt. Zunächst einmal muss einem klar sein, dass praktisch alle Kameras mit Tonaufzeichnung nur analoge Eingänge besitzen. Man benötigt also zusätzlich eine Box, die das digitale Signal in ein analoges wandelt und zudem die entsprechende nach Digitalnorm übertragene Stromversorgung, die "Digital Phantom Power" (DPP) bereitstellen kann. Bei Schoeps nennt sich so eine (AES42)-Speisebox Mini-DA42 und kostet noch mal etwa 500 Euro. Auch von Neumann gibt es eine vergleichbare Lösung, den zweikanaligen DMI-2.

 

Alternativ kann man auch ein Mischpult/Aufnahmegerät wählen, welches den digitalen Eingang sowie die entsprechende Stromversorgung bereitstellt, mit dem Stand 2015 können dies nur der Sound Devices 788T und der AETA 4MinX. Die AES42 Schnittstelle erlaubt es sogar, vom Mischpult aus den im Mikrofon befindlichen Prozessor per Regler zu kontrollieren.

Andere Aufnahmegeräte oder Mischpulte, die zwar die zwar den digitalen Eingang nicht aber die entsprechende digitale Phantomspeisung bereitstellen, kann man auch verwenden, indem man etwa die Speisebox PSD 2 U verwendet, die kostet nur halb soviel wie die Mini-DA42.

 

Auch die Kabel folgen anderen Anforderungen. Zwar werden die Stecker ebenfalls in XLR Norm ausgeführt, doch normale analoge XLR Kabel sind nur für kurze Längen verwendbar. Längere Kabel sollten eine Impedanz von 110 Ohm haben.

Noch stehen die hohen Preise für Mikrofone, Mischpulte und Aufnahmegeräte einer breiten Einführung digitaler Schallwandler im Wege, doch die Vorteile dieser Technik sprechen durchaus dafür, bei Neuanschaffungen über einen Wechsel nachzudenken.

 

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