Nein, Hitchcock hat den Begriff nicht erfunden, wohl aber seine meisterliche, nahezu industrielle Anwendung für das Kino. Wozu ist Suspense gut und wie setzt man sie ein? Ganz gleich ob Literatur, Theater oder Film, Suspense (Englisch, bedeutet "Gespannt sein") gehört zu den wichtigsten Techniken, um Menschen in ein dramatisches Geschehen hinein zu ziehen.

 

Grundsätzlich gehört Suspense damit zu den Techniken, die Autor-inn-en und in Folge eben auch Filme verwenden, um bei den Zuschauern ein lebhaftes, vielleicht besorgtes Interesse, wenn möglich sogar Spannung zu erwecken. Für die Erzeugung von Spannung ist Neugier beim Zuschauer notwendig, es müssen also Dinge geschehen, über die die Zuschauer unbedingt mehr erfahren wollen. Oder anders ausgedrückt,- die Zuschauer bekommen einige Informationen und aus denen Fragen entstehen.

 

Grundformen der Spannungserzeugung

 

Wenn man beispielsweise zu Beginn eines Filmes sieht, wie ein junger Mann im Halbdunkel bei Nebel und Regen durch die Fußgängerzone eilt, so erlauben diese Informationen grundsätzlich noch kein Gefühl von Spannung. Die Zuschauer können annehmen, der junge Mann habe es eben eilig und wolle nicht nass werden. Es sei denn, man bekommt mit, dass dieser junge Mann sich immer wieder nach hinten umschaut, weil er Angst hat, verfolgt zu werden. Denn dann stellt man sich die Fragen, wovor hat dieser Mensch Angst und wohin will er so eilig?

 

Wenn man dann noch mitbekommt, wie er zielgerichtet eine Bushaltestelle ansteuert und dort, möglichst ohne aufzufallen, hinter dem Ticketautomaten nach etwas tastet und schließlich einen schmalen Umschlag hervorzieht, den er unter seiner Jacke verschwinden lässt, stellen sich die Zuschauer weitere Fragen. Was ist in diesem Umschlag und wer hat ihn dort deponiert?

 

Will man die Spannung weiter erhöhen, so lässt man den jungen Mann nun durch schmalere, weniger bevölkerte Straßen eilen und bringt nun ein Fahrzeug ins Spiel, welches ihn mit ausgeschalteten Scheinwerfern in gebührender Entfernung offensichtlich verfolgt. Die Zuschauer wollen wissen, wer den jungen Mann verfolgt und warum.

 

Je nach Sujet könnte der junge Mann im letzten Moment vor dem plötzlich heranrasenden Fahrzeug in einen Hauseingang hechten und durch den Hausgang in den Hinterhof flüchten, wo er, während man Reifen quietschen, Autotüren und schnelle Schritte der Verfolger hört, angsterfüllt über eine Hofmauer klettert.

 

Alle in diesem kleinen Beispiel gegebenen Informationen verwerten die Zuschauer im Idealfall, um die Wissenslücken die sie haben zur Figur und den Motiven, zu schließen. Viele Kriminalfilme arbeiten damit. Doch keine dieser bisher angewandten Techniken ist Suspense. Diese geht ein paar Schritte weiter, kann noch viel mehr...

 

Besondere Variante

 

Hitchcock arbeitete zu Recht mit Suspense, der vorahnenden Spannung, die für ihn weitaus effektiver schien, als das Eintreten eines dramatischen Ereignisses. Wenn er den Zuschauern gerade genügend Informationen gab, dass sie ein, beispielsweise eine der Filmfiguren bedrohendes konkretes Ereignis befürchten mussten, so fieberten die Zuschauer über eine relativ lange Zeitspanne hinweg, dem Ausgang dieser Entwicklung entgegen.

 

Wenn die Zuschauer beispielsweise sehen, wie die Träger der Eisenbahnbrücke von Terroristen angesägt werden und danach, wie die Filmhelden im Zug sitzen, der in Kürze über genau diese Brücke fahren wird, dann entsteht im Zuschauer diese Mischung aus Vorausahnen und Befürchten, welche ohne großen Einsatz von Spezialeffekten maximale Spannung erzeugt.

 

Allerdings ist es nicht ganz unwichtig, dass die Zuschauer eine emotionale Bindung zu der oder den Figur-en aufbauen, sonst fürchten sie nicht, dass dieser / diesen etwas geschehen könnte. Man muss die Filmfigur also bereits ein wenig kennengelernt haben, Suspense lässt sich deshalb nur schwer bis gar nicht in den ersten Minuten eines Filmes etablieren.

 

Damit wird bereits klar, Suspense hat nichts mit oberflächlichem Horror zu tun, sie arbeitet feiner und nachhaltiger.

 

Unterschiede der Spannungserzeugung

 

Hitchcock unterschied in seinen Überlegungen zur Spannungserzeugung zwischen der Überraschung (Surprise), dem Gespannt sein (Suspense) und dem Geheimnis (Mystery).

 

Die Überraschung tritt im Film plötzlich ein und wirkt deshalb eben nur in dem kurzen Moment, in dem sie geschieht, dramatisch. Wird Jemand in einer Filmszene völlig überraschend erschossen, explodiert unerwartet eine Bombe, so ist die Spannung die dadurch für den Zuschauer entsteht, recht kurz. Auch Alfred Hitchcock arbeitete hier und da mit dem Moment der Überraschung, etwa wenn in "Psycho" (1960) die Sekretärin Marion Crane (Janet Leigh) unvermittelt unter der Dusche von dem seltsamen Motel-Betreiber Norman Bates (Anthony Perkins) brutal erstochen wird. Die Schlüsselszene des Films setzt genau auf diesen Überraschungs-Schock-Effekt.

 

Suspense dagegen arbeitet gerade nicht mit dem Überaschungseffekt, sondern mit der Erwartung. Das würde in einem Filmbeispiel bedeuten, dass der Zuschauer bereits weiß, dass ein Killer seine Waffe just im Nebenraum der Bar vorbereitet, die unsere Hauptfigur in Kürze betreten wird. Für die maximale Wirkung ist es wichtig, dass die Zuschauer mehr wissen, als die Filmfiguren. Die Zuschauer ahnen etwas und befürchten, dass es eintritt. Aber sie wissen nicht, wie die Situation ausgehen wird. Sie hoffen und sie fürchten. Die dramatische Wirkung ist entsprechend lang anhaltender. Und natürlich muss die Bedrohung groß und die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintritt möglichst groß sein.

 

Ja und das Geheimnis (Mystery) beruht auf Informationen, die die Zuschauer erst gar nicht bekommen, weshalb sie über den Film hinweg rätseln, etwa wer die Person X weshalb wohl ermordet hat. Man kann also sagen, dass das Geheimnis im Vergleich zu der Überraschung, die extrem kurzatmig ist, und der Suspense, die durchaus einige Minuten lang anhalten kann, den längsten, bis zum Schluss anhaltenden, nicht aber stärksten Spannungsreiz ausübt.

 

Spitze des Eisbergs

Tatsächlich sind dies natürlich nur sehr grobe Basisunterscheidungen. Über die tatsächlichen Spannungsgrade in Filmen entscheiden sehr viele weitere Momente, bei denen etwa das Unbewußte, die Psychoanalyse, die Leerstellen und natürlich auch die Visualisierung und die Inszenierung entscheidene Faktoren sind.

 

Filme sind komplexer als dramaturgische Grundregeln, doch ohne diese sind spannende Filme eben auch nicht möglich.

 

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