
Bewegte Einzelbilder
Animation ist bereits seit den frühen Anfängen der Filmtechnik ein Bestandteil des analogen Films. So werden bei Émile Reynauds Praxinoskops (1877) als auch Eadward Muybridges Zoopraxiskop (1879) einzelne Bilder zu einer fließenden Bewegungsabfolge animiert. Bei Reynauds Praxinoskop wurde an der Außenwand eines oben offenen Zylinders eine entsprechende Bildfolge angebracht, die durch die Rotation des Zylinders in Bewegung gesetzt wurde. Durch Spiegel in einem Prisma in der Mitte des Zylinders wurden die Dunkelpausen zwischen den Bildern verhindert und eine ruhigere Bildabfolge trotz des Drehens der Trommel war möglich. Muybridges Zoopraxiskop war ein scheibenförmiges Stroboskop, das mit einer Glühbirne ausgestattet war, um die Bilder zu projizieren. Muybridge fotografierte durch die Anordnung mehrerer Kameras Pferde und weitere Tiere in ihren einzelnen Bewegungsabläufen - eine Revolution in der Fotografie. Ein Teil der Öffentlichkeit zweifelte jedoch an der Echtheit der Aufnahmen – weshalb Muybridge das Zoopraxiskop entwickelte.
Damit die Bilder wie aufgenommen und nicht verzerrt projiziert werden konnten, musste Muybridge seine Aufnahmen aus einem Weitwinkel fotografieren und die Papierabzüge anschließend entgegen der Verzerrungen durch die Projektion knicken, um diese korrekt darzustellen. Die angepassten Bilder wurden dann in ihrer Bildabfolge auf einer runden Platte angeordnet, auf die eine Glasplatte gesetzt wurde. Auf dieser Glasplatte wurden wiederum die jeweiligen Bilder per Hand nachgezeichnet. Die authentische, flüßige Darstellung und Bewegungsabfolge dieser Zeichnungen bewies die Arbeit Muybridges – war zugleich ein bedeutsamer Schritt für die Filmtechnologie und im Grunde auch der erste Zeichentrickfilm.
Der erste, offizielle Zeichentrickfilm entstand 1906. In Stuart Backtons „Humorous Phases of Funny Faces” werden Kreidefiguren auf einer Tafel mittels Stop-Motion und Cutouts zum Leben erweckt. Diese Animationen waren wegweisend, aber auch steif und in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Um realistischere Animationen zu schaffen, entwickelte Animationspionier Max Fleischer 1914 die Rotoskopie. Ähnlich wie beim Zoopraxiskop werden dabei einzelne Aufnahmen auf einer Glasplatte nachgezeichnet. Diese Aufnahmen werden über einen Projektor auf die Rückseite der Platte projiziert.
Für seine Serie „Out of the Inkwell“ (1918 – 1927) steckte Fleischer seinen Bruder Dave in ein Clownskostüm, dessen Live-Aufnahmen als Referenz für die Figur „Koko der Clown“ genutzt wurden. Rotoskopie ermöglichte deutlich weichere Animationen und einen höheren Detailgrad, der durch seinen Hyperrealismus aber auch einen gewissen Uncanney-Valley-Effekt, also ein Unbehagen infolge einer verzerrten menschlichen Darstellung, auslöste.
Weitere Nachteile lagen in der Dauer, die Zeichnungen mühsam anzufertigen – schon ein Fehler konnte zur Folge haben, dass die Animationen wackelten und die Rotoskopie wieder von vorn begonnen werden musste.
Wegweisend in allen Bereichen

Trotz dieser Schwächen war die neue Technik hilfreich und wegweisend – sowohl für den Zeichentrickfilm als auch für Spezialeffekte in Realfilmen. So etwa bei Walt Disney‘s „Schneewittchen und die Sieben Zwerge“ (1937). Die Fleischers wollten mit dem Siegeszug Disneys mithalten und verwendeten ihre Technik für den Zeichentrickfilm „Gullivers Reisen“ von 1939. Da sich der Film jedoch als Flop erwies, produzierten die Fleischer-Brüder fortan nur noch Serien und Kurzfilme – darunter der revolutionäre „Superman“-Short von 1941.
Animationsregisseur Ralph Bakshi nutzte die Rotoskopie für die meisten seiner Filme, darunter „Fritz the Cat“ (1974) und die erste Adaption von „Der Herr der Ringe“ (1978) – für realistischere Animationen, die bspw. Bei „Fritz the Cat“ den real-gesellschaftlichen Bezug herausstellten, aber auch, um Kosten zu sparen.
Science-Fiction Filme wie „Star Wars“ (1977) und „Tron“ (1982) nutzten das Verfahren, um ihre distinktiven Spezialeffekte zu erzielen. In „Star Wars“ wurden beispielsweise die Lichteffekte der Lichtschwerter mittels Rotoskopie erzielt, gleiches gilt für die Licht- und Farbeffekte in den Realszenen innerhalb der Computerwelt von „Tron“. Martin Scorsese verwendete die Technik 1975 wiederum in seiner Dokumentation „The Last Waltz“, um Kokain an Neil Youngs Nase zu retuschieren.
Auch für zahlreiche Musikvideos wurde die Technik verwendet, etwa a-ha‘s „Take On Me“ (1985), um einen einheitlichen und realistischen Animationsstil im Zusammenspiel mit den Realszenen zu erzielen. Mit dem Aufkommen von computergenerierten Spezialeffekten wurde die Rotoskopie in Form des Motion Capturing weiterentwickelt. Dabei wird ein Schauspieler vor Blue- bzw. Greenscreen in einen speziellen Mo-Cap-Anzug gesteckt und mit Sensoren versehen.
Dessen Bewegungen werden dabei aus verschiedenen Perspektiven gefilmt und digital in ein 3D-Softwareprogramm übersetzt. Motion Capture erlaubt es, feinere und realistischere Bewegungsabläufe und Mimiken auf eine virtuelle Figur zu übertragen und diese so nahtloser in digitale oder reale Welten einzufügen. Bekannte Beispiele sind etwa Andy Serkis als Golum in Peter Jackson’s „Lord of the Rings“ (2001) oder Bill Nighy als Davy Jones in „Pirates of the Carribean 2: Dead Man’s Chest“ (2006).
Doch auch die klassische Rotoskopie kommt weiterhin zum Einsatz. Dabei wird auch oft gezielt der verfremdende Effekt der Technik genutzt. Ein aktuelles Beispiel findet sich in der Animationsserie „Smiling Friends“ (2022) von Michael Cusack und Zach Hadel, die an einigen Stellen Rotoskopie nutzt, um einen Kontrast zwischen den Animationen und damit auch einen komödiantischen Effekt zu erzeugen.


