Bildkomposition

  • LitelefonframeOb man nun von Kadrage, Framing oder Bildausschnitt spricht, es ist eines der wichtigsten visuellen Gestaltungsmittel des Kinos

  • Hintergründiges

    Hintergrund und Vordergrund

    Wenn die Aufmerksamkeit geteilt ist, achtet man weniger auf die Hauptfigur.

    Irgendwie ist er immer da und taucht in unzähligen Variationen in allen Film- und Fernsehfilmen auf: der Hintergrund. Man kann ihn gar nicht vermeiden, nicht aussparen, bildet er doch die grafische Unterlage für unsere Filmhelden, Antipoden, Moderatoren und gefilmten Objekte. Bemerken tun wir ihn zumeist nur, wenn er besondere dramaturgische Aufgaben übernimmt oder aber schlicht und einfach stört. Letzteres kennt man vor allem von Live-Schaltungen, bei denen plötzlich im Hintergrund Unverhofftes geschieht. Jemand irgendwo hinter der Hauptperson der Aufnahme schaut in die Kamera oder winkt, Zootiere knabbern am Hemd des Moderators.

     

     

    Auch wenn die Versuchung groß ist: Akzeptieren Sie nie blind, was im Sucher Ihrer Kamera geschieht! Nicht in Bezug auf Ihre Schauspieler, Moderatoren oder Objekte und auch nicht in Hinblick auf deren Hintergrund. Für die Wirkung einer Aufnahme oder eines ganzen Filmes auf den Zuschauer ist die Gestaltung des Bildes oftmals wichtiger als der Inhalt. Formen, Flächen, Strukturen, Symbole und Farben müssen die Filmfiguren unterstützen. Die Bildgestaltung macht das Bild und damit Ihre gewünschte Aussage lesbar.

     

    Unerwünschte Aussagen

    Stören können auch erwünschte Objekte, Details im Hintergrund, die man dem Zuschauer nicht zeigen möchte. Das hochoffizielle Interview mit einem Firmenmanager im Konferenzraum verliert deutlich an Aussagekraft, wenn im Hintergrund ein übervoller Mülleimer mit Joghurtbechern und Bananenschalen steht, die Tischdecke hässliche Kaffeeflecken aufweist. Im szenischen Bereich, in welchem man aktiver in die Auswahl der Drehorte eingreift als im Dokumentarischen, achten Ausstatter, Kamera und Regie darauf, dass die Hintergründe die Aussage der jeweiligen Einstellung bzw. Szene unterstützen. Dass man seine Drehorte optimal auf die Szenen hin abstimmt, versteht sich von selbst, doch in welcher Weise dann diese Location im Hintergrund zu sehen sein wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

     

    Ablenkungen

    Ablenkende Hintergründe

    Unterschiedliche Hintergründe können die Konzentration auf die Person unterstützen oder auch reduzieren. Links eher ungünstige, rechts geeignete Beispiele

    Doch nicht nur Hässliches, Unschönes, auch Interessantes, ja, Attraktives kann von den Hauptpersonen in Aufnahmen ablenken. Farbige, glänzende, leuchtende Objekte, geometrische Konstellationen, Dreiecke, deren Spitzen irgendwo hindeuten, Tiere, Kinder,... Es gibt vielfältige visuelle Konkurrenz in der realen Welt.. Oft kann man sie durch eine Änderung der Kameraposition, der Schussrichtung oder auch durch einen engeren Bildausschnitt aussparen. Ein weiterer Weg wäre die Verringerung der Schärfentiefe, um den Hintergrund aus der Aufmerksamkeit zu nehmen.

     

    Kadrage auch im Hintergrund

    Die Regeln des goldenen Schnitts haben auch in der Hintergrundgestaltung ihre Bedeutung. So sollte bei Außenaufnahmen der Horizont nie in der Mitte liegen, sondern stets entweder auf der unteren oder oberen horizontalen Drittellinie. Für welche Variante man sich entscheidet, hängt stark von dramaturgischen Erwägungen ab. Nimmt der von stürmischen Wolken gepeitschte oder duftig sommerliche Himmel oben zwei Drittel des Bildes ein, so unterstützt dies eine andere Aussage, als wenn man etwa den trockenen ausgedörrten Boden oder das aufgewühlte Meer unten mit zwei Dritteln des Bildes betont.

     

    Mut zur Veränderung

    An beinahe allen Filmsets kann man mitverfolgen, wie Kamera, Requisite und Ausstattung sich miteinander darüber verständigen, wie der Hintergrund optimiert werden kann. Da werden Tische, Stühle, Vasen verschoben, werden Dinge verhängt, ins Bild geschoben, abgeschattet, beleuchtetv - die Komposition des Hintergrundes wird ebenso ernst genommen wie die übrige Bildgestaltung. In der Schwarzweißfilm-Ära wurden auch schon mal Bühnenmaler beim Studiodreh rasch beauftragt, den Hintergrund heller oder dunkler zu streichen. Heute werden ganze Fotohintergründe, die geplottet oder gesprayt wurden (ähnlich den riesigen Werbetransparenten an Baugerüsten), nach den Bedürfnissen von Kamera, Ausstattung und Regie mit realen Gebäudeteilen im Vordergrund kombiniert.

     

    Klarheit

    Linien im Hintergrund

    Diagonale und senkrecht kreuzende Linien sind ein Garant für visuelle Unruhe, auch im Hintergrund.

    Man sollte seine Hintergründe wenn möglich einfach halten. Unruhige, detailreiche, bunte schraffierte Hintergründe lenken von dem Hauptsubjekt ab. Denkbar ungünstig ist auch ein laufender Fernseher oder eine schnelle Reklameleuchtschrift. Lässt sich solch ein ungünstiger Hintergrund nicht vermeiden, muss man mit technischen Mitteln versuchen, ihn weniger wichtig zu machen. Dies kann etwa durch die Lichtführung geschehen, indem man den Hintergrund etwas unterbelichtet oder durch die Schärfentiefe, die, wenn sie gering ist, den Hintergrund diffuser und damit unwichtiger macht. Dafür ist es wichtig, dass der Abstand zwischen der aufgenommenen Person und dem Hintergrund ausreichend groß ist. Steht die Person unmittelbar vor einer Wand oder einem sehr unruhigen Regal, hat man kaum Möglichkeiten, diesen Hintergrund unbedeutender zu machen.

     

    Auch die Kadrage kann helfen, wenn deutlich mehr von der Person zu sehen ist als vom Hintergrund, also etwa in einer Nah- oder Großaufnahme (vorausgesetzt solche Nähe ist dramaturgisch vertretbar).

     

    Planung

     

    Schärfentiefe im Hintergrund

    Geringe Schärfentiefe kann helfen, unruhige Hintergründe erträglich zu machen und die Konzentration auf die Filmfigur zu richten.

     

    Wenn die Möglichkeit besteht, die Drehorte, die Motive sorgfältig auszusuchen, ja, zu gestalten, vielleicht sogar zu bauen, dann besteht die Chance, dem Hintergrund eine wichtige Rolle zukommen zu lassen. Stanley Kubrik etwa gilt als einer der Regisseure, die dem Raum eine besonders große Bedeutung beigemessen haben. Er fasste die Räume als eigene Spielfiguren seiner Geschichten auf und räumte ihnen entsprechend viel Platz in seinen Filmen ein. Seine Hintergründe wurden zu psychischen Bausteinen, waren emotionale Funktionsträger. Will man etwa die Distanz zwischen zwei Menschen, die am jeweils anderen Ende eines langen Tisches sitzen, unterstreichen, so schneidet man nicht zwischen ihnen hin und her, sondern man schwenkt langsam vom einen zum anderen und lässt damit den leeren Hintergrund zur bleiernen visuellen Trennmauer zwischen diesen Menschen werden.

     

    Und nicht zuletzt kann man ja die Störung im Hintergrund auch bewusst einsetzen - etwa bei Doku-Fakes, indem man scheinbar zufällige Geschehnisse in den Hintergrund der angeblichen Handlung verlegt, welche der Zuschauer beinahe zufällig mitbekommt und deshalb für authentisch erachtet. Woody Allen taucht so in seinem Film vom menschlichen Chamäleon, "Zelig", mehrmals im Bildhintergrund prominenter Personen der Zeitgeschichte auf. Eine gefakte Reportage bekommt durch scheinbare Passanten, die im Hintergrund in die Kamera lächeln und winken, erst die richtige Glaubwürdigkeit.

     

  • Die Vorbilder

    Bild von Carl Lutz

    Lange vor der Erfindung des Films haben sich Künstler mit der Komposition von Bildinhalten beschäftigt. Gemälde: Carl Lutz

    Lange vor dem Kino haben Maler sich damit beschäftigt, wie man eine gegebene Bildfläche optimal gestaltet. Analysiert man eine Vielzahl von Gemälden von der Renaissance bis heute auf ihre Bildgestaltung hin, fällt auf, dass die präzise Bildmitte in Hinblick auf die Bildaussage zumeist uninteressant ist. Das Gesetz vom goldenen Schnitt fordert gar die Vermeidung der Bildmitte.

     

    Diagonalen und Bögen steuern sehr häufig die Aufmerksamkeit des Betrachters. Einzelne Betonungen von Bildinhalten, seien es Objekte oder Personen, finden zumeist einen Gegenpart auf der jeweils entgegengesetzten Bildhälfte.

     

    Die Gewichtung innerhalb eines Bildes spielt dabei eine wichtige Rolle. Hier wird nur teilweise ausgeglichen, der Widerstreit verschiedener bildwichtiger Elemente ist scheinbar das Salz in der Suppe, das was unser Auge an einem Bild fesselt.

     

    Wenn wir einmal die unterschiedlichen Stile ob Realismus oder Expressionismus außer acht lassen, so sind Größe, Form, Helligkeit und Farbe sowie die Platzierung innerhalb des Bildes wichtige Kriterien dafür, wie unser Auge sich innerhalb eines Bildes bewegt, und wie wir es empfinden.

     

    Balanceakt

    Wenn man beim Betrachten eines Bildes die Augen etwas zukneift, sieht man deutlicher die Kontrast- und Farbverteilung in einem Bild.

    Gemälde mit Diagonalen

    Helle und dunkle Elemente Bögen und Diagonalen vermitteln Unruhe und Dynamik. Gemälde: Maiford

     

    Um so stärker sich die Bildkomposition in Richtung einer ausgeglichenen Balance der Elemente annähert, wie etwa das obere Bild von Carl Lutz, desto ruhiger wirkt es auf den Betrachter.

    Je stärker die Elemente miteinander konkurrieren, oder um eine scheinbare Ausgeglichenheit ringen, desto aktiver oder sogar unruhiger wirkt es auf uns. Die nebenstehende Nachtstimmung des norddeutschen Malers Maiford belegt dies deutlich.

     

    Wenn Sie von den Erfahrungen vieler Jahrhunderte Bildgestaltung profitieren wollen, sollten Sie bei Ihrem nächsten Museumsbesuch (real oder virtuell) einmal verstärkt auf den Bildaufbau achten. Die Parallelen zu zahllosen heutigen Filmbildern sind verblüffend.

     

    Bildformat

    Natürlich hat auch das jeweilige Bildformat Einfluss auf die Kameraarbeit. Bis heute besitzt die überwiegende Zahl der Fernsehgeräte ein Bildseitenverhältnis von 4:3. Ein Seitenverhältnis, welches in der Malerei in ähnlicher Form durchaus anzutreffen war und ist. Inzwischen hat sich im Fernsehbereich ein anderer Standard, zumindest aufnahmeseitig, etabliert. Viele Kameraleute, die nie für das Kino gearbeitet haben, wussten nicht wirklich, wie sie sich auf das sich langsam immer stärker durchsetzende 16:9 Format einstellen sollten.

     

    Schließlich verbreiterte sich das von ihnen vielleicht über Jahrzehnte gestaltete bisherige TV-Bild um rund 30%. Inzwischen ist 16:9 bei TV-Produktionen sehr häufig anzutreffen und im Kinobereich ist seit Breitwand mit 1:1,85 und Cinemascope mit 1:2,35 das breite Bild schon lange etabliert und wird bei der Konzeption der Bilder selbstverständlich optimal genutzt.

     

    Bildaufbau

    Dreiecke und Diagonalen- Standfoto 'Midsommar-Stories' Kamera: Stephan Spreer

     

    Wie unterscheidet sich nun die Wirkung auf den Zuschauer zwischen 4:3 und 16:9 ? Beim klassischen Fernsehformat vermittelt sich stets der Eindruck eines schmalen Fensters, durch das man schaut, während 16:9 eher einer breiten Schaufensterscheibe entspricht. Der Raum gewinnt stärker an Bedeutung.

     

    Rahmenlos

    Der Fenster-Vergleich bildet auch sehr gut dem Umstand ab, dass beim Fernseher die Bildschirmbegrenzung dem Fensterrahmen entspricht. Diesen Rahmen nimmt man bei 16:9 weniger war und man kann ihn durch gezielte Optimierung der Bildgestaltung noch weiter zurückdrängen.

    Ein Mittel, die Begrenztheit des Bildfeldes zu überwinden besteht darin, Objekte oder Personen, die sich am Bildrand befinden, und nur teilweise abgebildet sind, werden vom Zuschauer in seiner Imagination über den Bildrand hinaus ergänzt. In nebenstehendem Bild sind der Tänzer links und die Tänzerin rechts (schwarzes Kleid rechter Bildrand) angeschnitten.

     

    Dies gilt ausdrücklich nicht für Nahaufnahmen von Personen, der Wunsch, die Augen der Filmfiguren zu sehen, ist absolut vorrangig. Augen sollten, wenn Personen dem Zuschauer zugewandt sind, möglichst paarweise zu sehen sein.

     

    Geometrie

    Räumliche Staffelung

    Die Positionierung der Personen und die räumliche Staffelung. Standfoto aus 'Franta', Kamera: Immo Rentz

     

    Der Bildhorizont bei breiten Formaten ist deutlich weiter und sollte auf keinen Fall mittig kadriert werden. Bei Landschaft etwa bedeutet es, dass die Trennlinie von Landschaft zum Himmel stets oberhalb oder unterhalb der horizontalen Bildmitte liegen sollte. Was uns die Regel vom goldenen Schnitt bereits bei 4:3 verbietet, gilt beim breiteren Bild umso mehr.

     

    Auch Senkrechte Linien die mittig sitzen, etwa eine Säule oder eine ein Türholm im Bild sind ungünstig. Auch vertikale Muster (Jalousien, Zäune oder Holzpanele) machen sich nicht wirklich gut. Andererseits steht für die bewusste Gestaltung mit Horizontalen, vertikalen und Schrägen einfach mehr Raum zur Verfügung.

     

    Personen im breiten Bildformat

    Das breitere Bild verändert deutlich die Wahrnehmung des Zuschauers. Insbesondere ist die Mittelposition gravierender, schwerer als bei einem 4:3 oder 1:1,33 Bildformat. Die Mittelachse ist wesentlich stärker definiert. Deshalb ist es schwieriger eine ausgewogene Bildkomposition zu erzielen.

    Auch die Wege der Filmfiguren ins Bild hinein oder heraus können länger ausfallen und damit größere optische Dynamik entfalten.

     

    Bewegungen

    Einer der wichtigsten Unterschiede zur Malerei ist, neben dem fotografischen Verfahren, sicher in der Fähigkeit des Films begründet, Bewegungen aufzuzeichnen. Finden im Breitbild Bewegungen, insbesondere der Kamera oder der Optik (Zoom) statt, so darf man nicht unterschätzen, dass der Zuschauer durch die sichtbare Veränderung deutlich mehr Informationen aufnehmen und abgleichen muss.

     

    Schnelle Schwenks oder Zufahrten, die bei 4:3 noch funktionieren, können bei 16:9 bereits als störend empfunden werden. Häufig finden Bewegungsabläufe bei breitem Bildformat etwas langsamer statt als bei 4:3. Ausnahme sind Bewegungen, die hohes Tempo oder Hektik vermitteln sollen, da ist das fehlende Erfassen aller Bildinformationen Bestandteil der Aussage.

     

    Bildtiefe

    Bei einem breiten Bildformat ist es wichtiger als bei 4:3, eine genaue Planung der Ebenen, Vorder, Mittel und Hintergrund vorzunehmen. Dass der Raum mehr Bedeutung erhält, betrifft eben nicht nur die Breite, sondern auch die Tiefe des Bildes.  Ausstattung, Requisite, Kostümbild, Kadrage und Lichtkönnen hier dazu beitragen, eine dichte Komposition herzustellen.

     

Workshops 2019

Viel Kreatives vor? Mit Movie-College Hands-On Workshops Filmlicht, Filmton/Location Sound, Kamera, Drehbuch u.v.a, kann man sein Knowhow spürbar verbessern und stärkere Filme machen.