MC18 NOV17x2

Social Media Icons Shop 55

 

Die Mitte

 

Regie: Stanislaw Mucha, 85 min., Dokumentation, Deutschland 2004

Kinostart: 27. Mai 2004

Auf der Suche nach der "einzig und wahren" Mitte Europas begibt sich Stanislaw Mucha mit seiner Crew kreuz und quer über den Kontinent. Dieses Vorhaben entpuppt sich jedoch als sehr schwierige Angelegenheit, denn schon alleine in Deutschland beanspruchen mehrere Orte diesen Titel für sich. Und auch über Deutschlands Grenzen hinaus wird das Team rund um den polnischen Regisseur fündig. Die Reise führt nach Griechenland, an das Nordkap, nach Portugal, Russland, Polen, Litauen, Österreich, in die Slowakei und die Ukraine.

Mit dem Abenteurer voller Spuren und Irrtümer, mit tragischen Geschichten der Einwohner und urkomischen Szenen gelang Mucha ein Film über Lebensweisen und religiöse Glaubensriten der Menschen. Irrtürmer auf ganzer Linie? Die Begegnungen mit den Einwohnern entpuppen sich auf der einen Seite als traurig, auf der anderen Seite widerum als super witzig. So betrachtet zum Beispiel eine Familie aus "Europas Centro" bei Vilnius (Litauen) Europa als "Scheusal" und trauert um den Untergang der Sowjetunion. Ein anderer Mann sieht sich selbst als Wunderheiler und hat nach eigenen Aussagen eine Menge zu tun in der "Alten Mitte" in Rachiv (Ukraine). Denn dort leiden viele Menschen unter "Schwermut, Impotenz und lästigen Dämonen". Spontan muss auch Stanislaw Mucha dran glauben und begibt sich vor die Kamera, um sich als Versuchskaninchen von Herrn Mofar liebesbringende Mittel verschreiben zu lassen... Auch sehr rührend fing die Kamera die Szene einer alten Frau am Fernseher ein, die verzweifelt drauf wartet, dass ihr Sohn das Kabel draußen so bewegt, dass man Bilder sehen kann. Man hat so sehr Mitleid mit der alten Frau, die leicht Verlegen auf der Coach sitzt, dass man ihr am liebsten sofort einen neuen Fernseher besorgen möchte.

Wunderbare 80 Minuten erzählen von so vielen Orten und Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch eines gemeinsam haben: die "Mitte Europas". Sehr amüsant auch Muchas Eintreten in das Geschehen, wobei er nicht nur witzige Momente (wie beim Wunderheiler), sondern auch heikle Situationen (durch derbe Beschimpfungen einer alten Frau auf der Straße) gut meistern kann.

Eine riskante Aktion geleitet von einer Satelitenberechnung, die ein wenig an das "Blair Witch Project" erinnert, bildet das Ende des Films. Die aktionreiche Suche führt durch Gestrüpp und Unterholz eines Waldes, voller Erwartungen auf die "Wahre Mitte". Schnelle Bilder und eine wackelige Kameraführung lassen die Spannung des Zuschauers fast zum Überkochen bringen. Man wartet auf den plötzlichen Fund und wird enttäuscht von einem apprupten Ende. Doch darauf kommt es gar nicht mehr an, denn wozu noch eine Mitte? Im Laufe des Films wurden viele Mitten gefunden, die auf ihre Art und Weise einzigartig sind, und nicht auf Satelitenberechnungen, sondern auf Überzeugung und Emotionen beruhen.

Auch wenn die Suche nach "Der Mitte" zwischenzeitlich ein wenig in Vergessenheit gerät, weil die jeweiligen Menschen eigentlich viel wichtiger sind (der Traum von einer einzigen Mitte hat sich ja mitlerweile erledigt), zieht sich doch ein kleiner Faden durch den Film, der zum Schluß zum eigentlichen Ziel zurückfindet.

 

Gesehen von Caroline Klenke

Banner K Kreativtraining pur 5000

Kameraworkshop Banner 8 23 4000

Weitere neue Artikel

So wie einst die Nagra den Filmton revolutionierte, hatten die britischen Mischpulte die Arbeit an Filmsets radikal verändert.

Es ist schon etwas besonderes, wenn der Titel eines Films aus seiner Handlung oder seinen Dialogen entspringt...

Unsere Welt, das Leben um uns herum bietet unzählige spannende Geschichten, die geradezu danach rufen, verfilmt zu werden...

Krise oder Transformation? Ein Plädoyer für neue Formen des Dokumentarischen

Sie ist eine der ältesten Techniken, um realistische Animationen zu schaffen: Die 1914 erfundene Rotoskopie.

In Filmabspännen stehen oft viele Producer. Was machen die eigentlich alle und welche Unterschiede gibt es?

Was können sie und was können sie nicht? Rückblenden als Bruchstellen der filmischen Illusion

Welche Weihnachtsfilme werden wohl in diesem Jahr auf uns herniederschneien? Wir haben Euch den ultimativen Timetable zusammengestellt....

Der Begriff klingt bescheiden. Was macht ihn so entscheidend für die Fähigkeiten und das Funktionieren von Technik?

In diesem Interview erzählt uns der Regisseur Kevin Koch ein paar Hintergründe zu der Entstehung seines Films "Prince de la Ville", der auf der FOFS 2025 gezeigt wurde.

Auf dem FOFS 2025 teilte der Regisseur Willy Fair seine Geheimnisse mit uns, wie sein preisgekrönter Film "Death's Peak" entstand.

Die Filmgeschichte war noch jung, als erste Stummfilme künstlich erschaffene Wesen als Thema entdeckten. Wie die Roboter im Kino Karriere machten...

Der Film "Jumah" erzählt von Xingyue, die sich in Zentralchina als Außenseiterin fühlt. Wir hatten beim FOFS 2025 Gelegenheit mit den beiden Regisseurinnen zu sprechen

Nicht wenige Tonmeister meinen, es sei das beste Großmembran-Stereomikrofon der Welt. Was macht es so besonders?

Nicht immer braucht es ein hohes Budget um an der Kinokasse viel Geld einzuspielen. Welches waren erfolgreiche Low-Budget Filme?

Kurzfilme auf Filmfestivals einreichen ist gar nicht so einfach,- wie kann man seine Chancen verbessern?

Sie gehören untrennbar zur Ikonographie des Horrors: Zombies. Die Rückkehr der – nicht mehr ganz so frischen – Toten ist ein popkultureller Dauerbrenner.

Adobe baut seine Firefly KI zu einem Produktionszentrum aus und erfüllt damit viele Wünsche...