Regisseurin

  • Interview zu "Prinzessinnenbad"

     

    Tanutscha, Klara und Mina

    Tanutscha, Klara und Mina

    Interview mit Regisseurin Bettina Blümner und Produzentin Katja Siegel, die den Dokumentarfilm "Prinzessinnenbad" realisiert haben.

     

    Was ist die Grundaussage des Films und welche zentralen Themen wollten Sie ansprechen?

    BB: Für mich ist es ein Film über das Erwachsenwerden. Es geht ganz stark um die Zeit der Pubertät und die intensiven Gefühle, die man zu der Zeit hat, und die Probleme, die man durchsteht. Sei es mit den Jungs. Sei es, dass man kämpft ausgehen zu dürfen. Die ersten Erfahrungen mit Drogen und Alkohol. Es ist ein Film über das Erwachsenwerden und die Pubertät.

     

    Wie ist die Idee zu Prinzessinnenbad entstanden?

    BB: Der Film ist entstanden, weil ich Besucher des Prinzenbads war, und ich das immer einen ganz tollen Ort fand, wo unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen, und der wahnsinnig lebendig ist mitten in Berlin. Ich habe mir dann überlegt, etwas über diesen Ort zu machen. Und besonders sind mir die Jugendlichen an diesem Ort aufgefallen. Dann habe ich mich im Sommer 2004 auf die Suche gemacht nach Jugendlichen, die mitmachen möchten bei solch einem Film. Und habe parallel recherchiert im Hallenbad und später im Freibad. Und habe dann das Konzept erstellt.

     

    Wie ist die Entstehungsgeschichte zum Film?

    KS: Es ist vieles aus der Regie entstanden. Weil es mehr ein Projekt ist, das aus der Hochschule entstanden ist. Da gibt es ein Programm, das nennt sich junger Dokumentarfilm. Und den wollten wir nach der Filmschule als Debütfilm zusammen machen. Da war ich noch nicht angestellt. Die Förderung aus Baden-Württemberg war das erste Finanzierungstool, das wir angestrebt haben. Bettina kam her und sagte: Ich hab hier ein Thema, das interessiert mich. Lass uns den jungen Dokumentarfilm probieren. Ich fand es eigentlich spitzenmäßig, es hat dann leider nicht geklappt.

    Dann hat Bettina den Kontakt zum RBB über Berlin aufgetan. Das hat aber ziemlich lange gedauert. Mindestens ein dreiviertel Jahr, bis die reagiert haben und Interesse gemeldet haben. Ich war mittlerweile bei Reverse Angle. Und dann haben wir gesagt, wir nehmen es mit in die Firma rein. Weil ohne Firma kann man so was nicht finanzieren. Dann haben wir es beim BKM versucht. Da hat es nicht geklappt. Und dann haben wir es noch mal aufgestellt, noch mal neu umgedacht. Und dann ging es wirklich auf diese Schiene, wo Bettina noch mal gesagt hat, ich möchte es absolut als Kinofilm machen. Und da es mit dem RBB eine Kinokoproduktion war, haben wir gesagt: Dann trimmen wir es wirklich auf Kino.

     

    Welche Förderungen haben den Film unterstützt?

    BB: Der Film wurde unterstützt von Arte und RBB, der Filmförderung FFA und dem Medienboard Berlin-Brandenburg. Die kamen nach und nach hinzu. Zuerst war Arte und RBB dabei. Danach haben wir eingereicht bei der FFA und dann kam das Medienboard dazu.

     

    Jetzt läuft der Film auch im Kino. War das von Anfang an geplant und wie hat es das Konzept und die dramaturgische Herangehensweise beeinflusst?

    BB: Es ist mit großem Aufwand verbunden, einen Dokumentarfilm ins Kino zu bringen. Und es bedarf vieler Energien und auch vieler finanzieller Möglichkeiten. Und was es genau heißt: dass man mehr Drehtage braucht als bei einem Fernsehdokumentarfilm und dass das Engagement von allen Beteiligten größer ist als auch bei einem Fernsehfilm.

    Ja, das war von Anfang an so geplant, dass es ein Kinodokumentarfilm wird. Wir wussten zwar nicht, ob wir die Finanzierung dafür zustande bringen würden, aber unser Wunsch war, das wirklich als Kinodokumentarfilm zu machen.

    KS: Man muss sich entscheiden, wenn man die entsprechende Förderung angeht. Wenn man die FFA angeht, dann geht das nur, wenn man einen Verleih hat und eine Filmkopie kalkuliert hat. Und bei einem Dokumentarfilm kostet eine Filmkopie 40000 bis 50000 Euro. Und das ist ein Viertel von einem Dokumentarfilmbudget. Und das muss man sich ganz bewusst klar machen. Wir haben gesagt, wir machen es mit Kameramann und richtig Kino. Wir probieren das ins Volle oder gar nicht. Und dann haben wir es bei der FFA eingereicht. Und das war dann sehr erstaunlich, weil die uns tatsächlich gefördert haben. Und die hatten das, glaube ich, erst ein oder zweimal bei kleinen Dokumentarfilmen gemacht, weil es eine Wirtschaftsförderung ist. Und insofern bin ich eigentlich ganz froh, dass er ganz gut ankommt, weil wir sagen können: Ihr hattet recht uns zu fördern.

    BB: Es war immer meine Idee und mein Kampf auch dafür, dass der Film in die Kinos kommt, weil ich nicht finde, dass es ein typischer Fernsehstoff ist. Sondern ich fand einfach, dass die Mädchen mehr Potential haben und sehr außergewöhnlich sind. Man hätte es auch fürs Fernsehen machen können. Aber es war einfach mein Anliegen, es anders aufzuziehen und das ganze auch künstlerischer anzugehen. Kein Off-Kommentar zu haben, keine Fragen im Film. Ich komme ja auch von der Spielfilmregie, und mag eben auch Dokumentarfilme sehr gerne, die so einen spielfilmerischen Ansatz haben in Anführungsstrichen.

     

    Der Film hat einen sehr schönen Erzählfluss, die Spannungsbögen verbinden sich 

    Bettina Blümner

    Bettina Blümner

    wunderbar. Wie schafft man so was? Und gab es Änderungen, wo man vom ursprünglichen Konzept abgewichen ist?

    BB: Also ich hatte immer so Themenblöcke, die ich behandelt habe. Zum einen Familie, Freundschaft, Sexualität. Ich habe versucht, die einzelnen Szenen um diese Themen zu gruppieren. Und habe für jede Person im Schnitt eine eigene Dramaturgie entwickelt vom Anfang bis zum Ende, und welche Entwicklung die einzelnen Figuren machen können. Und das war natürlich auch viel ausprobieren und natürlich viel Schnittarbeit.

    Ja klar, es gab Änderungen. Der Film sollte am Anfang mehr im Freibad spielen und hat sich dann immer weiter vom Freibad entwickelt.

     

    Wie kommt man an solche interessanten Protagonistinnen, die nur so übersprühen vor Redewitz?

    BB: Es gibt ja so viele interessante Leute. Man muss sich ja nur umschauen. Es war Zufall und Glück, dass ich sie kennen gelernt habe am Anfang meiner Recherche. Es war trotzdem ein Kampf, weil sie natürlich oft keine Lust hatten. Die Recherche ist ein ganz wichtiger Bestandteil. Es gehört mit zum Filme machen. Und das sollte der Regisseur sich nicht nehmen lassen. Für mich ist es sehr wichtig. Es ist auch eine Gefühlssache. Und ich will die Leute, über die ich einen Film mache, auch gut kennen lernen, bevor ich an die Arbeit gehe. Ich halte nichts davon, Tausende von Leuten zu treffen und andere Leute einzuschalten. Ich finde, das ist meine Aufgabe. Es ist auch so eine emotionale Herangehensweise, dass ich denke, hier die sind interessant und die nicht. Und das möchte ich gerne zeigen. Ich möchte da ungern einen involvieren.

     

    Wie hoch war das Budget und wie hat es sich verteilt?

    KS: 200000 Euro. Mehr ist nicht zu machen. Das ist richtig gut schon. Und das ist aus vier verschiedenen Kanälen zusammengesteckt. Also der RBB als Sender ist mit drin, die FFA als Bundesförderung, das Medienboard als Länderförderung aus Berlin, Referenzgelder aus vorherigen Filmen von unsere Firma, und der Eigenanteil von der Firma.

    50000 Euro für die Filmkopie ist der Standard, aber wir haben es ein bisschen billiger bekommen. Der Rest des Budgets verteilt sich auf ein Team von acht Leuten, Vorrecherche, Rechte, Einkauf, Musikrechte und Postproduktion. Team und Postproduktion waren sehr teuer im Verhältnis. Was wegfällt sind tatsächlich Drehgenehmigungen. Und das Team sind 8 und nicht 30. Natürlich sind es insgesamt kleinere Posten. Ein Budget von 200000 Euro für einen Dokumentarfilm ist ungefähr ein Fünftel von einem Budget für einen Spieldebütfilm.

     

    Was waren produktionstechnisch die größten Herausforderungen beim Dreh?

    BB: Es gab ganz viele Herausforderungen bei jedem neuen Tag. Natürlich hatte ich jeden Tag die Angst, dass die Protagonisten abspringen. Es war schon so, dass ich gehofft habe, dass sie am Ball bleiben über so einen langen Zeitraum. Und es wurde immer länger. Es war auch nicht immer einfach, sie zu motivieren zum Dreh zukommen, sie zu motivieren diesen Film zu Ende zu bringen. Und das war natürlich meine Hauptaufgabe. Und mein Hauptanliegen war, dass es funktioniert.

     

    Zu wie vielen waren Sie beim Dreh?

    Tanutscha und Klara

    Tanutscha und Klara

    BB: Wir waren meistens zu dritt, und manchmal habe ich auch allein gedreht. Also Kameramann, Tonmann und ich. Und es gibt einige Szenen, wo ich sowohl Kamera als Regie, als auch Ton gemacht habe.

     

    Auf welchem Format wurde gedreht?

    BB: Wir haben auf DV gedreht und das Material später auf HD aufgeblasen. Und dann gibt es jetzt eine 35 MM Abtastung vom DV Material.

     

    Es gab viel Material zum Schneiden. Wie geht man da ran an den Schnitt bis zum Final Cut? Hatten Sie schon eine grobe Struktur von dem Film, wie er ablaufen sollte?

    BB: Wir haben sehr lange geschnitten. Wir haben sechs Monate geschnitten. Wir haben Transkripte gemacht von allen Tapes, die wir hatten. Ich habe mir die Transkripte durchgelesen, die Stellen angestrichen, die mir interessant vorkamen. Wir haben Bilder ausgewählt, die ich gerne im Film haben wollte. Und haben Szenen gebaut. Und haben die Szenen immer mehr gekürzt. Und später in die richtige Reihenfolge gebracht. Und ich habe während des Drehens geschnitten. Nach zwei Drittel der Drehzeit habe ich angefangen zuschneiden mit der Cutterin zusammen.

    Ja, ich hatte immer eine Struktur. Aber es ist letztendlich eine ganz andere Struktur geworden, als die ich gedacht habe, dass sie es werden würde.

     

    Wie sieht die weitere Reise des Films aus?

    BB: Der Film läuft auf vielen Festivals. Ich bin eingeladen nach Los Angeles, Santiago de Chile, auf die Viennale, Paris, Filmfest Mannheim. Und noch viele andere Festivals.

    KS: Wenn der Film soviel Zuschauer hat, dass wir der Förderung das Geld zurückzahlen, dann wäre das ein riesiger Erfolg.

     

    Frau Blümner, Frau Siegel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

     

    Interview geführt von Roderik Helms
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    Afzali behandelt ein hochbrisantes Thema in ihrem Film und verfolgt in beklemmenden und zugleich bewegenden Bildern diese Gerichtsverhandlung.

     

    Wie sind Sie auf die Idee gekommen diesen Film zu machen? Was war Ihre Motivation?

    Dieses Thema hat mich interessiert, da es in der persischen Gesellschaft und in den Medien ein Riesenspektakel war. Persönlich hat es mich sehr interessiert, was die Wahrheit dahinter ist.

     

    Wann sind Sie in diesen Prozess eingestiegen?
    Ich interessiere mich für soziale Probleme in Persien und recherchiere viel darüber. Ich habe, bevor der Fall vor Gericht gegangen ist, mit meinen Recherchen und Vorbereitungen für den Film angefangen. So konnte ich vom ersten Prozesstag an filmen.

     

    Hatten Sie Zugriff auf Informationen bei den Vorbereitungen oder gab es Verweigerungen von öffentlichen Stellen Ihnen diese zu liefern?
    Die einzige Hilfe, die mir gewährt wurde, war die Erlaubnis zu filmen. Die Informationen, die ich bekam, wurden mir durch einen mutigen Richter gegeben. Von ihm erhielt ich die Information, dass einige Punkte in der Akte ignoriert worden sind. Ich habe dann recherchiert und diese Punkte herausgefunden. Mit diesem Wissen bin ich zur höchsten gerichtlichen Instanz gegangen, wodurch das Verkünden des Todesurteils verhindert wurde.
    Im Sommer diesen Jahres (2007) wird das Verfahren wieder mit den neuen Beweismitteln von der höchsten Instanz aufgenommen.
    In meinem Film geht es aber nicht um mich, was ich getan habe. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Probleme. Wer diesen Fall noch mal zum Rollen gebracht hat, ist nicht wichtig. Ich hatte den Film ohnehin schon fertig, als ich diese Informationen bekam.

     

    Welche Position nimmt man als Dokumentarfilmer ein? Ist man reiner Beobachter oder will man eine kritische Note in den Film mit einbringen? Zum Beispiel durch die Anklage des Gerichtssystems?
    Eigentlich war mein Ziel, eine Beziehung zwischen drei Personen zu zeigen. Im Laufe der Dreharbeiten kamen dann Sachen nach und nach dazu, z. B. das Herausfinden, dass Punkte in der Akte ignoriert worden sind, was nicht meine Absicht war. Mein Ziel war es zu zeigen, wie privat eine Beziehung sein kann. Wo sind die Grenzen zwischen einem Mann und einer Frau? Wie weit kann man gehen?

     

    Das Konzept war also die Personen zu verfolgen. Musste es nach und nach  abgeändert werden?
    Ich habe zeigen wollen, wie ein Mann fremdgeht oder eine Nebenbeziehung hat. In diesem Fall ist alles aufgeflogen. Alle haben es gewusst. Das war für mich interessant. Mit der Zeit, wenn man recherchiert, findet man Punkte, denen man auch nachgehen muss. So kam das mit der Akte oder ihrem Geständnis, welches fragwürdig ist.

     

    Wie sah es mit der Drehgenehmigung im Gerichtssaal aus? Hatten sie bessere Chancen an eine Genehmigung heranzukommen, weil Sie Ansehen im Iran genießen? Ist es grundsätzlich erlaubt im Gerichtsaal zu filmen?
    Wenn in einem Gericht eine Verhandlung öffentlich ist, dürfen auch Reporter dazu, auch Filmemacher. Wenn man einen Antrag stellt, bekommt man auch normalerweise die Erlaubnis zum Filmen.

     

    Was waren die Herausforderungen bei der Produktion des Filmes?
    Die Verhandlungen haben bis zu 5-6 Stunden gedauert. Wir haben manchmal mit zwei Kameras gefilmt. Das war anstrengend, da wir die Kameras immer auf der Schulter oder in der Hand tragen mussten. Auch die Tonaufnahme war schwierig.
    Es waren wenige Drehtage, jedoch auf lange Zeit verteilt. Insgesamt haben die Dreharbeiten ein einhalb Jahre gedauert.

     

    Spricht man in den iranischen Medien offen über z.B. die „Verwandlung“ der Angeklagten. Wurde sie psychisch gebrochen?
    Ihr Zustand ist natürlich auffallend. Am Anfang hat sie Hoffnung gehabt. Sie war sehr frech und emanzipiert gegenüber dem Richter. Mit der Zeit hat sie selbst die Hoffnung verloren. Sie hat gesehen, dass sie ihrem Tod von Tag zu Tag näher kommt.

     

    Denken Sie, dass Sie mit ihrem Film etwas bewegen können?

    Jeder Film bewegt etwas in den Menschen und ändert vielleicht auch irgendwas. Es wird sich nichts in kurzer Zeit ändern, aber vielleicht über eine längere Zeit gesehen schon.

     

    Wird der Film denn im iranischen Fernsehen ausgestrahlt, dass sich jeder ein Urteil bilden kann?
    Vor einigen Journalisten hab ich den Film schon vorgeführt, aber in den öffentlichen Medien und im Kino kann er nicht gezeigt werden. Es wurde lediglich in Zeitschriften darüber geschrieben.

     

    Braucht man als Filmemacherin Kontakte oder muss man etabliert sein, um so einen Film machen zu können? Ist es für Ausländer schwieriger einen solchen Film zu machen?
    Grundsätzlich kann jeder, auch Ausländer, einen Antrag stellen um einen Film zu drehen. Dies wird in der Regel auch genehmigt. Es sei denn, dass Thema ist regierungsfeindlich, dann bekommt man keine Genehmigung.

     

    Frau Afzali, wir danken Ihnen für das Gespräch.

     

    Interview geführt von Roderik Helms
  • Maïmouna - la vie devant moi

     

    Interview mit Fabiola Maldonado und Ulrike Sülzle

    Ulrike Sülzle und Fabiola Maldonado

     

    Auf dem Dokfest 2007 war mit "Maïmouna - la vie devant moi" ein bemerkenswerter und hoffnungsvoller Film über das schwierige Thema der weiblichen Genitalverstümmelung zu sehen. Wir trafen uns mit der Regisseurin Fabiola Maldonado und der Kamerafrau Ulrike Sülzle, um mit ihnen über den Film und seine Entstehung zu sprechen.

     

    Können Sie sich kurz in zwei Worten vorstellen, erzählen wie Sie zu dem Film gekommen sind und wie Sie zu dem Projekt stehen!

    Fabiola: Mein Name ist Fabiola Maldonado. Ich komme aus Honduras. Vor drei Jahren habe ich Ulrike an der Filmhochschule in Stuttgart getroffen. Sie hatte die Idee für ihre Diplomarbeit einen Film über die Beschneidung von Frauen in Burkina Faso zu machen. Wir haben dieses Projekt dann zusammen entwickelt und umgesetzt, mit ihr als Kamerafrau und mit mir als Regisseurin.
    Ulrike: Ich bin Ulrike Sülzle und komme aus Deutschland. Das Thema der Beschneidung beschäftigt mich schon länger, da ich mich in Frauengruppen engagiere und auch Frauenpolitisch aktiv bin. Eigentlich hatte ich nicht vor, darüber einen Film zu machen, weil es doch ein sehr schwieriges Thema ist. Dann bin ich eher zufällig nach Burkina Faso gekommen und habe die Organisation Bangr Nooma kennen gelernt. Ich habe gesehen, wie sie dort arbeiten, Aufklärungsarbeit machen und das hat mich so fasziniert, dass ich gedacht habe, das muss auch in Deutschland gezeigt werden. Zusammen mit Fabiola habe ich dann das Konzept für einen Dokumentarfilm entwickelt, und wir sind zusammen auf eine Recherchereise nach Burkina Faso gefahren. Das war circa ein Jahr vor den Dreharbeiten.

     

    Hatten Sie, Frau Maldonado, vorher auch schon einen Bezug zum Thema Beschneidung?

    Fabiola: In Lateinamerika hört man sehr wenig über dieses Thema. Ich wusste natürlich davon, hatte aber keinen Bezug zu dem Thema. Das kam mehr von Ulrike und dem, was sie mir von ihren Erfahrungen erzählt hat. Was ich wirklich interessant fand, war diese Idee, sich ein bisschen von der Grausamkeit zu distanzieren und stattdessen zu versuchen, Hoffnung für eine positive Veränderung zu transportieren.

     

    Wie sind sie während und nach der Recherche daran gegangen, das Projekt konkret umzusetzen?

    Fabiola:Ulrike hatte schon einen Kontakt zu der Organisation „Bangr Nooma“. Das war unser Startpunkt. Dort hatte man großes Interesse an dem Projekt, weil es für die Organisation natürlich eine große Chance ist, wenn ihre Arbeit und die positiven Ergebnisse gezeigt werden. Wir hatten uns im Vorfeld unserer Recherchereise schon intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und auch etwas geschrieben. Aber das eigentliche Filmkonzept hat sich erst aus den Erfahrungen, die wir vor Ort mit unterschiedlichen Menschen gesammelt haben, entwickelt. Wir haben danach alles wieder umgeschrieben.

     

    War Ihre Protagonistin Maïmouna auch eine solche Reisebegegnung?

    Maïmouna im Dorf

    Ulrike:Nein. Ich hatte Maïmouna bereits beim aller ersten Kontakt mit Bangr Nooma kennen gelernt, wo sie arbeitet. Während der Recherche war es dann bereits das dritte Mal, dass ich sie und ihr Dorf besuchte. Der Kontakt zur Organisation und zu Madame Poyga, ihrer Gründerin, war bereits hergestellt. Damals wollten wir noch einen andere Frau und einen Mann als Interviewpartner im Film. Wir hatten uns intensiv mit ihnen beschäftigt, lange Interviews geführt und sogar schon Testaufnahmen gemacht. Im Nachhinein kam dann aber die Entscheidung, dass es bei Maïmouna bleibt.
    Fabiola:Maïmouna ist sehr gut darin, Aussagen zu vermitteln. Sie ist daran gewöhnt strukturiert zu sprechen und zu arbeiten. Das war sehr wichtig für mich. Außerdem ist sie eine starke Frau mit einer interessanten Geschichte.

     

    Wie lange haben Sie gedreht?

    Fabiola:Wir waren fünf Wochen vor Ort und haben vier Wochen gedreht. Da wir Kamera und Equipment von der Hochschule ausgeliehen hatten, musste organisatorisch alles klappen. Und in Afrika kann man das nicht so planen wie in Deutschland. Daher war es sehr wichtig, dass die Protagonisten mit Stress vom Dreh klarkommen. Bei Maïmouna konnten wir uns da sicher sein.

     

    Wie sind Sie mit der schwierigen Drehsituation bei den Aufklärungsveranstaltungen umgegangen? Wie haben sich die Leute verhalten?

    Ulrike:Es war nur dadurch möglich, dass die Organisation vollkommen hinter uns stand, und wir auf dem Dorf immer vorher angekündigt wurden. Außerdem waren wir ja auch schon bei der Recherche im Dorf. Man hatte uns schon gesehen, kannte uns. Ich war fünf oder sechs Mal in dem Dorf, wir waren also keine Fremden. In den Dörfern, die uns nicht kannten war klar, wir kommen mit der Organisation, wir kommen mit den Leuten von Bangr Nooma. Unsere Dolmetscherin hat uns sehr viel geholfen. Sie hat uns oft gesagt, wo wir hingehen müssen und wie wir jemanden begrüßen sollen. Ihr Wissen über die Traditionen hat uns oftmals aus peinlichen Situationen wieder heraus geholt oder uns vor Peinlichkeiten bewahrt. Es geht auch einfach darum, vor Ort respektvoll zu sein, und bei so einer Aufklärungsveranstaltung nicht wie ein rasender Reporter mit der Kamera den Leuten direkt vor dem Gesicht herum zu hüpfen. Sondern zu schauen, wo integriere ich mich in die Veranstaltung, aber störe nicht. Es haben sich dann auch alle Leute filmen lassen und sind nicht einfach gegangen. Wir wurden immer freundlich empfangen und konnten ein Teil der Veranstaltung sein.

     

    Hat Ihre Anwesenheit und die Dreharbeiten direkte Resonanz hervorgerufen?

    Fabiola:Ich weiß nicht, ob das groß thematisiert wurde wegen uns. Die Veranstaltungen selber haben sich im Laufe der Zeit verändert. Am Anfang hat fast niemand an einer Diskussion teilgenommen, aber durch die ständigen Wiederholungen ist man offener geworden. Das ist allerdings ein sehr langer Prozess. Und wenn die Kamera dabei ist, wird es natürlich schwieriger. Ich glaube jedoch, dass sich unsere Anwesenheit nicht inhaltlich oder auf den Ablauf der Veranstaltungen ausgewirkt hat.
    Ulrike:Ich denke, dass hat sich vorher schon entschieden. Die Menschen, die es in Ordnung fanden, dass wir kommen und filmen, dass wir da sind und über das Thema berichten, die sind gekommen. Und die, welche es nicht in Ordnung fanden, sind nicht gekommen. Zum Teil sind sogar mehr gekommen, weil die Kamera da war. Sie waren neugierig und wollten uns ansehen. Das hat sich von allein reguliert. Aber es war nicht so, dass direkt jemand zu uns gekommen ist und gesagt hat, finden wir gut oder finden wir nicht gut. Es ist eher so, dass die Leute, die da waren, damit zum Ausdruck gebracht haben, dass sie es gut finden, wenn jemand sich für ihre Belange interessiert. Sie haben uns damit auch dahingehend Vertrauen entgegengebracht, dass wir sie und die Situationen in Deutschland richtig darstellen werden.

     

    Wird der Film auch in Burkina Faso gezeigt werden?

    Ulrike:Er ist schon in Burkina Faso gezeigt worden! Gleich als der Film fertig war, bin ich nach Burkina Faso gefahren, um ihn Maïmouna zu zeigen. Natürlich ist er auch an die ganzen Organisationen in Burkina Faso verteilt worden und an den Deutschen Entwicklungsdienst, welche ihn für ihre Zwecke nutzen werden. Es gab die Idee, ihn im Fernsehen zu zeigen, dazu ist es aber leider nicht gekommen. Auch auf dem Filmfestival in Burkina Faso ist er nicht genommen worden. Warum wissen wir nicht so genau, aber wir werden ihn nächstes Jahr wieder einschicken. Der Film soll auf jeden Fall gezeigt werden.

     

    Sind die Dreharbeiten so gelaufen, wie Sie sich das vorgestellt haben?

    Regisseurin Fabiola Maldonado

    Fabiola:Ich glaube, sie sind relativ gut gelaufen. Alles, was geplant worden war, konnten wir auch umsetzen. Situationen, in denen man improvisieren muss, gibt es natürlich immer.
    Ulrike:Für eine Szene sind wir extra mit Notstromaggregat ziemlich weit gefahren und hatten HMIs, Lampen, alles dabei. Dann ist das Notstromaggregat ausgefallen. Wir hatten sogar für den Notfall geplant und einen Elektriker mitgenommen, aber das Aggregat hat einfach den vielen Strom nicht ausgehalten. Deswegen ist die eine Szene nun etwas dunkel. So was passiert halt. Aber im Großen und Ganzen hat es gut geklappt.

     

    Konnten sie im Film Ihre Vorstellungen und Ziele umsetzen?

    Fabiola:Ja. Unser Ziel, den Menschen vor Ort und konkret Maïmouna eine Stimme zu geben, haben wir erreicht. Auch das Vorhaben, über dieses so schwierige Thema eine hoffnungsvolle Dokumentation zu machen, ist uns gelungen.
    Ulrike:Trotz der Schwere des Themas kann man den Film gern ansehen und vielleicht sogar glücklich raus gehen. Ich finde es sehr schön, dass viele, die den Film schon gesehen haben, sagen, dass sie so einen Film eigentlich nicht sehen wollten, weil das Thema so schrecklich ist. Damit wollen sie nichts zu tun haben. Aber nachdem sie den Film gesehen haben, können sie sich dem Thema nähern, können viel verstehen. Sie verurteilen die Menschen nicht, die noch beschneiden, wissen jedoch trotzdem um die Grausamkeit. Sie sind offener geworden, weil sie den Film gesehen haben.

     

     

    Interview geführt von Georg Göttlich

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