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Ansteckmikrofon in Schachtel

 

Tonmeister*Innen am Set verfügen über mehrere Mikrofontypen und setzen sie auf unterschiedlichste Weise ein. Häufig genug gibt es Situationen, in denen man das klassische Filmton-Mikrofon (Kondensator mit Keulencharakteristik) weder verstecken (mit Klemmstativ hinter Requisiten oder im Blumenstrauß), noch an der Angel außerhalb des Bildausschnitts nah genug an die Schauspieler bringen kann. Deshalb wählt man neben den klassischen Kondensator-Mikrofonen an der Tonangel kleine Ansteck-Mikrofone, die man gut an oder unter der Kleidung verstecken kann. Damit die unterschiedlich erzielten Aufnahmen sich beim Schnitt dennoch gut zusammenfügen und keine Störgeräusche entstehen, sind einige Feinheiten zu beachten.

Sie sind von Filmsets nicht mehr weg zu denken und werden in Virtual Reality eine noch größere Rolle spielen, weil hier das Tonangeln mit einem Richtmikrofon und Korbwindschutz unmöglich ist.

Die kleinen Ansteckmikros verdanken ihren Namen einem kleinen Schmuckanhänger, der nach der Duchesse de la Vallière, einer Geliebten von Louis dem Vierzehnten, im Achtzehnten Jahrhundert benannt ist. In der Anfangszeit des Tonfilms, also in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts hängte man Mikrofone ähnlich wie eine Kette, den sprechenden Personen um den Hals. So wurde der Begriff übernommen.

Nicht nur im Interview-Bereich und bei Talkshows, auch beim Spielfilm erfreuen sich die kleinen, gut versteckbaren Ansteck-Mikros, auch Clip-on oder Lavalier genannt, wachsender Beliebtheit. Auch wenn die Mikrofonpositionierung mit der Angel die ideale Lösung darstellt, sind Ansteckmikrofone in vielen Situationen nicht mehr wegzudenken. Besonders in Totalen, aber auch bei Aufnahmen, in denen die Schauspieler lange Gänge haben oder etwa reiten, helfen die kleinen unscheinbaren Mikrofone weiter.

Technisch kann man diese Mikrofone sowohl dynamisch (ohne Stromversorgung) als auch als Kondensatortyp realisieren. Allerdings lassen sich letztere besser miniaturisieren und sind deshalb am weitesten verbreitet. Frühe dynamische Lavalieres waren hühnereigroß und wurden an einer Schnur um den Hals gehängt. Das ist zum Glück Geschichte und man verwendet heute ausschließlich die kleinen Kondensator-Typen.

Sie werden, um eine möglichst starke Verkleinerung zu verwirklichen, als Electret Kondensator Mikrofon realisiert, bei denen die Empfindlichkeit so hoch ist, dass man mit einer winzigen Membran auskommt, um den Schall der Stimme direkt am Körper getragen, aufzufangen. Kondensator Mikrofone benötigen stets eine Betriebsspannung um zu funktionieren, diese muss dem Mikrofon irgendwie zugeführt werden. Ihre Stromversorgung beziehen sie aus kleinen Knopfzellen, die sich in einem Gehäuse am Kabel befinden, per Kabel-Phantomspeisung oder aus einem Funksender.

 

Zwei kleine Lavalier Mikrofone

Auf die Größe kommt es an: Links das winzige MKE2 von Sennheiser, rechts daneben das etwas größere AT831 von Audio Technica

 

Befestigung

Zunächst einmal kann man sie – wie jedes herkömmliche Mikrofon – per Kabel an das Aufnahmegerät anschließen. Dazu wird das Kabel unter der Kleidung der Schauspieler*Innen hindurchgeführt. Das bedeutet aber eingeschränkten Bewegungsradius und der Boden mit dem Kabel darf von der Kamera nicht gezeigt werden. Es gibt auch die Möglichkeit, dem Schauspieler einen Mini-Rekorder mitzugeben, auf den der Ton direkt aufgezeichnet wird. Eleganter sind da Sender, mit denen man drahtlos das Tonsignal zum Aufnahmegerät übertragen kann.

Sie werden, um die Sprache gut aufnehmen zu können, in der Nähe des Mundes platziert, am Kragen, aber auch im Haar. Dazu dienen kleine Klemmhalter, die das Mikro sicher halten. Da sich diese Miniatur-Mikrofone damit meist im Bildfeld der Kamera befinden, gibt es unterschiedliche Verfahren, sie zu kaschieren. Meist werden kleine Schaum-Windschutze mitgeliefert, die es für unterschiedliche Kleidung in verschiedenen Farben gibt. Man kann sie auch unter (nicht zu dickem) Stoff verbergen; manche Tonleute befestigen sie auch mit Modelliermasse (Bostik) direkt auf der Haut.

Meistens sind sie mit kleinen Clips ausgestattet, die es erlauben, sie an Kragen, Pullovern oder Hemden zu befestigen. Wenn man keine klar erkennbaren Interviews führt, kann man sie im Spielfilmbereich auch unter der Kleidung verbergen. Um sie möglichst unauffällig zu halten, sind manche Lavalier-Mikrofone Schwarz, Weiß, braun oder sogar Hautfarben gestaltet.

Ansteck-Mikrofone sollten nicht in der Nähe von Schmuck oder Knöpfen angebracht werden. Wenn sich die Person bewegt, kann es dadurch zu starken Störgeräuschen kommen. Ein ungefährer Abstand von 30 cm vom Mund gilt als Empfehlung; mehr als ein halber Meter sollte es keinesfalls sein. Ist bereits klar, dass der Schauspieler in der Szene den Kopf zum Sprechen wendet, sollte dies bei der Positionierung der Mikrofons berücksichtigt werden.

Ein großes Problem ist der Körperschall. Bewegen sich die Schauspieler, so knackt und raschelt es häufig durch die Reibung der Kleidung: Der Ton wird gestört. Moderne Mikros arbeiten neuerdings mit einem so genannten Doppelmembran-System, bei dem das Nutzsignal (Sprache, Gesang etc.) sich addiert, die Störgeräusche aber subtrahieren und damit verschwinden.

 

Frequenzen

Wenn das Mikro in der Nähe des Brustkorbs befestigt ist, so werden die tieferen Frequenzen überbetont, weil der menschliche Brustraum, über dem die Ansteck-Mikrofone befestigt werden, als Resonanzkörper fungiert. Tiefe Frequenzen werden zudem übertrieben aufgenommen, wenn ein Mikrofon sehr nah am Schallereignis ist. Aus diesem Grunde sind Ansteck-Mikrofone bereits so optimiert, dass sie die tiefen Frequenzen bewusst schwächer abbilden. Sie haben quasi einen eingebauten Low-Cut-Filter, also vom Frequenzgang her im Bereich der Tiefen eine bewusste Unterempfindlichkeit. Auf diese Weise ist der Aufwand in der Mischung nicht mehr hoch, die Lavaliere-Aufnahmen klanglich an geangelte Aufnahmen mit einem Mikro mit Keulen- oder Nierencharakteristik anzugleichen. Aus diesem Umstand ergibt sich jedoch auch, dass man Ansteck-Mikros nicht zum Angeln oder zur Aufnahme vom Mikrofonstativ verwenden sollte. Denn dann fehlen einfach zu viele tiefe Frequenzen.

 

Vielfalt

Es gibt am Markt eine Vielzahl von Lavalier-Mikrofonen, diese unterscheiden sich sowohl in ihrer Bauart, dem Verwendungszweck, der verwendeten Filterkurve als auch der Qualität. Einige Lavaliers sind auch Wasser bzw. Schweiß - resistent, das kann im Show,- und Musicalbereich von Bedeutung sein.

 

Hautfarbenes Lavalier Mikrofon Audio Technika

Überschminkbares, hautfarbenes Lavaliermikrofon von AKG

 

Die überwiegende Mehrheit an Lavaliers hat Kugelcharakteristik, es gibt aber auch ein paar wenige Kleinmikrofone mit Nierencharakter. Da sich aber die Träger der Ansteckmikrofone frei bewegen, was auch Kopfdrehungen beim Sprechen zur Folge hat, sind engere Richtwirkungen eigentlich ungünstig, die Stimme würde leiser wenn sich der Sprechende aus einem engen Empfindlichkeitsbereich wegdreht und spricht. Die Kugelcharakteristik ist da toleranter.

Grundsätzlich sind Richtmikrofone qualitativ überlegen, bei einem Filmset sollte man immer auf Sicherheit setzen und sowohl mit Richtmikrofon als auch Lavalier aufzeichnen. Später wird in den allermeisten Fällen auf den Ton des Richtmikrofons zurück gegriffen, dieser klingt besser. Doch für den Fall von technischen Störungen etc. ist der Lavalier-Ton das Backup.

Es gibt auch Situationen, wo die kleinen Anstecker vielleicht sogar den Richtmikros überlegen sind. Etwa bei Personen, die miteinander flüstern oder bei Telefonaten. Doch was, wenn man kein Richtmikrofon verwenden kann, weil es wie bei Dialogen in Totalen oder bei VR Filmen der Fall ist? Dann kommt es ganz besonders auf die Qualität der kleinen Ansteckmikrofone an.

Ganz besonders extrem stellt sich diese Frage bei VR-Filmen. Durch die Rundum-Aufnahme, kann man nirgendwo Tonassistent-inn-en platzieren, die den Ton sauber angeln könnten. Hier sind Ansteckmikros mit Funkstrecken oder kleinen Rekordern als verpflichtend, wenn man keinen dünnen, in Innenräumen sogar halligen Ton aufzeichnen möchte.

 

Qual der Wahl

Besonders häufig werden sie in Zusammenhang mit Funkstrecken verwendet, obwohl durch die Funkübertragung bereits eine Menge an Klangqualität verloren geht. Das Signal wird nämlich in den Funkstrecken bereits deutlich komprimiert damit es sich besser drahtlos übertragen lässt. Wer das Maximum aus seinem Ansteckmikrofon herausholen will, sollte es per Kabel direkt an das Aufnahmegerät anschließen. Das geht natürlich nur, wenn die Protagonisten nicht im Raum herumgehen oder, wenn man statt einer Funkstrecke einen kleinen kompakten Flash-Rekorder verwendet, den jeder Schauspieler am Körper trägt. Neuere Geräte sind genau so klein wie ein Funksender.

 

DPA 4060

 

Tatsächlich sind die Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Lavaliermikrofonen gewaltig. Zu den besten Lavaliers gehört das DPA 4061. Es liefert einen nahezu neutralen, differenzierten Ton ab, der längst nicht so dumpf und topfig klingt wie viele andere Typen.

Ebenfalls hervorragend ist das Sanken COS-11X. Es klingt sehr offen und natürlich, änhlich wie das DPA, fast wie ein echtes Richtmikrofon mit klaren Höhen. Vor allem aber ist das Sanken sehr klein und deshalb besonders gut unter der Kleidung zu verstecken, das kann bei Spielfilmproduktionen sehr wichtig sein.

Ein weiterer interessanter Kandidat ist das MKE 2 von Sennheiser, welches ebenfalls ein gutes Klangbild und zudem eine gute Abschirmung gegen seitlich einfallenden Hintergrundlärm hat.

Überraschend gut sind auch die Lavaliers von RØDE, insbesondere das neue LAV II welches von der Bauform stark an den Klassiker TRAM erinnert. Die Mikrofonkapsel sitzt nicht oben am Gehäuse, sondern seitlich. Dadurch ist eine flachere Bauform möglich, was das Mikrofon dichter und unauffälliger an oder unter Kleidung anbringen lässt.

Was bei Lavaliers auch nicht übersehen werden darf, ist die Größe. Je kleiner sie sind, desto unauffälliger. Bei den preiswertere Mikes kann das Rode Lavalier Go sowie das LAV II punkten. Billigere Konkurrenz-Lavalies etwa von Boy oder Synco sind meistens doppelt so groß und haben einen schlechteren Signal-Rauschabstand und schlechteren Klang.

Möchte man mit den Ansteckern draußen arbeiten, sollte man unbedingt Schaum,- und Fellwindschutz dabei haben. Diese winzigen Aufsätze verhindern erfolgreich, dass der Wind die Aufnahmen ruiniert. Außerdem ist es sinnvoll, jeweils mehrere Miniklemmen zum Anstecken der Lavaliers, sowie etwas Mull und Leukoplast dabei zu haben, falls man das Lavalier direkt auf der Haut und unter der Kleidung der Schauspieler-innen anbringen muss.

 

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