Children of the Prophet

Interview mit Sudabeh Mortezai

Milad, der Blumenhändler

Sudabeh Mortezai präsentierte im Wettbewerb des Dokfest München 2007 ihren ersten langen Dokumentarfilm" Children of the Prophet".

 

Wie ist Ihnen die Idee zu diesem Film gekommen?

Das Trauerfest von Moharram interessiert mich eigentlich schon länger aus einer bestimmten Neugierde. Wie kommt es, dass ein Ereignis, das vor 1400 Jahren passiert ist, noch so eine Faszination hat. Warum machen die Leute das? Sie leben in einem modernen, urbanen Umfeld und gleichzeitig einmal im Jahr, zumindest ein Teil der Bevölkerung, verfällt in diese kollektive Klage oder gibt sich dem so extrem hin. Das war mein persönliches Interesse. Gleichzeitig dachte ich, könnte es auch spannend sein, ein religiöses Ritual zu nehmen und darüber etwas über die Gesellschaft zu erzählen oder über die Leute, aus der dieses Kollektiv besteht. Eine Möglichkeit, sich die Individuen hinter diesem Massenphänomen anzuschauen.

 

Was war Ihr Ziel, das Sie mit dem Film zeigen und erreichen wollten?

Mein ursprüngliches Interesse war dieses Ritual zu zeigen, wie es funktioniert, wie es aussieht. Auch dieses kathartische Element hat mich ursprünglich viel mehr interessiert. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe und gesehen habe, wie modern alles geworden ist oder wie vermischt diese verschiedenen Ebenen von Tradition und Moderne sind, desto mehr hab ich mich dafür interessiert. Wo finde ich Widersprüche und was sind die Brüche. Was ich auf jeden Fall hoffe oder was meine Intention ist, dass man jenseits dieser total oberflächlichen, klischeehaften Bilder, die man vom Iran oder auch Islam hat, dass man einen Einblick bekommt in so eine Gesellschaft, die komplexer ist auch von innen her. Um nah bei den Menschen zu sein, was die denken und fühlen. Und auch diesen Menschen ein Gesicht zu geben, und auch eine Stimme. Nicht immer diese Massenszenarien wie beim Freitagsgebet oder diese Massenprozessionen mit Geißlern. Natürlich ist davon im Film etwas mit drin, darum geht es ja auch. Aber dann sind wir ganz nah bei den Leuten, das war mir wichtig, dass man eben die Menschen dahinter sieht und nicht immer nur dieses Fremde, Exotische, das so massenhaft bleibt.

 

Im Film zeigt sich, dass die Iraner lustige und fröhliche Menschen sind. Wie findet man solche Menschen?

Ganz unterschiedlich. Ich hab viel Zeit verbracht mit der Suche nach den Protagonisten und wirklich großes Augenmerk darauf gelegt. Damit steht und fällt der Film. Die Rituale sind für sich da, sie sind interessant, man kann sie so oder so inszenieren, aber wie nahe wir den Protagonisten kommen können, und dass sie auch wirklich einen Teil von der Gesellschaft zeigen, den man vielleicht auch nicht so gut kennt. Das war schon ein zentraler Punkt. Wir haben sie ganz unterschiedlich gefunden, lange recherchiert. Zum Beispiel Milad, den jungen Blumenhändler, haben wir letztendlich wirklich bei einem Straßencasting gefunden. Wobei nicht irgendwo auf der Straße, sondern in einem Bezirk, wo viele Devotionalien-Läden sind. Und wo anzunehmen war, dass im Vorfeld zu diesem religiösen Fest sich dort eher so junge Männer aufhalten, die Teil eines Trauervereins sind oder irgendetwas damit zu tun haben. Andere Leute haben wir teilweise über Bekannte gefunden. Einfach im Freundeskreis gefragt: "Kennst du irgendjemand, der so ein Essen macht?". Niemand war jetzt aber aus dem engeren Freundeskreis, sondern, wenn ich sage Bekannte, dann waren es Bekannte von Bekannten. Wir haben ganz viel andere Leute auch gesehen und vorinterviewt, Und sind dann bei diesen Protagonisten geblieben, weil ich einerseits dachte, dass sie eine sehr gute Mischung sind mit verschiedenen Haltungen zur Religion und auch aus sehr unterschiedlichen Gesellschaftsschichten kommen. Gleichzeitig haben sie alle uns sehr nah an sich rangelassen, sie waren sehr natürlich vor der Kamera, sie haben keine Masken getragen, also es war schön.

 

Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie die Frauen sich so natürlich geben und nicht das stereotype Bild der Frau im Islam abgeben!

Sudabeh Mortezai

Es ist ja auch so, dass sehr viele Leute im Iran auch das Bedürfnis haben sich auszudrücken. Ich habe gemerkt und natürlich habe ich mir auch gewünscht, dass die Frauen ohne Kopftuch auftreten, weil es einfach so ist, dass ich weiß, dass in bestimmten Gesellschaftsschichten die Frauen sich im Iran nicht verschleiern, wenn sie nicht müssen. Unter den Nachbarn oder wenn sie Partys haben, tun sie es eben nicht. Mein Ansatz war aber nicht, dass ich das von den Leuten verlange. Das wäre mir zu manipulativ gewesen. Die wollten das selber, was für sie auch ein wenig riskant sein kann. Man musste sie gar nicht überreden, die Leute wollen sich ausdrücken, wollen gerne zeigen "wir haben ein Gesicht, wir haben auch einen Willen und wir ticken nicht alle nur nach der Ideologie des Staates". Ich glaube, dass ist auch wichtig den Leuten zu zuhören. Sie wollen es ja dann auch selber sagen oder zeigen. Ich wollte so gerne auf jeden Fall hinter die Klischees blicken. Wenn man zum Beispiel sich den Blumenhändler anschaut, wenn der da steht mit diesem Stirnband vor dem Alam, den er tragen wird. Das ist zum Beispiel ein Setfoto, das wir viel verwendet haben. Wenn man das sieht, denkt man an Selbstmordattentäter oder Hamaskämpfer. Das ist sofort dieses Bild, das man sieht. Ich wollte ganz gern solche Leute nehmen, bei denen die äußerliche Erscheinung sofort dieses Klischee erweckt. Und dann schaut man sich diese Leute an und sieht, es ist ganz anders. Ich bin letztendlich sehr glücklich über die Wahl der Frauenfiguren, die jetzt im Film sind, obwohl das nicht meine ursprüngliche Intention war. Weil man da einfach viel mehr mitkriegt von dem, was sich hinter den Kulissen abspielt. Die nehmen sich kein Blatt vor den Mund und machen Scherze über alles. Dazu muss man sagen, dass die Urheberin des Essens, diese Hauptfigur, auch religiös ist. Nur beinhaltet ihre Interpretation vom Religiösen nicht einen schwarzen Schleier zu tragen. Und das finde ich wieder interessant.

 

Hatte die Kamera Einfluss auf das Verhalten der Protagonisten vor der Kamera?

Im Wesentlichen nicht besonders. Man braucht sich keine Illusionen zu machen, die Präsenz einer Kamera verändert immer alles. Die Frage ist, wie extrem verändert es sich. Manchmal verändern sich die Leute auch. Aber nach einer Zeit lassen sie sich dann, sie gewöhnen sich so daran, dass sie plötzlich wieder zu ihrer Essenz zurückfinden. Wenn ich jetzt die Protagonisten vergleiche, sicher waren die Frauen mit oder ohne Kamera exakt gleich. Bei den Männern in der Moschee genau dasselbe. Der Einzige, der vielleicht aus Schüchternheit sich etwas zurück genommen hat, war Milad. Diese Hippster-Jungs waren teilweise noch ein bisschen frecher, wenn die Kamera nicht eingeschaltet war. Letztendlich sind es brave Jungs, das ist ja das Lustige. Deswegen haben wir das auch drin gelassen mit der Mutter, die immer anruft. Sie sind so rebellisch, und in Wirklichkeit sind sie total brav. Das sieht man hier genauso wie im Iran. Diese rebellierenden Jugendlichen, die aber eigentlich jetzt nicht so revolutionär sind, wie sie meinen. Das ist eine Generation, die sind Politik verdrossen, die hätten sowieso nichts dezidiert Politisches gesagt. Sie haben, als die Kamera nicht eingeschaltet war, vielleicht ein bisschen noch kritischer und frecher geredet. Ich habe nicht das Gefühl, dass da jetzt etwas Essentielles verloren gegangen ist.

 

Gab es bestimmte Bedingungen, die notwendig waren in Zusammenarbeit mit den iranischen Behörden? Waren diese sehr kooperativ?

Wir waren wirklich gut unterwegs mit Drehgenehmigungen. Wir haben einen iranischen Produzenten vor Ort gehabt, der selber auch Dokumentarfilmer ist und auch sehr angesehen in der Branche ist. Der hat sich mit dem Aufnahmeleiter um all diese Drehgenehmigungen gekümmert. Wir durften fast überall filmen. Und zum Glück muss man sagen, es gab keine Auflagen. Es ist ja auch so, wenn man einen Film dreht, der im Iran gezeigt werden soll, dann muss dieser Film die iranische Zensur durchlaufen. Da gibt es sehr wohl Auflagen, vor allem, wenn er dann in die Kinos kommen soll. Und in dem Fall, es ist ein Dokumentarfilm, es ist Video, es geht um ein religiöses Ritual. Wir hatten es nicht so schwer im Großen und Ganzen. Aber es gab natürlich auch Momente oder Fälle, wo es schwierig war. Die Szene am Mohseni-Platz, diese letzte Nacht. Jungs und Mädels treffen sich, flirten, tauschen Telefonnummern aus und benehmen sich halt nach den Angaben des Regimes total daneben. Das ist so eine berüchtigte Szene. Dann kamen wir an, stattdessen war der ganze Platz großräumig abgeriegelt und es gab eine offizielle Propagandaveranstaltung mit Geschlechtertrennung. Darauf mussten wir erst mal reagieren. Jetzt haben wir eine andere Szene als die, die wir filmen wollten, wenn man uns in Ruhe hätte filmen lassen. Das war wirklich, dass wir auf Schritt und Tritt von Männern in Zivil und Uniform verfolgt und aufgehalten wurden, obwohl wir einen riesigen Stapel Drehgenehmigungen von allen möglichen Ebenen, vom Polizeichef von Teheran bis hin zum Kulturministerium hatten. Also da hat man gespürt, dass es sehr schwierig sein kann, wenn man nicht nach den Regeln spielt. Das war der einzige Moment.

 

Wie lange hat die Vorbereitung gedauert für diesen ambitionierten Dreh und gab es Änderungen im ursprünglichen Konzept?

Die Geißlerprozession

Ambitioniert, aber gleichzeitig relativ "Low-Budget". Ich hätte lieber einen viel teureren Film gemacht, nicht damit er teuer ist, sondern damit bestimmte technische Dinge einfach besser klappen. Ich bin froh, dass es auch so geklappt hat. Dieses Fest findet ja einmal im Jahr statt, d. h. allein von daher war es so, dass ich einmal eine Recherchezeit gehabt habe, wo ich eine Reise gemacht habe, mir alles noch mal angeschaut habe. Ich kenne dieses Ritual natürlich schon seit meiner Kindheit, Aber ich habe es mir vor Ort einfach richtig angeschaut und auch erste Protagonisten gesucht, die aber alle nicht in dem Film waren. Ein Jahr vorher hab ich diese Recherchereise gemacht, dann das Konzept entwickelt, Förderungen gesucht in Österreich. Zum eigentlichen Dreh war ich zwei Monate im Iran, wovon 20 Tage Drehzeit waren. Und in der Zeit hab ich wirklich die echten Protagonisten gefunden, Dreh vorbereitet und gefilmt. Also relativ kurzfristig vor Ort gefunden. Wobei dazwischen hab ich noch einmal eine Recherchereise gemacht. Über einen Zeitraum von insgesamt zwei Jahren ist das Ganze gegangen, bis der Film fertig war im Schnitt. Es ist interessant was die Protagonisten betrifft, hat sich alles geändert. Aber wenn ich mir das Ergebnis anschaue, ist alles dort wo ich es haben wollte, nur in einer anderen Form. Die Frauenfigur hätte ursprünglich für mich eine viel Frommere sein sollen, viel konservativer. Dann hatte ich eigentlich nur einen jugendlichen Charakter im Sinn, der so ein Zwischending gewesen wäre zwischen Milad und diesen Hippster-Jungs. Und dann wollte ich noch so einen Männertrauerverein, der so ganz traditionell ist. Die Moschee entspricht schon sehr stark meinen Vorstellungen, was ich von Anfang an auch wollte. Dieses sehr simple, altmodisch Traditionelle, wo noch von Vater zu Sohn tradiert wird. Was diese westlicheren Jungs angeht, diese sind als Protagonisten relativ neu dazu gekommen. Ich hab zwar diese Szene schon gekannt und fand es auch interessant. Aber ursprünglich dachte ich, dass es zu viel wegführen würde von dem Ritual, wenn man als Protagonisten so Figuren hätte, die eigentlich keinen religiösen Bezug haben zu dem Ganzen. Erst bei den Drehvorbereitungen in diesen zwei Monaten, habe ich immer wieder das Gefühl gehabt, diese Protagonisten dabei zu haben. Das ist so ein starkes Element, auch von dem, was es bedeutet in der Gesellschaft. Diese Art, dieses Ritual zu sehen oder diese Haltung, ist fast schon die Mehrzahl der jungen Leute. Und das ist kein Randphänomen. Deswegen war es wichtig, man kann es nicht negieren. Es muss einen Platz haben. Aber das war eine Protagonistengruppe, die es ursprünglich gar nicht gab.

 

Das Fest geht über wie viele Tage? Wie viele Kamerateams hatten Sie um die Protagonisten zu begleiteten?

Das Fest selber dauert ja zehn Tage, und wir haben auch schon vorher gefilmt. In den zehn Tagen gibt es zwei Tage, wo wirklich alles passiert oder viel passiert. In den Tagen davor ist viel Vorbereitendes. Also auch dieses Aufbauen vom Alam und dieses Schwarzverhängen der Moschee, das Einkaufen und das Kochen. Also es passiert alles auch schon vorher.Mit ein bisschen guter Planung war das schon möglich, über diese zehn Tage verteilt, und auch schon ein bisschen vorher, die richtigen Szenen zu bekommen in einem normalen Tempo. Was schwierig war, waren die letzten drei Tage vom Fest. Da haben wir teilweise mit zwei Kamerateams gearbeitet, wobei ich morgens mit dem einen Kamerateam, mit dem anderen bis spät nachts unterwegs war, weil sehr viele Veranstaltungen dann stattfinden. Am großen Tag, dem Ashura, waren wir mit drei Kamerateams unterwegs. Es gab ein Kamerateam, das in der Stadt herumgefahren ist und Prozessionen aufgezeichnet hat und Stimmungsbilder.

 

Wie stehen Sie zur kritischen Distanz im Dokumentarfilm? Möchten Sie als Regisseurin Ihre eigene Meinung einbringen und versuchen eine Richtung vorzugeben? Oder ist ihr Ansatz eher, die Menschen agieren zu lassen?

Ich möchte so wenig wie möglich manipulieren, und eigentlich möchte ich viel lieber mehr zuschauen und die Leute sein lassen. Aber das ist glaube ich eine Illusion, anzunehmen, dass meine Meinung da keine Rolle spielt. Also ich glaube, dass jeder Filmemacher, selbst ein total beobachtender Filmemacher, Haltung reinbringt. Allein diese Diskussion, wo stelle ich die Kamera hin, wie kadriere ich, wie viel filme ich und wo schneide ich. Das ist jedes Mal letztendlich eine Manipulation. Wen stelle ich überhaupt vor die Kamera. Ich maße mir nicht an, dass ich irgendwie komplett nur beobachte, obwohl meine Haltung schon eine sehr stark Beobachtende ist. Ich habe zum Beispiel kaum ein einziges Mal gesagt "Könntest du das bitte noch mal machen, weil wir haben's jetzt nicht aufgezeichnet!" Die Haltung war eher, wir haben's dann eben nicht aufgezeichnet. Man schneidet zwar Themen an, aber ich halte nicht viel davon. Zum Beispiel beim Interviewen. Ich frage natürlich, ich frage auch nach und ich möchte in eine bestimmte Richtung gehen. Das ist ganz klar, aber ich halte nicht viel von so Manipulativen. Wo man jetzt versucht, die Leute so zu lenken, dass jetzt unbedingt so ein Sachverhalt kommt, den man unbedingt haben möchte. Man schneidet das Thema an. Und wenn es das ist, was für den Protagonisten auch irgendwie wichtig ist, dann wird sich das Gespräch schon entwickeln. Man kann so was nicht aus den Leuten rauspressen. Das Positive, was ich immer wieder höre über den Film ist, dass die Leute so natürlich sind. Und man hat das Gefühl, da ist eine Vertrauensbasis. Ich glaube, das hat auch was damit zu tun, dass ich eben die Leute nicht dränge. Sie merken schon, ich will jetzt nicht irgendwas rauspressen aus ihnen, was meine Meinung ist. Sondern ich bin wirklich interessiert zu hören, was sie sagen und worüber sie reden wollen. So öffnet sich das. Und man bekommt so viele interessante Szenen und so viele interessante Aussagen, die man sonst gar nicht gekriegt hätte, wenn man jetzt mit Scheuklappen nur sein Konzept durchsetzen will. Natürlich hat man ein Konzept, natürlich will ich, dass über dieses Thema geredet wird. Ich hab ja auch eine Struktur im Kopf, wie der Film geschnitten werden soll. Aber wenn man die richtigen Leute aussucht und sie in die richtige Situation stellt, dann passiert alles weitere von alleine. Da muss man gar nicht mehr viel tun.

 

Frau Mortezai, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Interview geführt von Roderik Helms

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