Max Schreck

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    Wenn wir ins Kino gehen, möchten wir vor allem eines: bewegt werden. Wir wollen mit dem Protagonisten erfahren, wie es ist, von seiner ewigen Liebe verlassen zu werden, wir wollen die Freude fühlen, wenn sie wieder zu ihm zurückkommt. Wir wollen uns aber mit wahrscheinlich ähnlicher Intensität vor dem bleichgesichtigen, kahlköpfigen Frauenmörder fürchten und mit der obligatorischen Gruppe Opfer, mit denen wir uns identifizieren können, um deren Leben rennen. Angst ist, wie Hass oder Liebe, eine gewichtige Emotion, die das menschliche Bewusstsein entscheidend prägt. Und weil Angst eine Emotion ist, die in der realen Welt einen durchaus berechtigten, in der Regel unangenehmen Grund haben kann, genießen wir es, im Kino zu sitzen, um dort in einer anderen Welt gemütlich und folgenfrei Angst haben zu dürfen.

     

    Stumme Monster

     

     

    Über die Lust am Angsthaben wurde man sich schon in der Pionierzeit des Mediums Film bewusst. Und zwar in Deutschland. 1920 kam Robert Wienes Stummfilm „Das Kabinett des Dr. Caligari“ in die Kinos und konfrontierte sein Publikum mit Visionen des Verlusts der Kontrolle und des Wahnsinns. Thematik wie Machart des Films stehen ganz im Sinne des Expressionismus, der nun sein künstlerisches Wirkungsfeld auch auf die Kinoleinwand projizierte. Besonders erwähnenswert sind die Bauten Hermann Warms, die perspektivisch verzerrt wesentlich zu der surrealen Stimmung des Films beitragen.

     

    Das Genre des Vampirfilms etablierte sich nur zwei Jahre später ebenfalls in Deutschland mit dem Film „Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens“ (1922) von F. W. Murnau. Dieser Stummfilm ist eine nicht autorisierte Adaption des Romans "Dracula" von Bram Stoker. Die schauspielerische Präsenz des Hauptdarstellers Max Schreck verstörte das Publikum der Zwanziger Jahre derart, dass es annahm, der Schauspieler sei tatsächlich ein Vampir. Mit diesem Gedanken spielt im Übrigen die gelungene Horrorkomödie „Shadow of the Vampire“ (2000), in der John Malkovich Murnau und Willam Dafoe Max Schreck darstellt.

     

    Monster en masse

    Weitere Meilensteine des Horrorfilms wurden dann jenseits des großen Teichs in der Goldenen Ära Hollywoods, den Dreißiger Jahren, gesetzt. Den Start machte 1931 Tod Brownings Tonfilm "Dracula" mit Bela Lugosi in der Titelrolle. Allein dessen extrem starker ungarischer Akzent verbreitete Angst und Schrecken in den Kinosälen seiner Zeit. Nach diesem kommerziell sehr erfolgreichen Gruselschocker leckte Universal Pictures Blut und startete eine Serie von Monsterfilmen, wie zum Beispiel „Frankenstein“ (1931) mit Boris Karloff in der Rolle des erweckten Monsters, „The Mummy“, ebenfalls mit Boris Karloff in der Rolle eines weiteren erweckten Monsters, und etwas später „The Wolf Man“ (1941) mit Lon Chaney, Jr. Die Kinoleinwand war bis zum Rand gefüllt mit unsichtbaren Männern, ungelenken Riesenaffen, durchgeknallten Wissenschaftlern und untoten Aristokraten. In den Vierziger Jahren schreckten die Studios nicht einmal davor zurück, Monsterkombinationsfilme wie „Frankenstein Meets The Wolf Man“ (1943) zu produzieren. In „The House of Frankenstein“(1944) und „The House of Dracula“(1945) gesellte sich gar zusätzlich Graf Dracula zu dem konkurrierenden Zweiergespann.

     

    Diese klassisch gestrickten Horrorthemen fanden in den späten fünfziger und den sechziger Jahren ihre Fortsetzung in einer aufgepeppten Fassung: Die britische Filmproduktionsfirma HAMMER FILMS landete 1957 mit „The Curse of Frankenstein“ einen Welthit und machte die Schauspieler Peter Cushing (Frankenstein) und Christopher Lee (Die Kreatur) über Nacht zu Stars. In den Folgejahren lief die Produktion von B-Horror-Filmen in den Hammer-Studios auf Hochtouren. Von den Kritikern verachtet und von Publikum geliebt etablierten sich die Hammer Filme als Garant für Schock und Schauer.

     

    Was die Hammer-Studios in England waren, repräsentierte Roger Corman zu dieser Zeit in den USA. Auch er produzierte kostengünstig Gruselfilme am laufenden Band, weshalb er verdientermaßen als „King of the Bs“ (König der B-Filme) in die Filmgeschichte eingegangen ist. Nach dem kommerziellen Erfolg von „House of Usher“ (1960) produzierte Corman eine Reihe weiterer Edgar-Allen-Poe-Verfilmungen, durch die z. B. Vincent Price und Jack Nicholson zu Stars wurden.

     

    Monster im Kopf

    1960 ist für die Geschichte des Horrorfilms ein äußerst wichtiges Datum: Alfred Hitchcocks „Psycho“ erblickte das Licht der Kinoleinwand und alles veränderte sich. War man es davor gewohnt, sich vor klassisch-fantastischen Gestalten wie Vampiren, Werwölfen und Konsorten zu gruseln, wurde auf einmal die menschliche Psyche die Quelle der Angst. Nach und nach verschwanden also die tapsigen Monster und machten Platz für messerschwingende Ideal-Schwiegersöhne. Im gleichen Jahr lief auch Michael Powells „Peeping Tom“ an, in dem die subjektive Kamera dafür sorgt, dass der Zuschauer aus der Sicht eines jungen Serienkillers zum Voyeur wird. Neben Hitchcock verstand es besonders der polnische Regisseur Roman Polanski, sein Publikum mit Filmen wie „Repulsion“ (1965) und „Rosemary's Baby“ (1968) mit dem zu schockieren, was es nicht sieht, sondern sich vorstellen muss.

     

    Schlitzende Monster

    In den Siebziger Jahren wurde diese filmideologische Formel einfach herumgedreht: Schocken durch möglichst detaillierte Darstellung von Gewalt. Der diesem Credo folgende Film „The Texas Chainsaw Massacre“ schuf 1974 das Genre des Splatterfilms, welches dann 1978 mit John Carpenters „Halloween“ um das Sub-Genre „Teenie-Splatterfilm“ (oder auch „Teenie-Schlitzer“) erweitert wurde. Im Grunde besann man sich hier zurück auf die einfache Formel der frühen Monsterfilme; lediglich die im Nachtwind wehenden Röcke der Opfer wurden kürzer, die Opfer an sich jünger und die Monster Psychopathen. Dieses Gerüst erwies sich als derart ertragreich, dass man in den Achziger Jahren dem Fortsetzungskult bewehrter Konzepte bis ins Unendliche frönte: Neben Fortsetzungsreihen wie „Friday the 13th“ und „Nightmare on Elm Street“ von Wes Craven existieren allein acht Halloween-Filme. Mitte der Neunziger Jahre erlebte der Teenie-Schlitzer mit dem Film „Scream“ (1996) eine Renaissance, indem er seine einfache Struktur entlarvte und somit die ohnehin von vorn herein gegebene unfreiwillige Komik bewusst einsetzte.

     

    Ein weiteres wichtiges Element im Horrorfilm ist der Glaube. William Friedkins „The Exorcist“ (1973) lies z. B. den Teufel höchstpersönlich in den Körper eines unschuldigen Mädchens schlüpfen und „The Omen“ (1976) spielte mit dem Gedanken, Luzifer den apokalyptischen Weltuntergang auf wirtschaftlichem Wege erreichen zu lassen. Besonders diese beiden Filme zeigen, dass es in der Welt der Horrorfilme eben doch nichts Böseres gibt, als das Böse an sich.

     

    Man sieht also, dass der Horrorfilm eine Geschichte hat, die bis an den Ursprung des Filmemachens zurückreicht. Schon lange ist der Horrorfilm nicht mehr aus den Kinos wegzudenken. Erfolge wie „The Sixth Sense“ (1999) und „The Others“ (2001) oder auch die Persiflagen in der "Scary Movie"-Reihe zeigen, dass das Geschäft mit dem Gruseln nach wie vor bestand hat. Denn im Kino Angst haben macht einfach Spaß.

    Daniel Vogelmann

     

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    Am Anfang war die Verführung

    Kasch

     

    Can't touch this !

    Wenn man sich die Nosferatu-Darsteller Max Schreck und Klaus Kinski in Erinnerung ruft, so dürfte es einem schwer fallen, sie mit erotischen Sehnsüchten in Verbindung zu bringen. Ganz anders hingegen die namhafte Riege der Dracula-Darsteller von Bela Lugosi über Christopher Lee bis hin zu Gary Oldman:

     

    Dracula war schon immer ein Frauenschwarm. Obwohl der Graf sich zumeist zugeknöpft und wenig nackte Haut zeigt, verfallen ihm die Frauen scharenweise. Seine mächtige, männliche und aggressive Ausstrahlung, sowie seine unbändige Körpersprache erlauben es ihm, jeden Morgen bei Anbruch der Dämmerung blut- und lustgestärkt in sein Versteck zurückzukehren. Eigentlich seltsam, denn der eigentliche Sexualverkehr findet nicht statt. Der Vampir begattet seine Opfer nicht mit dem Geschlecht, sondern mit dem Mund, in dem seine langen Zähne nach Blut lechzen.

     

    Der Biss

     

    Der Biss des Vampirs hat auf sein Opfer meist exstatische Wirkungen, die an einen Orgasmus erinnern lassen. So schreibt Horrorpapst Stephen King über eine Szene in Stokers Roman: „[...] Stoker deutet an, dass Lucy einen Orgasmus hat, der ihr das Gehirn wegpustet.“ Dass King mit dieser Annahme nicht allein dasteht, zeigt Coppola in seinem Film in folgender Sequenz: Lucy wacht in einer Gewitternacht auf, sie räkelt sich lustvoll in ihrem Bett. Plötzlich springen die Fenstertüren auf, und ein Windstoß erfasst das durch Kerzen erhellte Zimmer. Durch wehende Gardinen sucht Lucy, nur mit einem seidenen Nachthemd bekleidet, den Weg ins Freie, ins tosende Unwetter. In einem majestätischen Irrgarten streift sie lustvoll lachend umher, bis sie schließlich auf einer Empore völlig nackt von einem wolfsähnlichen, riesigen Monstrum vergewaltigt wird. Völlig von jeglicher Vernunft verlassen, gibt sich Lucy dem Werwolf hin und bezahlt es mit dem Leben.

     

    Stilisierte Vampire

    Filmische Stilmittel, die hier verwendet werden, um den Koitus zu verbildlichen, wären einmal die eher altmodische Wahl von Blitz und Donner, der stetig bedrohlich anschwellende Score von Wojciech Kilar und zu guter letzt massive Blutfontänen, die das Bild und den dargestellten Moment in sich zu ertränken scheinen. Eine atemberaubende Szene, die ihresgleichen sucht! Seine Verkörperung als erotisches, sexuelle Konventionen durchbrechendes Geschöpf fand der Vampir allerdings häufiger in seiner weiblichen Darstellung.

     

    So wurden schon in den britischen Filmen der Hammer-Studios die vampirischen Gefährtinnen des potenten Dracula als laszive, sexhungrige Nymphen verheizt. Bis auf einige gewichtige Ausnahmen ist das leider bis in die heutigen Tage so geblieben, man denke an die Sexhäschen von Deacon Frost in „Blade“, an die drei Vampirluder in dem enttäuschenden „Dracula 2000“ oder auch an den erotischen Höhepunkt von „From Dusk Till Dawn“, Salma Hayeks wilden Schlangentanz. Als lesbische Verführerinnen hingegen konnten auch die weiblichen Vampire im männerdominierten Genre Fuß fassen. Dieses Anfang der 70er Jahre aufkommende Subgenre des Vampirfilms beschränkte sich zu Beginn auf blutige Softpornos und bedarf keiner besonderen Erwähnung; allerdings gibt es auch hier wenige Ausnahmen. Eine davon ist Jesus Franco Maneras „Vampyros Lesbos“ (Deutschland/Spanien 1970), wie der Titel schon erahnen lässt, nicht gerade inhaltlich ein Meilenstein auf dem Friedhof der Vampire, jedoch ein durchaus prickelnder Erotik-Cocktail mit hübschen Darstellerinnen, schrägen Kamerafahrten und einem scharfen, swingenden Soundtrack.

     

    Grufties

    Einer der wohl einzigartigsten Vampirfilme überhaupt rückte den weiblichen Vampir Anfang der 80er Jahre in ein völlig neues Licht: Tony Scotts 80er-Schocker „Begierde – The Hunger“ (USA 1983). Mit einer qualitativ hochwertigen Besetzung (Catherine Deneuve, David Bowie und Susan Sarandon) schuf Scott eine bitterböse Abrechnung auf die 80er Jahre und auf die Überheblichkeit der Untoten. Die weibliche Verführerin Deneuve treibt mit ihrem Partner Bowie ihr Unwesen in heruntergekommenen Grufti-Nachtclubs; wie wilde Tiere fallen sie über ahnungslose Twens her. Scott verstärkt diesen Eindruck, indem er zeitgleich den brutalen Todeskampf zwischen zwei Affen zwischenschaltet.

     

    In grellen Farben und mit einem abgefuckten 80er-Soundtrack inszeniert er die erste Stunde des Films, die den Zuschauer zugleich ekelt und fasziniert. Susan Sarandon spielt eine junge Wissenschaftlerin, die an Affen ein Serum testet, welches den Alterungsprozess verzögern soll. Sie ist fasziniert von der eleganten, undurchschaubaren Deneuve, welche die ahnungslose Wissenschaftlerin bezirzt, um sie sich zur neuen Gefährtin zu machen, denn ihr bisheriger Wegbegleiter Bowie scheint auf rapide Weise zu altern und verwest zusehends... Nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch ein außergewöhnlicher Film, denn wenn „Begierde“ in der ersten Hälfte von kalten, apokalyptischen Bildern gepeitscht durch düstere Großstadtlandschaften hetzt, so wird er in der zweiten Hälfte von warmen, pastellfarbenen Bildern und einem Klavierscore weich aufgefangen. Der Sturz ins Verderben bleibt allerdings unausweichlich.

     

    Action-Vampire

    Wenn wir schon mal bei den 80er Jahren angelangt sind, wäre noch zu erwähnen, dass dies die Zeit des effekt- und actionreichen Prollvampir-Movies war. Das wohl bekannteste Beispiel ist Joel Schumachers „The Lost Boys“ (USA 1987), ein, trotz seiner schwachen Handlung und nicht immer gut getimeten Effekte enormer Box-Office-Hit weltweit. Zuvor beglückte uns Tom Holland mit seiner wirklich „rabenschwarzen“ Vampirkomödie „Fright Night“ (USA 1985), welche drei Jahre später eine Fortsetzung nach sich zog, die weniger gelungen war. Ebenfalls einen interessanten Ausflug in die Welt des neuzeitlichen Vampirmythos wagte Skandalfilmer Ken Russell („China Blue – Bei Tag und Nacht“, „Die Hure“) 1986 mit seinem Spukschloss-Schocker „Gothic“, in dem die menschliche Psyche außer Kontrolle gerät, jedoch lassen sich auch in den Verhaltensmustern der Protagonisten vampirische Züge erkennen.

     

    Ein absolutes Highlight des 80er Jahre-Proll-Vampir-Horrors ist Kathryn Bigelows düstere Actionromanze „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“ (USA 1987), die deutlich die starken Bindungen der Vampire untereinander beleuchtet. Hier spielt der weibliche Vampir eine wichtige Rolle, wie auch in „The Queen of the Damned“ (USA 2002), einem Horrofilm, der lose auf den Romanen der Bestsellerautorin Anne Rice basiert. In der Hauptrolle ist hier die leider viel zu früh bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommene R’n’B-Sirene und Schauspielerin Aaliyah zu sehen, die eigentlich auch für einen Part in der Fortsetzung von „Matrix“ vorgesehen war.

     

    Romantische Vampire

    Anne Rice lieferte bereits 1994 die Vorlage für einen modernen Klassiker des romantischen Vampirfilms: „Interview mit einem Vampir“ überzeugte mit einer erlesenen Besetzung (Tom Cruise, Brad Pitt, Antonio Banderas, Stephen Rea, Christian Slater und der grandiosen Kirsten Dunst), die in samtig-weichen Bildern und einem unheimlichen Score von Elliot Goldenthal unter ihrer Existenz als leidend-liebende Untote zugrunde gehen. Ein weiterer Aspekt des brillant melancholischen Opus von Neil Jordan (Oscar für sein Drehbuch zu „The Crying Game“) sind die homoerotischen Untertöne zwischen den männlichen Vampiren. Obwohl die Frauenschwärme Pitt, Cruise und Banderas vielmehr das weibliche als das männliche Publikum verzückten, schienen sie in ihren Filmcharakteren keinerlei Interesse am anderen Geschlecht zu haben.

     

    Auch hier bleiben die Frauen mit Ausnahme von Kirsten Dunst, eine nicht-alternde Vampirgöre, als willige Opfer mit üppiger Oberweite weitgehend unbeachtet. Das Beziehungsgeflecht unter den Vampiren scheint in diesem Film nicht von sexuellen Konventionen, vielmehr von Freundschaft und physischer sowie psychischer Anziehungskraft bestimmt. Die Homosexualität fand schon in der Gestalt des hübschen Sohnes des Graf Dracula-Doubles in Polanskis neckischem „Tanz der Vampire“ ihren Vorreiter, der sich natürlich prompt in einen der Vampirjäger verknallt. Die Verführung im Reich der Vampire kennt also viele Facetten.Verführung

     

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